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Alternative für Deutschland : „Wir sind die Erben der FDP“

Großer Jubel im Berliner Hotel Maritim, als die Hochrechnungen über den Bildschirm laufen Bild: Matthias Lüdecke

Auch wenn die AfD am Ende doch knapp am Einzug in den Bundestag scheitert: Ihr gutes Abschneiden am Rand der Fünfprozenthürde ist eine der Überraschungen des Wahlabends. Der Jubel bei den Eurokritikern ist so groß wie ihr Selbstbewusstsein.

          Der Jubel bei der Alternative für Deutschland (AfD) ist riesig, als um Punkt 18 Uhr die ersten Prognosen veröffentlicht werden: 4,8 bis 4,9 Prozent haben die Eurokritiker aus dem Stand erreicht - das hätten sich die meisten dann doch nicht zu hoffen gewagt. Jetzt aber steht ihre AfD kurz vor der Sensation, die ihr trotz guter Umfragewerte die wenigsten wirklich zugetraut haben: dem Einzug in den Deutschen Bundestag. Dass schon früh am Abend klar wird, dass die Partei bei der hessischen Landtagswahl sicher an der Fünfprozenthürde gescheitert ist, ist da kaum noch mehr als eine Randnotiz.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          „Die Sensation liegt auf dem Tisch“, jubelt der Berliner Landessprecher Günter Brinker kurz nach 18 Uhr, als die ARD-Hochrechnung seine Partei auf 4,9 Prozent taxiert. „Wir sind eine echte Alternative“, sagt er zur Begründung, warum so viele Wähler der neuen Partei ihre Stimme geschenkt haben. „Das mit der Euro-Rettung kann so nicht mehr weitergehen.“

          Bei der AfD sind sich an diesem Abend lange die meisten sicher, dass man es noch über die Fünfprozenthürde schaffen werde. Brinker geht in seiner ersten Euphorie sogar noch einen Schritt weiter - und zeigt den etablierten Parteien schon am Wahlabend, mit welchem Selbstbewusstsein sie es in der nächsten Zeit zu tun bekommen werden. Auf die Frage einer Reporterin, wo er die AfD bei der nächsten Wahl sehe, antwortet er: „Acht Prozent. Wir werden bei acht Prozent liegen.“

          Großer Jubel bei der AfD

          Kurz darauf tritt der AfD-Parteivorsitzende Bernd Lucke vor die Kameras, und auch ihm ist die Genugtuung anzusehen. Ein „ganz starkes Ergebnis“ habe man erzielt, sagt er, „wir haben die Demokratie in Deutschland reicher gemacht.“ Trotzdem ist Lucke um Gelassenheit bemüht: Nein, sicher sei ja noch nichts; und ja, natürlich müsse man noch abwarten. „Aber selbst, wenn wir am Ende nicht reinkommen, haben wir den anderen Parteien gezeigt, dass es so nicht mehr geht.“ Ein „kräftiges Signal des Widerspruchs“ sei der Wahlerfolg seiner Partei. „Wir haben die anderen Parteien das Fürchten gelehrt.“ Die Währungspolitik der vergangenen Jahre bezeichnet Lucke als „ruinös“, die Euro-Rettungspolitik als „Entartung der Demokratie“, gegen die die AfD sich wehre. Für harsche Worte wie diese haben sie ihn gewählt.

          „Wenn die FDP ihre Versprechen gehalten hätte, gäbe es uns nicht“

          Schon die ersten Daten der Wahlforscher belegen unterdessen, was sich vor der Wahl angedeutet hat: Die AfD hat Stimmen aus fast allen politischen Lagern bekommen, aus der Linkspartei, von den Nichtwählern, von der Union. Die meisten Stimmen kommen allerdings von der FDP. Die Liberalen dürften denn auch mit schmerzverzerrtem Gesicht zugehört haben, als Alexander Gauland, Gründungsmitglied der AfD und Spitzenkandidat in Brandenburg, am Abend die Gründe für den Erfolg seiner Partei analysiert: „Wenn die FDP ihre Versprechungen von vor vier Jahren gehalten hätte, gäbe es uns heute nicht.“ Das gelte vor allem für ein gerechteres Steuersystem, das die Liberalen als Regierungspartei trotz vollmundiger Ankündigungen nicht geschaffen hätten. Gauland: „Wir sind die Erben der FDP.“

          Sieht sich bestätigt: AfD-Chef Bernd Lucke

          Der Andrang der AfD-Anhänger ist jedenfalls auch nach der Wahl ungebrochen: Die Internetseite der Partei bricht am frühen Abend zusammen und ist zeitweise nicht mehr erreichbar. So etwas ist den Liberalen schon lange nicht mehr passiert.

          „Das spornt uns an für die nächste Wahl“

          Am späten Abend verharrt die AfD in den Hochrechnungen lange bei 4,8 Prozent. Und auch, wenn niemand in der Partei seinen Optimismus zu früh über Bord werfen will, wird die Möglichkeit, dass es vielleicht doch nicht reichen könnte, mit den Stunden immer handfester. Am Ende verfehlt die neue Partei den Einzug in den Deutschen Bundestag knapp. Als der Bundeswahlleiter um kurz vor 2 Uhr in der Nacht das vorläufige amtliche Endergebnis verkündet, ist der Balken bei 4,7 Prozent stehengeblieben

          Dem Optimismus und der Hochstimmung, die diesen Wahlabend bei der AfD bestimmt haben, tut das indes keinen Abbruch. Selbst wenn seine Partei den Sprung in den Bundestag doch nicht schaffe, hat Alexander Gauland ein paar Stunden früher zu Protokoll gegeben, sei das kein Grund zum Aufgeben. „Das spornt uns nur an für die nächste Wahl.“

          Im kommenden Jahr wird das neue Europaparlament gewählt. Dass ausgerechnet die euroskeptische Alternative für Deutschland dort gut abschneiden könnte, dürfte an diesem Wahlabend nicht nur der Politik in Berlin zu denken geben.

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