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Jasper von Altenbockum (kum.)

Kommentar zur AfD : Die Aussätzigen

Frauke Petry und Marcus Pretzell verdanken ihren Aufstieg allein der AfD (Bild aus dem Mai 2017) Bild: dpa

Frauke Petry und Marcus Pretzell verlassen die AfD, weil sie nicht mehr zu den Gaulands und Höckes gehören und wie Aussätzige behandelt werden wollen. Das ist aber das Geheimnis ihres Erfolgs. Jetzt beginnt ihr Abstieg.

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          Alle Parteien sind im Wahlkampf der Versuchung erlegen, die AfD abwechselnd als „Schande“, als Partei der „Nazis“ oder der „Rassisten“ zu bezeichnen. Das zeigte in der gewünschten Richtung vielleicht durchaus Wirkung und schreckte davor ab, AfD zu wählen. Es bestätigte aber auch das Vorurteil, dass Protest, kommt er von „rechts“, behandelt werden darf, als stamme er von Aussätzigen. Das hatte zumindest in Ostdeutschland eine ganz andere Wirkung als die erwünschte: Jetzt erst recht, sagten sich viele „Rechte“, die bislang CDU (!), Linkspartei (!!) oder gar nicht gewählt hatten. Die AfD ist deshalb nicht nur die Partei der Unzufriedenen, sondern auch die der Zurechtgewiesenen.

          Woher diese Unzufriedenheit, woher Misstrauen und Hass kommen, ist in den vergangenen Jahren so oft untersucht worden, dass von „Populismus“ eigentlich nur noch spricht, wer es nicht besser beschreiben kann. Wenn nun Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Mahnung zum Ausgang der Bundestagswahl die Frage nach den Gründen so stellt, als sei sie noch nie beantwortet worden, dann ist das Ausdruck einer Verlegenheit, die sich durch fast alle Parteien zieht. Die längst bekannten Gründe für den anschwellenden AfD-Gesang verlangten nämlich von ihnen Konsequenzen, die sie nicht ziehen können oder wollen: weniger Einwanderung, weniger Islam, weniger Europa. Wenigstens an einer Konsequenz arbeiten jetzt vier Parteien: weniger große Koalition. Dabei wird es aber wahrscheinlich auch bleiben. Denn ihre Politik wird sich von der einer großen Koalition kaum unterscheiden können.

          Was die anderen Parteien nicht vermögen, die Konkurrenz am rechten Rand wieder verschwinden zu lassen, bringt anscheinend nur die AfD selbst zustande. Steinmeier nannte zwei Stichworte, Antisemitismus und Fremdenhass, die auch dem Spaltpilz der AfD immer wieder neue Nahrung geben. Die Abspaltung des Petry-Pretzell-Gefolges ist die zweite nach dem Abschied des Parteigründers Bernd Lucke, die mit der Rechtsradikalisierung der AfD begründet wird. In Petrys Fall kommt hinzu, dass sie sich als „Realo“ sieht, die eines Tages regieren will. Weder Petry noch Pretzell können sich, wenn sie ehrlich sind, ihren Aufstieg aber ohne die Gaulands und die Höckes erklären. Sie fühlen sich von der Kritik an ihnen zu Unrecht als Aussätzige gebrandmarkt. Das ist aber gerade das Geheimnis ihres Erfolgs. Jetzt beginnt für sie der Abstieg.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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