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Regierung : Die Machtfrage rückt immer näher

Deutschlands zehnter Bundespräsident: Christian Wulff – noch ist alles sehr neu für ihn Bild: APN

Roland Koch hilft Christian Wulff, ins Amt zu kommen, und Angela Merkel, im Amt zu bleiben. Nun geht er, genau wie Rüttgers. Doch wird es der Kanzlerin ohne die Rivalen wirklich leichter fallen? Längst ist ihr Autoritätsverlust mit Händen zu greifen.

          Es ist Freitagabend, kurz nach 19 Uhr. Christian Wulff, der Bundespräsident, eröffnet das Sommerfest im Park von Schloss Bellevue. Fünftausend Gäste sind gekommen. Ob man denn im Schloss wohnen werde, fragt die Moderatorin auf der Bühne die neue First Lady. Nein, wohnen könne man hier nicht, antwortet Bettina Wulff. „Das wäre auch das falsche Signal für die Kinder.“ Und: „Wir sind sozusagen Wohnungssuchende.“ Zwar habe ihr Mann gerade mit dem Chef einer Wohnungsbaugesellschaft gesprochen. Doch, so bedauert der Präsident, obwohl diese 70.000 Wohnungen verwalte, habe sie nichts Rechtes anbieten können. Einstweilen wohnen die Wulffs im Hotel, wenn sie in Berlin sind - neu in der Stadt.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nicht nur, was das Wohnen angeht. Wulff ist zwar ein alter Fahrensmann in der Politik, aber neu in der Hauptstadt und ziemlich unsicher im neuen Amt. Immerhin, er verstolpert sich diesmal bei seiner Rede nicht wie noch am Morgen beim Amtseid im Bundestag. Da habe er irgendwie gemeint, es falsch gesagt zu haben, blickt er auf den Vormittag zurück. Deswegen habe er mit der Eidesformel noch mal neu angesetzt. Er habe das erste Wort vergessen, ruft die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, ganz Berliner Schnauze, aus dem Publikum. Ach so, aha.

          Bei Gauck entschuldigt er sich schon fast

          Joachim Gauck ist da, in der ersten Reihe sitzt er neben Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Wulff hat vor seiner Fest-Eröffnungsrede lange und demonstrativ mit Gauck gesprochen, er lobt ihn dann noch einmal ausdrücklich für den fairen Wettbewerb, das hat er schon am Morgen getan. Es wirkt fast wie eine Entschuldigung dafür, dass er gewonnen hat gegen den annähernd zwanzig Jahre älteren, wortgewaltigen Konkurrenten.

          Gewonnen, ja, aber wie! Sogar das Fußballspiel Uruguay gegen Ghana am Freitagabend mit seinem verrückten Verlauf einschließlich Verlängerung, verschossenen Strafstoßes und Elfmeterschießen spiegelt jenen Mittwoch wider, an dem Wulff im dritten Wahlgang zum Präsidenten gewählt worden war. In beiden Fällen unterlagen am Ende diejenigen, die das Publikum für die Besseren gehalten hatte: Gauck und Ghana. Die Sieger haben schwere Kämpfe hinter sich, die vielleicht noch härteren aber erst vor sich. Bei Uruguay wird das höchstens acht Tage dauern. Bei Angela Merkel, die Wulff ins Rennen schickte, mit Sicherheit länger.

          Reihe drei ist die Reihe der Zukünftigen

          Rückblick auf den Mittwoch: In der zweiten Reihe der Bundesversammlung, hinter Merkel und Wulff, sitzen Roland Koch und Jürgen Rüttgers. Einst waren sie mächtige Landesfürsten in der Union, Rivalen der Kanzlerin. Ihre Tage als Ministerpräsidenten sind gezählt. Reihe zwei ist die Reihe der Ehemaligen. Hinter den Veteranen sitzen mehrere Mitglieder des Bundeskabinetts aus der Union: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Umweltminister Norbert Röttgen, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Sie sind im Vergleich zu denen, die vor ihnen ihre Plätze haben, nicht lange an führender Stelle in der Politik. Aber sie haben Ambitionen. Christian Wulff hat diese drei in Interviews mit Blick auf die Rücktritte Kochs und Köhlers an erster Stelle genannt, als er von der Chance zur Verjüngung und Erneuerung der Union gesprochen hat: „Das sind Situationen, die man zur personellen Erneuerung nutzen kann.“ Reihe drei ist die Reihe der Zukünftigen.

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