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Kurz vor der Wahl-Entscheidung : Der unentschlossene Wähler

Den Stellenwert der Schlussmobilisierung haben alle Parteien erkannt. Sie haben, wie aus den Parteizentralen zu erfahren ist, schon in der Planungsphase im vergangenen Jahr beschlossen, viel Geld in die letzten 72 Stunden des Wahlkampfes zu stecken. Die einen werden, wie gesagt, mobilisiert; die Unentschlossenen, das ist die zweite entscheidende Gruppe, müssen erst noch überzeugt werden. In Netzwerken wie Facebook lassen die Parteien Werbung ausspielen, die auf die Interessen hin optimiert sind. FDP-Werbung bekommt zu sehen, wer sich sowieso für Digitales oder Start-ups interessiert. Menschen auf dem Land bekommen eher Wahlwerbung zur ländlichen Infrastruktur in die Timeline gespielt, Städter Inhalte zum Mieterschutz.

Haustürwahlkampf mit der App

Die CDU setzt etwa mit ihrer App Connect17, die im Haustürwahlkampf eingesetzt wird, auf das Verknüpfen von Daten: Das Wahlverhalten zurückliegender Wahlen, Sozialdaten sowie Informationen über das Konsumverhalten, die von der Deutschen Post stammen, geben Hinweise darauf, ob in einem bestimmten Straßenzug Anhänger der Partei leben könnten. Im Saarland konnten dadurch offenbar viele ehemalige CDU-Wähler, die zeitweise zu Nichtwählern geworden waren, zurückgewonnen werden. Die App allein dürfte wenigstens zum Teil zum Erfolg beigetragen haben. Ein Grund für manche CDU-Wähler war es, dass sie Rot-Rot-Grün, worüber Wochen vor der Wahl diskutiert wurde, verhindern wollten.

Es gibt Zweifel daran, wie ausgeprägt die Unentschlossenheit der Deutschen wirklich ist. In der amerikanischen Wahlforschung, die stärker auf psychologische Analysen setzt, gibt es Experimente darüber, wann Menschen ihre Entscheidung treffen. Das Ergebnis war, dass sie häufig längst entschieden haben, was sie wählen wollten, es aber nicht als „Entscheidung“ artikulieren: Ein Wähler weiß für sich, dass Merkel Kanzlerin bleiben soll, ihm fehlen aber die Gründe dafür. So sucht er im Wahlkampf nach Gründen für die CDU. Wird er nach seiner Wahlentscheidung gefragt, gibt er häufig an, „unentschlossen“ zu sein.

Der Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck, der in Mannheim an den Längsschnittstudien zur Wahlforschung mitarbeitet, erkennt eine Neigung, sich spät zu entscheiden. Viele Wähler sehen sich selbst als taktische und strategische Entscheider. Dazu passt, dass 2013 eine Woche vor der Wahl zwei Drittel, so die Forschungsgruppe, angaben, sich theoretisch noch für eine andere Partei entscheiden zu können. Der Anteil der sogenannten Wechselwähler ist laut verschiedener Erhebungen nicht so stark gestiegen wie teilweise vermutet. Schmitt-Beck schätzt, der Anteil sei im Vergleich zu den 1980er Jahren von einem Fünftel auf ein Drittel der Wähler gestiegen, die sich flexibel zwischen den Parteien bewegen. Aus den Längsschnittstudien aus Mannheim geht auch hervor, dass Medien und Wahlkampf einen weit geringeren Einfluss auf die Wahlentscheidung haben. Viel wichtiger war das eigene Umfeld.

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