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Bundestagswahl : Spannung auf der Zielgeraden

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Kurz vor der Wahl müssen CDU/CSU und FDP zittern, ob die Wähler ihnen ein Mandat für die Koalition erteilen. Die Aura der Linkspartei, der wahre Anwalt sozialer Gerechtigkeit zu sein, verblaßt. F.A.Z.-Analyse.

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          Wenige Tage vor der Wahl müssen CDU/CSU und FDP zittern, ob die Wähler den Weg für eine schwarz-gelbe Koalition frei machen oder eine Konstellation herbeiführen, die eine große Koalition oder noch kompliziertere, heterogenere Bündnisse erzwingt. Auf der Zielgeraden legte die SPD zu Lasten der kleineren Parteien zu - zwar ohne Aussicht, den Fortbestand der bisherigen rot-grünen Koalition zu sichern, aber mit der Chance, selber an der Macht beteiligt zu bleiben.

          Die Stärkung der SPD setzte unmittelbar nach dem Fernsehduell ein. Das Duell selbst liefert dafür keine hinreichende Erklärung, denn Frau Merkel überraschte viele Zuschauer der Fernsehübertragung mit ihrer kühl-selbstbewußten Argumentation. Insgesamt 61 Prozent der Zuschauer zogen in den Tagen danach die Bilanz, daß sie positiv überrascht wurden, und zwar 46 Prozent durch Frau Merkels Auftreten und Argumentation, 13 Prozent durch Schröders Auftritt; 2 Prozent der Zuschauer waren gleichermaßen von Frau Merkel wie Schröder über Erwarten beeindruckt. Frau Merkel punktete besonders bei den politisch interessierten Zuschauern; von ihnen zogen anschließend 55 Prozent die Bilanz, daß die Herausforderin deutlich über den Erwartungen abgeschnitten habe.

          Zuschauer sahen sich bestätigt

          Beide Spitzenkandidaten werden im Rückblick in bezug auf Kompetenz, Sachlichkeit, Fairness und Argumentationskraft ähnlich bewertet. 70 Prozent empfanden Frau Merkels Auftritt als ruhig und sachlich, 64 den des Bundeskanzlers; 51 Prozent attestieren Frau Merkel, 56 Prozent Schröder Kompetenz, 47 Prozent der Herausforderin, 46 Prozent dem Amtsinhaber gute Argumente, mehr als 80 Prozent beiden Fairness.

          Bild: F.A.Z.

          Die isolierten Bewertungen zeigen, daß beide als weitaus ebenbürtiger empfunden wurden, als es der deutliche Vorsprung Schröders bei der Frage, wer das Duell gewonnen habe, vermuten läßt. Daß 54 Prozent Schröder als Sieger empfanden, zeigt jedoch auch, daß die Prädispositionen der Zuschauer auch durch das aus der Sicht vieler bemerkenswert starke Abschneiden Angela Merkels nicht gedreht wurden. Zuschauer, die Schröder als Kanzler bevorzugen, empfanden ihn als Sieger des Duells, Zuschauer, die Frau Merkel als Kanzlerin vorziehen, verbuchten den Sieg zu ihren Gunsten.

          Verschiebung zum Personenplebiszit

          Das Duell hat nicht aufgrund von Sieg oder Niederlage eines Kombattanten Wirkung entfaltet, sondern durch die zumindest vorübergehende Verschiebung von den politischen Problemen und Lösungskompetenzen hin zu einem Personenplebiszit. Die Kanzlerpräferenz entscheidet Schröder klar für sich. Wenn es aber um die Lösungskompetenz für die drängenden Aufgaben geht, insbesondere bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, steht für die Mehrheit außer Frage, daß sie eher von einer Regierung Merkel zu erwarten ist. 50 Prozent trauen einer solchen Regierung eher zu, Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu erzielen, nur 23 Prozent einer von Schröder geführten Regierung. 46 Prozent sind überzeugt, daß Merkel über die bessere Regierungsmannschaft verfügt, 28 Prozent sehen hier Schröder im Vorteil.

          Diese Einschätzung stabilisiert die Wahlneigung für die Union, bremst jedoch nicht den Zuwachs der SPD zu Lasten der kleineren Parteien. Sie sind durch die Personalisierung in der Endphase des Wahlkampfes, durch den Showdown zwischen den Aspiranten auf die Kanzlerschaft zumindest vorübergehend in den Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit abgedrängt worden. Alle drei, die Grünen, die FDP und die neu-alte Linkspartei, haben an Unterstützung eingebüßt. Sie alle werden jedoch aller Voraussicht nach in Fraktionsstärke im nächsten Deutschen Bundestag vertreten sein.

          Linkspartei verliert an Unterstützung

          Die Linkspartei verliert bereits seit Wochen an Unterstützung. Da sie ihre Potentiale in erster Linie aus den bisherigen PDS-Anhängern und unzufriedenen oder verunsicherten SPD-Anhängern rekrutierte, verringern sich ihre Chancen mit der teilweisen Erholung der SPD. Das Meinungsklima, in dem die Partei von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi agiert, hat sich in kurzer Zeit gravierend verändert. Anfang August waren noch 41 Prozent der Bevölkerung überzeugt, daß die Linkspartei künftig weiter an Unterstützung gewinnen werde, Anfang September waren es nur noch 33 Prozent.

          Der Anteil der Bevölkerung, der den Eindruck hat, daß die Linkspartei bereits jetzt ihren Zenit überschritten hat und künftig eher weniger Chancen haben wird als in den ersten Gründungswochen, hat sich in wenigen Wochen von 29 auf 39 Prozent erhöht. Die Mehrheit der Bevölkerung bezweifelt mittlerweile, daß es sich bei der Linkspartei um eine normale demokratische Partei handelt. Der Kreis, für den die Linkspartei grundsätzlich bei der nächsten Wahl in Frage kommt, hat sich in den letzten Wochen von 18 auf 14 Prozent verringert, der Anteil, der die Linkspartei auf den ersten Rang der Parteisympathien setzt, von 10 auf 9 Prozent. In den alten Bundesländern liegt die Linkspartei bei den Zweitstimmenwahlabsichten bereits wieder unter 5 Prozent, in den neuen Ländern dagegen bei 27 Prozent; auch dort zeigen sich jedoch Erosionserscheinungen im Wählerpotential der Linkspartei.

          Die Aura verblaßt

          Die Aura, der wahre Anwalt sozialer Gerechtigkeit zu sein, verblaßt; hier haben wahrscheinlich auch die Berichte über die Ansprüche und den Lebensstil Oskar Lafontaines ihre Spuren hinterlassen. Vor allem konnte jedoch die SPD ihr Profil als Partei der sozialen Gerechtigkeit wieder schärfen: 27 Prozent sehen jetzt die SPD als den Anwalt sozialer Gerechtigkeit, 16 Prozent die Linkspartei, 15 Prozent die CDU/CSU. Vor vier Wochen lag die Linkspartei hier noch vor der SPD auf dem ersten Rang.

          Trotz dieser gegen die Linkspartei laufenden Trends kann sie in der nächsten Legislaturperiode eine Schlüsselstellung erhalten, sei es als Linksopposition gegen eine große Koalition, sei es zumindest mittelfristig als zusätzliche Bündnisoption für die SPD, sei es als wichtiger Stimmblock zwischen dem bürgerlichen und dem bisherigen linken Lager.

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