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AfD in Ostdeutschland : Blau blüht das Kernland

In diesem Konflikt könnte die erste Entscheidung am Mittwoch fallen, wenn die neue AfD-Bundestagsfraktion ihre Führung wählt. Weidel befürwortete am Montag das Vorhaben, die Doppelspitze der Fraktion in einem einzigen Wahlgang als Team zu wählen. Chrupalla und sie selbst stünden dazu bereit. Diese Methode wird von ihren Gegnern als Versuch interpretiert, sich die interne Popularität des deutlich beliebteren Chrupalla zunutze zu machen. Meuthen sprach sich dafür aus, die beiden Vorsitzenden einzeln zu wählen. Es sei „keine gute Praxis, im Doppelpack anzutreten“.

Im Süden Ostdeutschlands ist die AfD so erfolgreich wie nirgendwo sonst

Das Wahlergebnis vom Sonntag macht deutlich, dass Sachsen und Thüringen das Kernland der AfD bilden. Dort liegt sie auf Platz eins. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern dagegen landete die AfD auf Platz zwei, in Sachsen-Anhalt auf Rang drei und im Westen erreichte sie höchstens noch Platz vier. Auch ihre Direktmandate holte die AfD fast sämtlich in Sachsen und Thüringen. Einzig in Sachsen-Anhalt gewann die AfD zwei weitere Wahlkreise. Beide liegen im Süden des Landes und grenzen direkt an Sachsen oder Thüringen. Im Norden des Landes schnitt die Partei hingegen deutlich schwächer ab.

Oliver Kirchner, der AfD-Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt, sieht deshalb durch Ostdeutschland eine historische Mentalitätsgrenze verlaufen. In Sachsen, Thüringen und im Süden von Sachsen-Anhalt „ticken die Leute anders“, sagte Kirchner. Bei der Bundestagswahl am Sonntag habe die AfD zudem von der Schwäche der CDU und ihres Kanzlerkandidaten profitiert, sagte Kirchner der F.A.Z.

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In den Bundestag gelangt dadurch auch Robert Farle, der den extrem strukturschwachen Wahlkreis Mansfeld-Südharz mit 202 Stimmen Vorsprung gewann. Farle war nicht über die Liste der AfD abgesichert, denn der frühere Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion gilt selbst in der eigenen Partei als allzu schillernde Figur. Der gebürtige Westdeutsche war in den Achtzigerjahren DKP-Funktionär und agierte dort im Sinne der SED-Linie. Inzwischen hat Farle die Seiten gewechselt und verbreitet rechtsextreme Verschwörungstheorien. Die Corona-Pandemie hat er als „Schwindel“ bezeichnet, bei der Briefwahl witterte er „größten Wahlbetrug“. Der Bundestag bietet Farle künftig eine große Bühne.

Ein Grund für die hohen AfD-Ergebnisse im Südosten ist die Bevölkerungsstruktur. Vor allem in den ländlichen Regionen lebt aufgrund millionenfacher Abwanderung seit 1990 eine alte und überwiegend männlich dominierte Bevölkerung. In den Großstädten dagegen, wo die Demographie jener im Westen ähnelt, gleichen sich auch die Wahlergebnisse. So gewann etwa die SPD in Chemnitz, Erfurt, Halle, Jena und Weimar sowie die Linke in Leipzig und die CDU in Dresden.

Stammwähler in ländlichen Regionen

Die AfD kann insbesondere in ländlichen Regionen auf eine Stammwählerschaft vertrauen, der es zwar ökonomisch nicht schlecht geht, die sich jedoch aus verschiedenen Gründen als vernachlässigt und zu kurz gekommen betrachtet – und sich deshalb zuverlässig am Staat und an den jeweils Regierenden abarbeitet. Im Wahlkampf spielte gerade in Sachsen und Thüringen das Thema Corona-Maßnahmen eine große Rolle. Nachdem die AfD zu Beginn der Pandemie noch strikte Einschränkungen gefordert hatte, vertrat sie, seitdem es diese gab, genau das Gegenteil, was wiederum in weiten Teilen der beiden Freistaaten gut ankam.

Das Wahlergebnis legt auch offen, wie sehr in großen Teilen des Landes bindende und verbindliche Strukturen fehlen. In den wenigen Gemeinden mit einem hohen Anteil konfessionell gebundener Menschen wie etwa in den sorbischen Gebieten Ostsachsens hat die AfD keine Chance.

Aus der Wahl kann auch die CDU in Sachsen und Thüringen Schlüsse ziehen. Mit Bewerbern wie Hans-Georg Maaßen, der in Südthüringen als AfD-Kopie für die CDU antrat, ist für sie offenbar nichts zu gewinnen. Der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz (CDU) wiederum, der sich scharf von der AfD abgrenzte, verlor am Sonntag dennoch sein Direktmandat. Nachdem seine klare Anti-AfD-Haltung zunächst honoriert worden war, hat es Wanderwitz nach Auffassung der Wähler dann offenbar übertrieben.

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