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Bundestagswahlen seit 1949 : 1980: Franz Josef Strauß setzt auf Polarisierung

Franz Josef Strauß bei einer Wahlkampfkundgebung in Frankfurt am Main am 22. August 1980 Bild: Barbara Klemm

19 Wahlen, 19 Geschichten. Heute: Franz Josef Strauß setzt sich als Kanzlerkandidat durch – und scheitert in der Bundestagswahl 1980 deutlich. Sein polarisierender Politikstil passt nicht mehr in die Zeit. Teil 9 unserer Wahlserie.

          3 Min.

          Franz Josef Strauß war das, was oft als „Vollblutpolitiker“ bezeichnet wird. Mit der Polarisierung der politischen Auseinandersetzung hatte er nie große Probleme. Für manche seiner politischen Gegner war er aber auch einfach nur ein Feind. Feindbilder können gefährlich werden in der Politik. Wenn sie sich so äußern wie im Bundestagswahlkampf 1980, muss man im Nachhinein fast froh sein, dass es nicht schlimmer gekommen ist.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Die Auseinandersetzung um die Kanzlerkandidatur innerhalb der Unionsparteien war seit Juli 1979 zugunsten des CSU-Vorsitzenden offiziell erledigt. Trotzdem hielt sich die Begeisterung für Strauß zumindest in Teilen der Schwesterpartei CDU in Grenzen.

          Bei seinen Auftritten bemühte sich Strauß um das, was heutzutage gerne „klare Kante“ genannt wird. Das führte bei ängstlichen Gemütern in beiden deutschen Staaten zu besorgten Fragen, ob der Mann die Bundesrepublik in einen Krieg gegen den Ostblock führen wolle. Das wollte Strauß zwar ganz sicher nicht. Aber die harte Sprache, die er pflegte, klang in vielen Ohren etwas aus der Zeit gefallen.

          Wobei man freilich anmerken muss, dass sich die weltpolitische Lage spätestens seit Ende 1979 deutlich verschlechtert hatte. Damals waren sowjetische Truppen in einem Akt „internationalistischer Hilfe“ in Afghanistan einmarschiert und hatten eine Regierung von Moskaus Gnaden etabliert.

          Deutsche Wahlgeschichte(n): Jeden Tag bis zum 26. September erzählen wir von einer früheren Bundestagswahl. Zuletzt erschienen:

          1976: Feind – Erzfeind – Parteifreund

          1972: Willy Brandt führt die SPD zum Triumph

          1969: Machtwechsel ohne braunes Gespenst

          Gleichzeitig wurde die westliche Welt von Wirtschaftskrisen geschüttelt, angefacht durch den zweiten Ölpreisschock. Und da der Kandidat Strauß nicht nur außen- und sicherheitspolitisch polarisierte, sondern sich auch für mindestens einen der besten Wirtschafts- und Finanzfachleute unter der Sonne hielt (das hatte er mit seinem Gegner Helmut Schmidt gemeinsam), waren die dominierenden Wahlkampfthemen vorgegeben.

          Einzigartig an diesem Wahlkampf war aber ein Kinofilm, der am 18. April 1980 Premiere hatte: „Der Kandidat“. Ein Autorenkollektiv um den Regisseur Volker Schlöndorff wollte mit diesem dokumentarischen Film dazu beitragen, den Einzug des CSU-Vorsitzenden ins Bonner Kanzleramt zu verhindern. Über die Machart des Films ist schon von Zeitgenossen viel diskutiert worden. Auch waren sich die Autoren nicht in allen Punkten einig. Aber der Film markierte doch eine Auseinandersetzung, wie sie die Bundesrepublik bis dahin noch nicht gesehen hatte. Der Wunsch der Filmemacher ging zwar in Erfüllung. Aber nicht einmal sie würden vermutlich sagen, dass dies maßgeblich ihr Verdienst gewesen sei.

          Strauß' Politikverständnis nicht mehrheitsfähig

          Vielmehr erwies sich, dass die Art, wie Franz Josef Strauß Politik verstand und lebte, nicht mehrheitsfähig war. Der amtierende Bundeskanzler Helmut Schmidt profitierte zudem von seinem Ruf als zuverlässiger Krisenmanager. Dieser hatte sich besonders durch seine Unnachgiebigkeit gegenüber der Herausforderung durch die Terroristen der linksextremen RAF im Herbst 1977 gefestigt.

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          Das Ergebnis für Schmidts SPD bei der Wahl am 5. Oktober 1980 blieb mit 42,9 Prozent in etwa auf dem Niveau von 1976. Die Unionsparteien freilich gingen von 48,6 Prozent im Jahre 1976 auf nun 44,5 Prozent zurück. Strauß schnitt also schlechter ab als vier Jahre zuvor sein innerparteilicher Konkurrent Helmut Kohl. Großer Gewinner der Wahl waren die Freien Demokraten. Sie erreichten 10,6 Prozent und waren somit die eigentlichen Profiteure des polarisierenden Wahlkampfs, weil sie vielen Schmidt-Anhängern als ausgleichende Kraft erschienen.

          Die SPD folgt ihrem Kanzler nur noch widerwillig

          Eine solche war angesichts einer SPD gefragt, die den sicherheitspolitischen Realitäten immer weniger ins Auge sehen wollte. Diese hatten sich durch die sowjetische Aufrüstung mit mobilen atomaren Mittelstreckenraketen in den Jahren vor 1980 deutlich verändert. Helmut Schmidt hatte das frühzeitig erkannt und den widerstrebenden amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und die NATO dazu bewegt, am 12. Dezember 1979 den berühmt gewordenen „Doppelbeschluss“ zu fassen. Darin bot man der Sowjetunion Verhandlungen über einen Abbau der Mittelstreckenraketen an, drohte für den Fall von deren Scheitern aber die Aufstellung eigener Waffen an. Letzteres war im Westen unpopulär. Die SPD folgte ihrem Kanzler in dieser Frage nur noch widerwillig.

          13. Januar 1980: Gründungsparteitag der „Grünen" in Karlsruhe
          13. Januar 1980: Gründungsparteitag der „Grünen" in Karlsruhe : Bild: dpa

          Sie sah sich einer neuen politischen Konkurrenzpartei gegenüber, die sich auf Umwelt-, Friedens- und Energiefragen spezialisiert hatte. Die Grünen traten, frisch gegründet, bei der Bundestagswahl 1980 erstmals bundesweit in Erscheinung. Zwar störten sie mit 1,5 Prozent der Zweitstimmen das etablierte Drei-Fraktionen-System im Bundestag noch nicht. Aber sie schafften es in zunehmendem Maße, Aufmerksamkeit durch öffentlichkeitswirksame Aktionen, zum Beispiel gegen Atomkraftwerke, zu erwecken. Einen ersten Wahlerfolg hatte die Partei im Oktober 1979 bei der Bürgerschaftswahl in Bremen errungen, wo ihr der Einzug in das Landesparlament gelungen war.

          Der Historiker Frank Bösch hat in einem Buch das Jahr 1979 als „Zeitenwende“ bezeichnet, mit der unsere Gegenwart begann. Das Auftreten der Grünen passt in dieses Bild. Und womöglich gilt das auch für das Scheitern des CSU-Vorsitzenden als Kanzlerkandidat. Franz Josef Strauß, Jahrgang 1915, repräsentierte für zu viele Wähler eine vergangene Zeit, um den Einzug ins Kanzleramt schaffen zu können. Die Grünen, zu großen Teilen aus einer ganz anderen Generation, brauchten etwa eineinhalb Jahrzehnte, bis sie sich im parlamentarischen System etabliert hatten. Strauß war da schon tot.

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