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Die Kanzlerin im Gespräch : Wir brauchen Mut

Aber heute ist die Not nicht so groß wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Vollkommen richtig. Und insgesamt gilt: Es gibt immer Herausforderungen, die wir am besten auf nationaler Ebene lösen können, und andere, über die Europa besser entscheiden kann als der Nationalstaat. Dann aber gibt es auch Herausforderungen, die selbst Europa nicht allein bewältigen kann. Für sie brauchen wir globale Institutionen. Die G-20-Präsidentschaft war mir auch deshalb eine so große Freude und Ehre, weil ich überzeugt bin, dass wir in diesem Rahmen viel mehr bewegen können als jeder für sich. Aus dem gleichen Grund bin ich ja auch überzeugte Europäerin. Ich kann mich nicht erinnern, dass die CDU in einem Bundestagswahlkampf je ein ausdrückliches Europaplakat hatte. Diesmal haben wir eines: „Europa stärken heißt Deutschland stärken“. Wir wollen ganz deutlich machen, dass es auch uns hier in Deutschland auf Dauer nur dann gutgeht, wenn es auch Europa gutgeht, wenn Europa stark ist.

Wie machen wir Europa denn stark?

Auf der einen Seite, indem wir Entscheidungen auf genau den Ebenen fällen, auf denen sie tatsächlich getroffen werden müssen. Das kann die kommunale, nationale oder eben die europäische sein; das ist das Subsidiaritätsprinzip. Und auf der anderen Seite, indem Nationalstaaten bereit sind, Kompetenzen abzugeben. Das heißt auch zu akzeptieren, dass wir manchmal überstimmt werden, was natürlich keinem Land gefällt. Sosehr ich es richtig finde, dass in einigen Bereichen Einstimmigkeit herrschen muss, die Außenpolitik ist ein Beispiel dafür, sosehr bin ich zugleich der Auffassung, dass wir hinzunehmen haben, auch mal überstimmt zu werden. Man kann sich in Europa nicht auf den Standpunkt stellen, dass eine Entscheidung keine gute Entscheidung ist, nur weil sie einem gerade nicht passt.

Hat das, was wir in Europa erreichen können, auch etwas mit Mut zu tun?

Gute Politik braucht ein gewisses Maß an Mut, das gilt für den Kommunalpolitiker genauso wie für Europapolitiker. Wir müssen ein Verständnis dafür entwickeln, welche Probleme wir in Europa viel besser lösen können als im Alleingang, und daraus die nächsten Aufgaben definieren.

Manche Deutsche sehen die Zukunft Europas vor allem mit Sorge und Bedenken. Wie schaffen Sie es, sie mit Neugier zu sehen?

Neugier ohne Sorge ist tollkühn. Es gehört zu klugem menschlichen Verhalten zu erkennen, was alles bedacht werden muss. Dennoch bin ich jemand, der immer optimistisch, jedenfalls zuversichtlich an eine Sache herangeht. Natürlich kann man zu jedem Thema erst einmal so viele Probleme aufhäufen, dass man sich lieber gar nicht an die Arbeit macht. Wenn ich aber vorankommen will, darf Sorge nicht übermächtig werden. Der Wunsch nach Gestaltung muss vorherrschen. Was ich von der Geschichte weiß, lehrt mich, dass Zuversicht zu jeder Epoche gehört.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie nicht glauben, mit der Zeit gelassener geworden zu sein. Wie kommt das?

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