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Politischer Aschermittwoch : Martin Schulz verdirbt der CSU die Laune

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Letzte Woche kam beim bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer Fastnachts-Stimmung auf. Mit dem politischen Aschermittwoch ist das dann vorbei. Bild: dpa

Das Umfragehoch des designierten SPD-Kanzlerkandidaten verunsichert Horst Seehofers Partei. Doch ihr Hochfest will sich die CSU nicht verderben lassen. Schließlich geht es in Passau auch um Seehofers Nachfolge.

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          Zu den Stärken der CSU gehört es, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen – sie trifft damit ein Lebensgefühl der Bayern, denen nichts mehr zuwider ist als norddeutsche Selbstgewissheit. Eine Castingshow verspreche in diesem Jahr der Politische Aschermittwoch in Passau zu werden, wird in der Partei gespöttelt. Nicht nur die traditionelle Rede des Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Horst Seehofer steht neben ausgiebigem Bierkonsum auf dem Programm. Mit Manfred Weber, dem Vorsitzenden der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Alexander Dobrindt, dem Bundesverkehrsminister, und Joachim Herrmann, dem bayerischen Innenminister, sollen drei Politiker sprechen, denen zugetraut wird, noch nicht am Ende ihrer Karriere angekommen zu sein.

          Eine „bella Figura“ am Hochfest der CSU abzugeben gilt als ihre finale Reifeprüfung, auch wenn noch unklar ist, wozu sie qualifizieren könnte. Denn Horst Seehofer hält das große Spiel um seine Nachfolge, das er schon vor Jahren begonnen hat, nach wie vor offen. Wer die Partei in die Bundestagswahl führen wird, wer am Ende des Jahres ihr Vorsitzender sein wird, wer die Landtagswahl im nächsten Jahr bestreiten soll, bei der sie ihre absolute Mehrheit verteidigen muss – nichts steht in der CSU gegenwärtig fest. Am 6. Mai, dem Tag, an dem die CSU ihre Bundestagsliste aufstellen will, solle Klarheit herrschen, sagt Seehofer – es dürfte eine Klarheit sein, wie er sie versteht.

          Noch spannender als die Frage, wer am Aschermittwoch spricht, ist in diesem Jahr, wer nicht spricht: Markus Söder, der bayerische Finanzminister, der in der Gabe, These und Antithese in seiner Person zu einer Synthese zu führen, kaum hinter Seehofer zurücksteht. Mit großer Inbrunst sagt er, sein Platz sei in Bayern, nicht in Berlin – und mit großer Inbrunst äußert er sich zur Berliner Politik im Allgemeinen und zur Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel im Besonderen.

          Markus Söder, der politische Kunstschütze

          Mit den Bonmots, die Söder zu Merkel geprägt hat, lässt sich mittlerweile ein Almanach füllen; sie reichen von der Ermahnung, der berühmte Satz der Kanzlerin „Wir schaffen das“ sei zu wenig, bis zu seiner jüngsten freundlichen Aufforderung, Merkel solle zusätzliche „Motivationsarbeit für die Basis“ leisten. Söder ist ein politischer Kunstschütze: Wenn er auf die Kanzlerin zielt, trifft er immer auch Seehofer, ganz gleich, wo der gerade steht – vor, hinter oder an der Seite Merkels, wie es der gegenwärtigen Schlachtordnung vor den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen und vor der Bundestagswahl entspricht.

          Wird beim großen Aschermittwoch-Casting wohl auf der Bühne fehlen: Bayerns Finanzminister Markus Söder.
          Wird beim großen Aschermittwoch-Casting wohl auf der Bühne fehlen: Bayerns Finanzminister Markus Söder. : Bild: dpa

          Denn in der CSU ist es natürlich Sache des „Comandante en Jefe“, die Kanzlerin zu tadeln, zu loben oder einfach stehenzulassen – und nicht eines „Subcomandante“ Söder. Wenig erstaunlich, dass Söder beim großen Aschermittwoch-Casting fehlen wird, zumindest auf der Bühne. Söder verhehlt auch nicht, wie er die Parade der Prätendenten einschätzt: „Wird bestimmt toll.“

          Aschermittwoch wird zum Betriebsfest

          Ein historischer Aschermittwoch wird es in jedem Fall – denn es spricht Bände, dass nicht nur die Rednerliste ins schier Unendliche verlängert, sondern auch die Choreographie verändert wird. Schon in den vergangenen Jahren hat Seehofer, dem das Ritual aus politischen Sottisen und Maßkrugschwingen fremd geblieben ist, sich Helfer an die Seite geholt – mal sprach Edmund Stoiber, mal Peter Gauweiler, je nach politischer Stimmungslage. Doch Bier und Reden mussten ausreichen, um das Publikum in Stimmung zu bringen – recht viel mehr Animation gab es nicht.

          Dieses Jahr setzt die CSU neben den Rednerreigen auf einen im Privatfernsehen gestählten Moderator und mehrere Filmeinspielungen; das Vertrauen, dass Alexander Dobrindt mit seiner großen Maut-Saga das Publikum in Ekstase versetzt, scheint nicht allzu groß zu sein. Es wird eine Melange aus Reden und Versatzstücken des zeitgenössischen Unterhaltungsgenres geboten werden, wie sie jedes mittelständische Unternehmen, das auf sich hält, zu einem Betriebsfest offeriert.

          Martin Schulz verdirbt der CSU die Laune

          Das „Mia san mia“ ging der CSU schon flüssiger über die Lippen. In früheren Zeiten wäre der Politische Aschermittwoch der SPD in Vilshofen „ned amal ignoriert“ worden, wie in Bayern die Empfehlung für den Umgang mit lästigen Zeitgenossen lautet. Jetzt verdirbt eine harmlose Meldung der SPD, für die Veranstaltung mit dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz seien schon alle fünftausend Sitzplatzkarten vergeben, der CSU gründlich die Laune; ihr Generalsekretär Andreas Scheuer gibt sich überzeugt, es würden bei seiner Partei „gefühlt zehntausend Besucher“. Die Stadt Passau gibt für die „Dreiländerhalle“, in der die CSU tagt, allerdings eine Kapazität von 7000 Stehplätzen oder 3600 Sitzplätze an – real, nicht gefühlt.

          Keine Frage: Schulz befeuert die Phantasien der CSU. Söder hat schon einmal wissen lassen, bei dem Auftrieb, den Schulz der SPD gebe, handle es sich nicht um ein bloßes „Strohfeuer“; für die Union werde es nicht reichen, auf die Erfolge der Vergangenheit zu verweisen. Und Söder wiederholt seinen Vorschlag, noch vor der Bundestagswahl die Steuerlast von kleinen und mittleren Einkommen zu verringern. Im vergangenen Monat war er damit bei Seehofer auf brüske Ablehnung gestoßen. Doch solange Seehofer sich nicht festlegt, wie er es mit seinen Ämtern halten will, darf als unbestimmt gelten, wer für die CSU spricht, wenn es um die Zukunft geht – unabhängig davon, wer am Politischen Aschermittwoch spricht.

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