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Die Kanzlerin im Gespräch : Wir brauchen Mut

Inwiefern?

Weil man doch immer wieder versteckten Hass, versteckte Ressentiments spürt. Wenn jeder, der es merkt, gleich dagegen vorgeht, dann bewirkt das etwas. Ich habe gelernt, dass Sprache in der Politik ein unendlich wichtiges Instrument ist. In meiner naturwissenschaftlichen Tätigkeit war das ja eine verkürzte, also wissenschaftliche Sprache. In der Politik müssen Sie sorgsam mit der Sprache umgehen. Das versuche ich, es gelingt mir nicht immer. Man muss so sorgsam sein, weil Sprache Ressentiments enthalten oder fördern kann. Mit Sprache kann man manipulieren. Man kann Emotionen wecken, und daraus kann viel entstehen, bis zur Gewalt. Für die politische Arbeit ist es sehr wichtig zu wissen, mit welchem Mittel wir da arbeiten, welche Wirkung Sprache erzielen kann. Damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen.

Sie denken dabei nicht nur an die Innenpolitik, sondern sicher auch an Europa.

Ja, auch Europapolitik hat viel mit Sprache zu tun. Ich habe mich immer sehr bemüht zu sagen: Leute, sprecht nie von „den“ Griechen und „den“ Italienern und „den“ Franzosen. Seht immer den einzelnen Menschen. Genauso wenig mag ich es, wenn zum Beispiel von „den“ knauserigen Deutschen gesprochen wird. Genau das ist der Unterschied zum Europa von früher: Nicht mehr allein das Nationale charakterisiert uns alle, sondern die Vielfalt, das Individuelle. So wie es faule und fleißige Deutsche gibt, geizige und solche, die gerne teilen, so müssen wir uns auch gegenüber anderen Ländern vor Stereotypen hüten.

In der ersten Hälfte der letzten Wahlperiode war der wichtigste Streitpunkt Hilfe für Griechenland, in der zweiten Hälfte die Flüchtlingslage. In beiden Fällen standen einander dieselben Lager gegenüber. Die einen argumentieren: Wir können die Probleme besser auf nationaler Ebene lösen. Das andere Lager, mit Ihnen an der Spitze, sagt: Wir können viele maßgebliche Probleme nicht auf nationaler Ebene lösen, es gibt dafür nur europäische Lösungen. Ist das auch Ihr Blick auf die Zukunft?

Angela Merkel mit F.A.S.-Redakteur Thomas Gutschker

Ich bin 1990 wegen der sozialen Marktwirtschaft Mitglied der CDU geworden. Auch als Frauen- und Jugendministerin war ich noch sehr mit nationaler Politik befasst, der Gestaltung der deutschen Einheit mit dem Kinder- und Jugendhilferecht. Dann wurde ich Umweltministerin. Eine für mich überaus prägende Erfahrung war die große Klimakonferenz hier in Berlin, im April 1995, an der 170 Nationen teilnahmen, die ich leitete und die mit dem Berliner Mandat endete, aus dem dann das Kyotoprotokoll wurde. Ich musste mich mit den Kräfteverhältnissen befassen. Das hat mir unglaublich viel Freude gemacht. Wie kann ich Ergebnisse erzielen, denen zumindest kein Staat widerspricht und die in der Sache ein Fortschritt sind? Seitdem fasziniert mich die Gestaltung der Globalisierung. Die großen Herausforderungen Klimaschutz, Artenvielfalt, Schutz der Ozeane – das sind ja unsere Lebensgrundlagen. Da sind letztlich nur globale Regeln und globale Lösungen wirksam, für die wir Mechanismen brauchen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Vereinten Nationen und der Sicherheitsrat gegründet wurden, lagen Teile der Welt in Trümmern, eine extreme Notsituation. Die Zeiten heute sind natürlich völlig andere, aber lernen können wir aus den Anfängen der Vereinten Nationen sehr wohl. So setzen wir uns heute zum Beispiel für globale Mechanismen auch im Bereich der Wirtschaft, der Finanzen und der Nachhaltigkeit ein. Das hat uns die internationale Bankenkrise gelehrt.

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