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Wahlkampfabschluss der AfD : Revolte von rechts

Frauke Petry hatte bereits im März versucht, ein Verfahren gegen den umstrittenen Delegierten Maier einzuleiten. Bild: dpa

Am Abend vor der Wahl trifft sich der Landesverband der AfD Sachsen zur Kundgebung in Görlitz. Ohne Frauke Petry. Die hatte zuvor abgesagt – wegen „innerparteilichen Querelen“. Dafür tritt einer ihrer Feinde auf.

          Es war Anfang dieser Woche, als die AfD mal wieder mit einer ungewöhnlichen Nachricht Schlagzeilen machte: Die Parteivorsitzende Frauke Petry hatte ihre Teilnahme am Wahlkampfabschluss des Landesverbandes Sachsen am Samstagabend in Görlitz abgesagt – obwohl sie in dem Bundesland auf Platz eins der Landesliste steht. Der Grund dafür seien  „innerparteilichen Querelen", hieß es Medienberichten zufolge bei der AfD, von einer „Revolte von rechts" war die Rede. 

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Petry beließ es nicht bei der Absage, sondern attackierte noch am selben Tag die Spitzenkandidaten ihrer eigenen Partei: „Ich verstehe, wenn die Wähler entsetzt sind", sagte sie, als sie in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung auf die jüngsten Skandale um Alexander Gauland und Alice Weidel angesprochen wurde. Gauland entgegnete im ZDF: „Man sollte in den letzten Tagen des Wahlkampfes die eigenen Leute nicht in Zweifel stellen.“ Es war die nächste Runde eines Machtkampfes zwischen Rechts und Noch-weiter-Rechts, in dem Petry feststeckt, seit sie es beim Bundesparteitag im April nicht schaffte, ihre Partei auf einen realpolitischen Kurs einzuschwören. Eine entscheidende Schlacht hatte sie bereits Ende März verloren – in Sachsen. Der Landesparteitag forderte den Parteivorstand damals auf, ein von Petry angestrengtes Verfahren gegen den umstrittenen AfDler Jens Maier zurückzunehmen. Maier durfte nicht nur in der Partei bleiben, die Delegierten wählten ihn auch auf Platz zwei der Landesliste - direkt hinter Frauke Petry.

          Warum wollte Petry Maier eigentlich loswerden?

          Warum sie Maier eigentlich loswerden wollte? Er war Teil des Skandals um Björn Höcke gewesen, der im Januar das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte. Auf derselben Veranstaltung in Dresden hatte auch Maier geredet, den angeblichen „Schuldkult" der Deutschen für „endgültig beendet" erklärt und vor einer „Herstellung von Mischvölkern“ in Europa gewarnt. 

          Petry konnte nicht verhindern, dass dieser Mann am Sonntag so gut wie sicher über ihre Landesliste in den Bundestag einziehen wird. In den Wochen und Monaten vor der Wahl war nirgendwo so gut zu beobachten, wie ihr die Kontrolle über ihre Partei immer weiter entgleitet, wie bei der AfD in Sachsen. Grund genug, sich den Wahlkampfabschluss der „Rebellen in der Heimat" (Tagesspiegel) mal anzuschauen – auch wenn (oder gerade weil) Petry nicht kommt.

          In Görlitz regnet es am Samstagabend in Strömen, Tino Chrupalla, lokaler Direktkandidat der AfD, sagt: „Das macht nichts, wir machen keinen Schönwetterwahlkampf." Ob ihn Petrys Absage überrascht habe? „Natürlich war ich enttäuscht, aber das hatte wohl familiäre Gründe." Keine „innerparteilichen Querelen"? „Das hat sie mir gegenüber nicht bestätigt." Chrupalla ist auch deswegen nicht traurig, weil er prominenten Ersatz gefunden hat: Jens Maier, der Intimfeind von Frauke Petry, wird erwartet. „Wäre Petry hier, wäre der nicht gekommen", sagt Chrupalla. 

          Auf der Bühne grölt eine Band währenddessen zu Gitarrenmusik „Merkel muss weg!", „Zugabe" rufen die Zuhörer. Dann werden die Redner vorgestellt. Am meisten Applaus bekommt Jens Maier. „Da sieht man, wer seine Fans mitgebracht hat", sagt der Moderator. Er ist gut gelaunt, morgen werde man der CDU das „politische Grab" zuschaufeln, das sich die Partei selbst ausgehoben habe. 

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          Wenig später darf Jens Maier ans Mikrofon. Er macht kein Geheimnis daraus, auf welcher Seite er steht: „Ich bin dafür, dass wir mit Pegida und der Identitären Bewegung zusammenarbeiten", ruft er ins Zelt. Wäre Petry gekommen – spätestens jetzt hätte sie wohl das Zelt verlassen. Gegen eine Zusammenarbeit mit Pegida hatte sie immer gekämpft. Maier erlaubt sich dann auch einen Seitenhieb: „Wir Sachsen aus der AfD im Bundestag werden eine Mannschaft – eine MANNschaft – sein, die zusammenhält", sagt er. Die Betonung liegt zweimal auf „Mann". 

          Der Rest sind Sprüche, mit denen Maier auch bei der NPD Applaus bekäme: „Ich will, dass Deutschland wieder aufersteht!" Oder: „Zu einem Schwarzen hat man früher Neger gesagt." Oder: Die einzige Lebensleistung der Flüchtlinge sei es, „übers Mittelmeer geschippert zu sein". Da überrascht es nicht, dass Maier auch die Äußerungen seines Spitzenkandidaten Gauland gefallen, der gefordert hatte, man solle die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, „in Anatolien entsorgen". „Das hat Doktor Gauland in die richtigen Worte gekleidet", sagt Maier. Dass eine „Lobbyistin der Migranten" dieses Amt überhaupt bekleiden dürfe, sei „die größte Provokation für die deutsche Bevölkerung". „Entsorgen", schreien vereinzelte Leute im Publikum begeistert. 

          Als die Veranstaltung vorbei ist, kann man Maier noch mal bitten, einem dieses Zitat zu erklären: „Wir stehen vor einem der größten Erfolge seit '45, liebe Freunde. Wir, eine patriotische Partei, eine wirklich patriotische Partei, ziehen in den Bundestag ein.“ Wie er das gemeint hatte? „1945 war für Deutschland eine Zäsur. Für uns zählt nur das, was danach gekommen ist." Ob er auch nach Görlitz gekommen wäre, wenn Frauke Petry gesprochen hätte? „Dazu sage ich jetzt mal nichts, das können Sie ja dann selbst interpretieren."

          Überhaupt wird Petry an diesem Abend nur einmal auf der Bühne erwähnt: Die AfD sei eben eine Familienpartei und die Parteivorsitzende habe sich heute dafür entschieden, lieber mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen, als nach Görlitz zu kommen, sagt der Moderator da. Dann wandert sein Blick aus dem Zelt hinaus. Es regnet immer noch in Strömen. Kurz nach dem Ende der Veranstaltung sitzt Jens Maier mit seinen Leuten in einer Gaststätte in Görlitz. Wie viele Besucher bei dem Wahlkampfabschluss gewesen seien, fragt einer am Tisch. „88 wären doch nicht schlecht", antwortet ein anderer. Großes Gelächter. 88 ist der Code unter Rechtsradikalen für „Heil Hitler".

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