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Merkel im Wahlkampf : Blüh im Glanze

Früher, da hätte die Rede des Kanzlerkandidaten mit einer kämpferischen Fanfare geendet: Wählt uns! Bild: dpa

Merkel lässt in ihren Reden kaum ein Thema aus. Aber auf Beifall und den ganzen Schnickschnack ist sie gar nicht aus. Ist es wirklich Wahlkampf, was Merkel macht?

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          Früher musste jemand, der eine Wahlkampfkundgebung der CDU stören wollte, nicht lange nach Helfern suchen. Aber in Siegen, wo Angela Merkel am frühen Abend erwartet wird, läuft ein Mann – schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, Sonnenbrille – durch das wartende Publikum, trägt ein zusammengerolltes Transparent und fragt immer mal wieder in die Runde: „Das ist ein Transparent, auf dem steht: ,Täglich werden Menschen bei uns gemordet. Danke, Frau Merkel!‘ Ich brauche noch einen zweiten Mann, um es hoch zu halten. Helfen Sie mir?“ Er findet niemanden, alle winken ab, schütteln den Kopf, zeigen einen Vogel.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Dann kommt die Kanzlerin, und sehr schnell wird klar, warum es dieses Mal anders ist mit der CDU. Es ist gar keine Wahlkampfkundgebung! Angela Merkel wendet sich an das Volk, um danke zu sagen – danke, dass so viele gekommen sind, danke, dass es so viele Ehrenamtliche gibt in Deutschland, danke, dass Polizisten für Sicherheit sorgen, danke, dass das Pflegepersonal so viel leistet, und auch danke dafür, dass die CDU in Nordrhein-Westfalen die Wahlen gewinnen durfte. Am Ende dann noch einmal: Danke!

          Kein böses Wort über die Konkurrenz

          Merkel lässt in ihrer Rede kaum ein Thema aus, aber auf Beifall und den ganzen Wahlkampf-Schnickschnack ist sie gar nicht aus. Hier steht keine Wahlkämpferin, die mit Munition um sich schießt. Kein böses Wort über die Konkurrenz, kein Wort über Schulz, überhaupt: kein lautes Wort. Den größten Applaus, so etwas wie Stimmung, gibt es nach gut einer Viertelstunde, als sie auf die Christenverfolgung in aller Welt hinweist, und dann noch einmal wenig später, als sie die in Deutschland aufgenommenen Flüchtlinge auffordert, sie sollten sich bemühen, die deutsche Sprache zu lernen, „bringen Sie sich ein!“ Aber weder Diesel, Wohnungseinbrüche, Forschung, Digitalisierung noch sonst ein Gedanke – „Maß und Mitte“, „Würde des Menschen“ – lässt einen Funken überspringen.

          Braucht es diesen Funken aber überhaupt? Volkmar Klein bemüht sich darum, der Bundestagsabgeordnete für Siegen-Wittgenstein, auch Hermann Gröhe, Bundesminister und Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen. Sie werden in ihren „kämpferischen“ Appetizern wenigstens ein bisschen polemisch und tun so, als wollten sie einheizen. Aber für Merkel gilt: Der Funke ist schon da, bevor sie etwas gesagt hat, und „sagen“ heißt in ihrem Fall: bevor sie in fast schon intellektueller Fürsorglichkeit die Leute unterrichtet, die andächtig dem „Stabilitätsanker“ (H. Gröhe) dieser Welt lauschen. Die Leute sind gekommen, um Merkel zu sehen. Sie ist der Funke.

          Früher, da hätte die Rede des Kanzlerkandidaten mit einer kämpferischen Fanfare geendet: Wählt uns! Aber die Frau auf dem Podium hält ihre Nicht-Kundgebung eisern durch. Wenn Angela Merkel am Ende ihrer Ansprache um die Stimmen der Leute wirbt, dann klingt das so: Wenn Sie heute Abend nach Hause kommen, dann sprechen Sie vielleicht über das, was Sie eben gehört haben, und vielleicht sind Sie ja sogar damit einverstanden. Vielleicht haben Sie noch Fragen? Dann melden Sie sich bei uns! Ansonsten: Bitte wählen Sie die CDU, auch wenn Sie vielleicht nicht mit allem einverstanden sind, aber doch irgendwie im Grundsätzlichen. Volkmar Klein geht anschließend noch einmal ans Mikrofon, wie um daran zu erinnern, um was es hier eigentlich gerade geht: Wählt uns! Wählt CDU!

          Dann wird die Nationalhymne gesungen. Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Das hat die CDU auch schon früher im Wahlkampf gemacht. Aber da sangen nicht alle mit. In Siegen singen alle mit. Na ja, nicht wirklich alle, aber erstaunlich viele. Blüh im Glanze dieses Glückes. Der Mann in Schwarz hat sein Transparent dann doch noch irgendwie entrollen können. Ernst nehmen tut es trotzdem niemand. Allenfalls den Satz: Danke, Frau Merkel!

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