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Kommissarischer Bundespräsident : Jens Böhrnsen - Der Stille aus dem Norden

  • -Aktualisiert am

Übernimmt kommissarisch Köhlers Amtsgeschäfte: der Bremer Bürgermeister und Bundesratspräsident Jens Böhrnsen (SPD) Bild: dpa

Nach Horst Köhlers überraschendem Rücktritt übernimmt der amtierende Bundesratspräsident und Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) kommissarisch die Amtsgeschäfte. Er gilt als zurückhaltender und fleißiger Politiker.

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          Als Bürger und als Bremer sei er traurig über den Rücktritt Horst Köhlers als Bundespräsident, sagte Jens Böhrnsen am Montag. Er war einer der ersten, den Köhler vorab informierte - denn seit Montag amtiert der Präsident des Bremer Senats und Bürgermeister als Staatsoberhaupt. Mit Köhler teilt er ein Eintreten für grundlegende Werte, für Menschenrechte und Anstand, und für den Einsatz für Benachteiligte - sichtbar am Werben Köhlers für Afrika, das dem 60 Jahre alten Juristen Böhrnsen aufgrund der engen historischen Beziehungen zwischen Bremen und dem südlichen Afrika wohl näher ist als anderen Ministerpräsidenten der Länder.

          Gemeinsam mit Köhler ist ihm auch der Sinn für Feingestricktes und Filigranes. Ansonsten aber sieht er sich unter den früheren Bundespräsidenten in seiner Grundhaltung wohl am stärksten Gustav Heinemann verbunden, nicht nur wegen beider SPD-Mitgliedschaft. Das Charisma Köhlers fehlt ihm. Böhrnsen ist ein stiller Mahner, der einige Zeit brauchte, Zeichen in Bremen und anderswo zu setzen. Er schätzt sanfte Töne und geradliniges Auftreten und zieht das gewissenhafte Aktenstudium den Reden und dem öffentlichen Auftreten, dem Repräsentieren im besten Sinne vor - Aufgaben, welche der wichtigste Teil seines neuen vorübergehenden Amtes sein werden.

          Böhrnsen drängt sich nicht vor

          Wenn er auftritt, dann lieber in Kinderheimen und bei Sportverbänden denn vor großen Foren, und lieber in Vororten denn auf Staatsbesuch. Böhrnsen hatte sich darauf gefreut, dass Köhler, der Bremen freundschaftlich verbunden ist, bei der Feier am diesjährigen Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober in Bremen sprechen wollte. Böhrnsen drängt sich nicht vor.

          Er lebt die Aufgabe, die er als wichtigste auch seiner Partei bezeichnet, „Schutzmacht der kleinen Leute“ zu sein. Böhrnsens Sorge um die soziale Kluft nicht nur in seiner Heimatstadt Bremen ist echt - der Sohn eines Werftarbeiters, der Verwaltungsrichter und Politiker wurde, kennt Armut und andere schwierige Lebenswelten. Sein Vater war als politisch engagierter Kommunist von den Nationalsozialisten verfolgt worden. Stärker als Köhler bot Böhrnsen daher genug Kante, um Widersacher oder abfällige Stimmen, etwa aus der Bremer Kaufmannschaft, auf sich zu ziehen.

          Er fühlt sich selbstbewusst genug, sich davon in seinem Auftreten nicht abbringen zu lassen. Jens Böhrnsen hatte Jura in Kiel studiert, in Hamburg war er Gerichtsreferendar - Norddeutschland ist auch dem Gemüt nach sein Zuhause. Seine erste herausragende politische Aufgabe war 1999 der Fraktionsvorsitz der SPD in der bremischen Bürgerschaft - ein Amt, das zuvor auch sein Vater innehatte. Seit knapp fünf Jahren ist er Regierungschef des kleinsten Bundeslandes, seit dem vergangenen November zudem Bundesratspräsident. Politisch neigt er in Bremen und anderswo rot-grünen Koalitionen zu. Nach dem Tod seiner Frau vor drei Jahren fand er Ruhe in einer neuen Beziehung mit einer Schulleiterin.

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