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Bundestag : Politiker und Postleitzahl-Erfinder Stücklen gestorben

  • Aktualisiert am

Richard Stücklen Bild: AP

Der ehemalige Bundespostminister und frühere Bundestagspräsident Richard Stücklen (CSU) ist tot. Damit verliert Deutschland ein Urgestein des Parlamentarismus.

          Der frühere Bundestagspräsident und ehemalige Postminister Richard Stücklen ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Das bestätigte seine Familie am Freitag. Der CSU-Politiker gilt als „Erfinder der Postleitzahl“ und des telefonischen Selbstwähldienstes, der in den 60er Jahren das „Fräulein vom Amt“ ablöste.

          Er konnte den Ehrentitel „parlamentarisches Urgestein“ zu Recht in Anspruch nehmen: Richard Stücklen war Parlamentarier der ersten Stunde. 1949 zog der CSU-Mitbegründer für den Wahlkreis Weißenburg/Roth in den ersten Deutschen Bundestag ein, bis zum freiwilligen Rückzug Ende 1990 gehörte der Mittelfranke der Volksvertretung 41 Jahre lang ohne Unterbrechung an.

          Ritter des „Ordens wider den tierischen Ernst“

          Zum 85. Geburtstag würdigte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinen Amtsvorgänger als Politiker mit Humor und Augenmaß. Der begeisterte Skat- und Schafkopfspieler Stücklen pflegte immer auch das Schlitzohrige. Seine Auszeichnung als Ritter des „Ordens wider den tierischen Ernst“ durch den Aachener Karnevalsverein im Jahr 1980 spiegelt diese Seite wider.

          Stücklen entstammte einer politischen Familie. Der Vater war Bürgermeister und nach dem Zweiten Weltkrieg Mitgründer der CSU, ein Onkel von 1930 bis 1933 SPD-Abgeordneter im Reichstag. Der am 20. August 1916 in Heideck in Mittelfranken geborene Richard Stücklen absolvierte nach einer Elektrikerlehre ein Studium als Elektroingenieur. 1945 übernahm er den väterlichen Schlosserbetrieb, bevor er 1949 in den Bundestag einzog.

          Erfinder der Postleitzahlen

          In seiner parlamentarischen Arbeit gestaltete er nach dem Krieg unter anderem die Handwerksordnung und das Wahlrecht mit. Von 1953 bis 1957 war der Katholik stellvertretender Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag. 1957 holte Bundeskanzler Konrad Adenauer ihn als Postminister ins Kabinett. Unter seine Ägide fällt der Ausbau des Selbstwählbetriebes beim Telefon und die Einführung der damals vierstelligen Postleitzahlen.

          Streit gab es 1964 um eine später zurückgenommene Erhöhung der Telefongebühren. Seiner Zeit voraus war Stücklen allerdings mit der Vorstellung, die hoheitliche Post zu einem Dienstleistungsbetrieb umzuformen, der keine „Postbenutzer“ bediene, sondern Kunden. Pläne zur Umwandlung der Post in eine „Generaldirektion“ mit ihm selbst als „Generalpostmeister“ konnte Stücklen nicht durchsetzen, bevor er mit Bildung der großen Koalition 1966 aus Proporzgründen dem evangelischen CSU-Abgeordneten Werner Dollinger im Ministeramt weichen musste.

          „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!

          Stücklen übernahm von Franz Josef Strauß die Leitung der CSU-Landesgruppe im Bundestag und ärgerte die Schwesterpartei CDU durch christsoziale Eigenständigkeit. Stramm auf Kurs seines Parteichefs Strauß trug er im Dezember 1976 den berühmten und bald darauf zurückgenommenen „Kreuther Beschluss“ mit, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag aufzukündigen. 1976 wurde Stücklen Vizepräsident des Bundestags, Ende Mai 1979 als erster CSU-Politiker Präsident des Parlaments. 1983 musste er dem CDU-Mann Rainer Barzel weichen; Stücklen blieb dann bis zum Ausscheiden aus dem Bundestag Vizepräsident.

          Das „Zeit-Magazin“ bescheinigte ihm eine Amtsführung mit Bonhomie und fränkischem Frohsinn. Sein Vorschlag, Abgeordneten ein „politikfreies Wochenende“ pro Monat zu gönnen, bescherte ihm den folgenlosen Beifall aller Fraktionen. Zur Bekanntheit Stücklens trug auch ein Grünen-Politiker bei: Joschka Fischer, heute Bundesaußenminister, hatte im Oktober 1984 in einer erregten Debatte über den Flick-Spendenskandal Stücklen zugerufen: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ Stücklen schloss Fischer daraufhin für zwei Sitzungstage vom Parlament aus.

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