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Kurz vor der Wahl-Entscheidung : Der unentschlossene Wähler

Der Wähler, das unbekannte Wesen: Wachpersonal und Gäste warten in Berlin auf die Ankunft von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Bild: TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

In die letzten 72 Stunden stecken die Parteien enorm viel Geld. Vor allem auf taktischen Wählern ruhen große Hoffnungen. Ist doch noch ein Kanzler Martin Schulz möglich?

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          Eine gute Woche vor der Bundestagswahl hatten laut Forschungsgruppe Wahlen rund 40 Prozent der Deutschen noch nicht entschieden, wen sie wählen wollen. Einen Monat vor der Wahl hat das Meinungsforschungsinstitut Allensbach sogar gemessen, dass knapp jeder zweite Wähler noch nicht wusste, für wen er oder sie stimmen soll. Das vermittelt den Eindruck eines ungebundenen, beinahe unentschlossenen Volkes – und einer völlig offenen Wahl. Die Parteien nehmen das aus unterschiedlichen Motiven in ihren Wahlkampf auf. Wer sich von der Wahl mehr erhofft als in den Umfragen vorhergesagt, kann behaupten, das Ergebnis lasse sich noch drehen. Brexit, Trump und so manche ostdeutsche Landtagswahl mit dem Erfolg der AfD: das wurde alles nicht vorhergesehen. Ist also vielleicht doch noch ein Kanzler Martin Schulz möglich?

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Die Gruppe der Unentschlossenen ist heterogen. Dass sie alle in eine Richtung strömen, ist mehr als unwahrscheinlich. Einen externen Effekt wie eine Naturkatastrophe oder einen Terroranschlag, von denen eine Partei besonders profitieren könnte, gibt es bislang nicht. Viele Unentschlossene beschäftigen sich erst spät mit der Bundestagswahl, sie sind in geringerem Maß an Politik interessiert. In dieser Gruppe – geringere Bildung und tendenziell politikfern – konnte die AfD bei den Landtagswahlen viele Stimmen gewinnen. Unter ihnen könnte sich aber auch der „Bandwagon“-Effekt, auch Mitläufer-Effekt genannt, auswirken. Dachte man früher, die Wähler wollten auf der Seite des Siegers stehen, geht man heute davon aus, dass die in den Umfragen stärkste Partei nach einer Art Bestseller-Prinzip Stimmen an sich zieht: So wie sich Menschen aufgrund der Anzahl von Sternen über Internetproduktrezensionen für einen neuen Toaster entscheiden, wählen sie womöglich auch eine Partei. Statt Programme oder Medienberichte zu lesen, vertrauen sie auf die Umfragen und das Urteil anderer. Zu den „Unentschlossenen“ zählen auch jene, die bei zurückliegenden Wahlen nicht gewählt haben. Diese strukturellen Nichtwähler könnte die AfD möglicherweise für sich gewinnen. Wer vorher dachte, mit der eigenen Stimme nichts zu verändern, könnte in der Partei eine Chance zur Protestwahl erkennen.

          Bleiben unter den Unentschlossenen die taktischen Wähler. Verschiedene Studien schätzen ihren Anteil auf zehn Prozent. Sie wollen erst die letzten Meinungsbilder kennen, um ein Bündnis und damit eine Regierungsoption zu stützen oder zu verhindern. Aus ihrer Stimme wollen sie ein Maximum herausholen – und im Zweifel Zünglein an der Waage sein. Wenn Christian Lindner davon spricht, man dürfe sich nicht aufgrund der Umfragen sicher sein, ob die FDP in den Bundestag kommt, spielen dabei auch die Erkenntnisse aus dem Wahljahr 2013 eine Rolle. Damals waren die Liberalen laut einer der letzten Umfragen knapp im Parlament, doch die entscheidende Mobilisierung blieb aus, und die Liberalen flogen aus dem Parlament.

          In der Schlussphase des Wahlkampfes sind zwei Gruppen wichtig. Zum einen die Mitglieder und Anhänger der Parteien, zum anderen jene, die man schon einmal für sich überzeugt hat, denn sie müssen tatsächlich wählen gehen. Der Eindruck, dass Angela Merkel sowieso Kanzlerin bleibt, dürfte für die CDU-Kampagnenplaner ein Stück weit hinderlich sein. In den letzten Stunden des Wahlkampfes spielen die digitalen Kanäle eine wichtige Rolle. Die mühsam aufgebauten Reichweiten werden genutzt, um Anhänger auf dem Laufenden zu halten.

          Den Stellenwert der Schlussmobilisierung haben alle Parteien erkannt. Sie haben, wie aus den Parteizentralen zu erfahren ist, schon in der Planungsphase im vergangenen Jahr beschlossen, viel Geld in die letzten 72 Stunden des Wahlkampfes zu stecken. Die einen werden, wie gesagt, mobilisiert; die Unentschlossenen, das ist die zweite entscheidende Gruppe, müssen erst noch überzeugt werden. In Netzwerken wie Facebook lassen die Parteien Werbung ausspielen, die auf die Interessen hin optimiert sind. FDP-Werbung bekommt zu sehen, wer sich sowieso für Digitales oder Start-ups interessiert. Menschen auf dem Land bekommen eher Wahlwerbung zur ländlichen Infrastruktur in die Timeline gespielt, Städter Inhalte zum Mieterschutz.

          Haustürwahlkampf mit der App

          Die CDU setzt etwa mit ihrer App Connect17, die im Haustürwahlkampf eingesetzt wird, auf das Verknüpfen von Daten: Das Wahlverhalten zurückliegender Wahlen, Sozialdaten sowie Informationen über das Konsumverhalten, die von der Deutschen Post stammen, geben Hinweise darauf, ob in einem bestimmten Straßenzug Anhänger der Partei leben könnten. Im Saarland konnten dadurch offenbar viele ehemalige CDU-Wähler, die zeitweise zu Nichtwählern geworden waren, zurückgewonnen werden. Die App allein dürfte wenigstens zum Teil zum Erfolg beigetragen haben. Ein Grund für manche CDU-Wähler war es, dass sie Rot-Rot-Grün, worüber Wochen vor der Wahl diskutiert wurde, verhindern wollten.

          Es gibt Zweifel daran, wie ausgeprägt die Unentschlossenheit der Deutschen wirklich ist. In der amerikanischen Wahlforschung, die stärker auf psychologische Analysen setzt, gibt es Experimente darüber, wann Menschen ihre Entscheidung treffen. Das Ergebnis war, dass sie häufig längst entschieden haben, was sie wählen wollten, es aber nicht als „Entscheidung“ artikulieren: Ein Wähler weiß für sich, dass Merkel Kanzlerin bleiben soll, ihm fehlen aber die Gründe dafür. So sucht er im Wahlkampf nach Gründen für die CDU. Wird er nach seiner Wahlentscheidung gefragt, gibt er häufig an, „unentschlossen“ zu sein.

          Der Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck, der in Mannheim an den Längsschnittstudien zur Wahlforschung mitarbeitet, erkennt eine Neigung, sich spät zu entscheiden. Viele Wähler sehen sich selbst als taktische und strategische Entscheider. Dazu passt, dass 2013 eine Woche vor der Wahl zwei Drittel, so die Forschungsgruppe, angaben, sich theoretisch noch für eine andere Partei entscheiden zu können. Der Anteil der sogenannten Wechselwähler ist laut verschiedener Erhebungen nicht so stark gestiegen wie teilweise vermutet. Schmitt-Beck schätzt, der Anteil sei im Vergleich zu den 1980er Jahren von einem Fünftel auf ein Drittel der Wähler gestiegen, die sich flexibel zwischen den Parteien bewegen. Aus den Längsschnittstudien aus Mannheim geht auch hervor, dass Medien und Wahlkampf einen weit geringeren Einfluss auf die Wahlentscheidung haben. Viel wichtiger war das eigene Umfeld.

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