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Bundestagswahl : Tücken der Sonntagsfrage

Rohdaten und Verzerrungseffekte

Doch die neuen Wege, die Infratest dimap und die Forschungsgruppe beschritten, haben nicht dazu geführt, dass sich die Institute ähnlicher geworden sind. So setzt Infratest dimap seit Februar dieses Jahres bei der computergestützten Telefonumfrage zur Erhebung der Daten für die Sonntagsfrage nicht mehr ausschließlich auf Wahlberechtigte, die eine Festnetznummer haben. 30 Prozent der Rohdaten werden via Mobiltelefonnummern erhoben.

Die Forschungsgruppe Wahlen hat sich nach reiflicher Überlegung und mehreren Kontrolluntersuchungen gegen eine Einbeziehung von Mobilfunknummern entschieden. Zwar hat man auch in Mannheim festgestellt, dass gerade bildungsferne Schichten seltener über Festnetz zu erreichen sind. Aber dieser Effekt wird nach Ansicht von Matthias Jung dadurch kompensiert, dass Angehörige bildungsferner Schichten auch seltener zur Wahl gehen. „Der Verzerrungseffekt durch die abnehmende Erreichbarkeit via Festnetz ist so gering, dass er den Aufwand nicht rechtfertigt“, sagt Jung. Außerdem erreiche man via Mobilfunk nicht Haushalte, sondern Personen – und diese hätten in der Regel auch einen Festnetzanschluss.

Unterschiedliche Projektionen

Treu geblieben sind sich beide Institute in der unterschiedlichen Darstellung ihrer Erhebungen. Infratest dimap veröffentlicht jeweils freitags die gewichteten Antworten auf die Sonntagsfrage („Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?“), stets verbunden mit dem Hinweis, dass nur „aktuelle Wahlneigung“ gemessen werde, nicht aber „tatsächliches Wahlverhalten“. Im jüngsten Deutschland-Trend Extra, der am Donnerstag vor der Landtagswahl in Bayern ausgestrahlt wurde, fehlte auch nicht der Hinweis darauf, das etwa ein Viertel der Wahlberechtigten entweder gar nicht wählen wolle oder sich noch nicht festgelegt habe.

Der jeweils freitags mittags veröffentlichte „Newsletter“ der Forschungsgruppe Wahlen mit den Daten des am Abend zu sendenden „Politbarometer“ unterscheidet hingegen traditionell zwischen der politischen Stimmung in der Bevölkerung und der Projektion der Stärke der Parteien. In diese Werte gingen „längerfristige Grundüberzeugungen und auch taktische Überlegungen“ ein. Nicht zu übersehen sind in dem „Newsletter“ auch die methodischen Vorbehalte, die sich mit den jeweils gerundeten Werten für die einzelnen Parteien verbinden: Bei 1250 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten und einem Parteianteil von etwa vierzig Prozent beträgt der statistische Fehlerbereich nach oben wie nach unten etwa drei Prozentpunkte, bei einem Parteianteil von etwa zehn Prozent muss mit einer Unschärfe von jeweils etwa zwei Punkten gerechnet werden.

Diese Fehlertoleranzen werden sich nach Worten Jungs erstmals auch in der grafischen Darstellung der Wahlneigung wiederfinden, die am Donnerstagabend ausgestrahlt wird. Dass es aber überhaupt so weit kommt, ist das Ergebnis langer Debatten, die längst vor dem vermeintlichen Debakel der Wahlforschung in Niedersachsen eingesetzt haben. Doch weder nach der Bundestagswahl 2005 noch nach der Bundestagswahl 2009 kamen ARD und ZDF überein, ihre jeweils letzten Umfragen in der Woche vor einer Wahl zu veröffentlichen.

WDR-Chefredakteur Schönenborn wird in diesen Tagen nicht müde, die Aussagekraft von Last-Minute-Umfragen mit dem Hinweis auf starke Stimmungsschwankungen in der Wählerschaft zu relativieren. Jung lässt diese Einschätzung kalt: „Warum sollen wir ausgerechnet dann, wenn die Bürger sich besonders mit Politik beschäftigen, aufhören, die Stimmung zu messen?“ Richard Hilmer indes möchte die Verantwortung nicht tragen, die mit der Veröffentlichung von Meinungsumfragen unmittelbar vor einer Wahl einhergeht. Die Niedersachsen-Wahl wäre sicher anders ausgegangen, hätte eine Meinungsumfrage 72 Stunden vor dem Wahltag der FDP sieben oder nur sechs Prozent vorhergesagt, argumentiert er. Statt mit Zahlen sollten sich die Bürger kurz vor der Wahl eher mit Programmen und Personen beschäftigen.

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