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Bundestagswahl : Schwarz ist nur eine Farbe

  • -Aktualisiert am

Karamba Diaby (SPD) Bild: dpa

Karamba Diaby kandidiert in Halle für den Bundestag. Der SPD-Politiker wäre der erste Abgeordnete mit afrikanischen Wurzeln. Doch darauf möchte er nicht reduziert werden.

          4 Min.

          In Halle ist man noch mit den Folgen der Flut beschäftigt. 330 Millionen Euro Schaden sollen entstanden sein, nun hofft die Stadt auf Gelder aus der Fluthilfe. Aber der Schlamm ist noch da. Er hängt noch in den Schrebergärten entlang der Zugstrecke kurz vor Halle. Der Mann, der die Hallenser in Zukunft im Bundestag vertreten will, ist ein Fachmann, was Schrebergärten angeht. Karamba Diaby hat seine Doktorarbeit über den „Schadstoff und Nährstoffgehalt hallescher Kleingärten“ geschrieben.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          1985 kam Diaby fast ohne ein Wort Deutsch aus dem Senegal in die DDR. Jetzt tritt er in Sachsen-Anhalt zur Bundestagswahl an, und die Chancen stehen gut, dass er der erste Bundestagsabgeordnete mit afrikanischen Wurzeln sein wird. Menschen mit Migrationshintergrund gibt es mittlerweile einige in der Politik, sogar Parteivorsitzende. Aber keiner im Bundestag hat afrikanische Wurzeln.

          Anders gesagt: Keinem sieht man die Herkunft so direkt an wie Diaby. Das ist klischeehaft, vielleicht ist es sogar rassistisch. Aber darum dreht sich vieles in dieser Geschichte, denn Diaby ist für viele ein Vorzeigebeispiel, ein Mustermigrant. „Neue Deutsche Vielfalt“ heißt ein Beitrag über ihn in der SPD-Zeitschrift „Vorwärts“. Gegen solche Zuschreibungen wehrt er sich nicht. Vielleicht nutzt er sie auch. Aber vielleicht hat er auch keine Wahl.

          „Halle ist keine Hochburg der Neonazis“

          Der womöglich erste Schwarze im Bundestag ist eine erzählenswerte Geschichte. Interessanter wird sie für manche noch, da Diaby in Halle antritt, in Sachsen-Anhalt. Als „Experiment“ hat die Zeitschrift „Der Spiegel“ einen Artikel über Diaby überschrieben. Halle als „Hochburg des Rechtsradikalismus“. Diaby sei „gerade noch“ entkommen, heißt es da, als er einmal von rechten Jugendlichen attackiert worden sei. In einigen Ecken Halles sei es „lebensgefährlich für Menschen mit dunkler Hautfarbe, nachts allein auf die Straße zu gehen“. „Halle ist keine Hochburg der Neonazis“, sagt Diaby. Der Artikel habe ihn sehr geärgert. Aber nachdem er publiziert wurde, stieg die Aufmerksamkeit für seine Kandidatur rapide. Selbst die amerikanische Zeitung „New York Times“ berichtete, vielleicht hat der Bericht im „Spiegel“ Diaby sogar ein wenig geholfen. Kritik von außen schweißt zusammen.

          Abends lädt die SPD in Halle im Hinterzimmer einer Kneipe zur Podiumsdiskussion. „Rassismus in der Mitte der Gesellschaft?!“ lautet das Thema. Mit Frage- und Ausrufezeichen. Unglauben und Empörung zugleich. Diaby kommt spät. Alle sitzen schon, da eilt er durch den Raum, grüßt noch schnell in die Runde und setzt sich aufs Podium. Vorgestellt wird die „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus, heißt es darin, seien keine Randerscheinungen, sondern mitten in der Gesellschaft zu finden. Aber wie spricht man angemessen über Alltagsrassismus? Auch in Halle gibt es eine „Mohren-Apotheke“. „Seit 1894“, steht im Schaufenster. „Es sind die kleinen Dinge, die es ausmachen“, sagt eine Frau im Publikum. Ihr Freund, sagt sie, sei Ausländer.

          Beim Wahlkampf in Halle

          „Paradoxerweise fühlen sich die Menschen ausgerechnet dort am meisten überfremdet, wo es die wenigsten Ausländer gibt“, sagt Elmar Brähler, emeritierter Professor in Leipzig und Autor der Studie. In den neuen Ländern haben nur rund fünf Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund, in den alten Bundesländern sind es etwa 20 Prozent. Ausländerfeindlich sind der Studie zufolge in den neuen Ländern 38 Prozent der Befragten. „Tendenz steigend.“

          Darüber ist man hier angemessen entrüstet. Auf der Veranstaltung sind die Engagierten unter sich. Im Publikum viele Jusos. „Herr Dr. Diaby“, nennen die ihn ganz vorsichtig. Diaby sitzt da im graublauen Anzug mit feinen hellen Streifen, Brille mit metallenem Rand, beiges Hemd. Er scheint der Einzige im Raum mit Migrationshintergrund zu sein und besetzt hier gleich mehrere Rollen: den Politiker und den Einwanderer, den Gestalter und den Betroffenen. An einer Stelle funktioniert das nicht, die Diskussion gerät ins Rutschen.

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