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Köhlers Rücktritt : Der Fahnenflüchtling

  • -Aktualisiert am

Ein Abschied, der sein Amt beschädigt: Horst Köhler Bild: APN

Die Amtszeit von Horst Köhler war blamabel, sein Rücktritt ist eine Katastrophe. Ich bin dann mal weg, sagt der erste Mann im Staat seinen Bürgern, weil er eine Debatte nicht aushält, die er selbst angestoßen hat.

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          Erinnern Sie sich noch? „Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie dagewesenen kritischen Lage.“ Mit diesen Worten begründete Bundespräsident Köhler im Sommer 2005 seine Zustimmung zur Auflösung des 15. Bundestages. Damals fragte man sich, welche Konsequenzen Horst Köhler aus dieser dramatischen, aber korrekten Zustandsbeschreibung ziehen würde. Viele zweifelten daran, dass ein Mann, der stets im Schatten von mächtigen Gönnern oder im Getriebe großer Institutionen gewirkt hatte und nie durch eigene Ideen aufgefallen war, der richtige wäre, dem Land neue Inspiration zu vermitteln. Man war gespannt, welche angemessen unkonventionellen Schritte dieses Staatsoberhaupt unternehmen würde, um der von ihm beschriebenen Lage zu begegnen.

          Es kam dann nicht viel, doch selbst Zweifler hätten sich nicht vorzustellen gewagt, dass diese Präsidentschaft derart krachend scheitern könnte – und zwar an dem, was Köhler gefordert hatte, einer Diskussion. In seinem berüchtigten Deutschlandradio-Interview erklärte er ja erst einmal und nicht ohne Stolz die neue deutsche Lage, dass so ein großes Land auch bereit sein müsse, Krieg zu führen, um den Handel, und damit „Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern“. Dann fügte er den Satz an: „Alles das soll diskutiert werden – und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ Doch kaum hat die Diskussion um seine Interpretation des gerechten Krieges in globalisierten Zeiten einmal begonnen, greift Köhler zu einem in der Tat nie dagewesenen, um nicht zu sagen flippigen Mittel: dem Rücktritt. Das Land ist, wie er nochmal mit eigenen Augen sehen konnte, im Krieg. Die Schulden schnüren Bund, Ländern und Kommunen die Lebenskraft ab. Und im Unterschied zum Jahr 2005 steht nun auch der europäische Zusammenhalt auf dem Spiel. Da geht der?

          Erstaunliche Dünnhäutigkeit

          Sicher, Köhler zu erleben hieß, sich unerhörten Fragen zu stellen, aber als Bundesbürger vertraut man den Selbsterhaltungsfunktionen der Verfassungsorgane. Heute fühlt man sich im Rückblick deswegen leicht schafsartig. Ernste Zweifel an der Amtsführung konnte man beim Deutschen Fernsehpreis 2006 bekommen. Damals hatte die Jury dem beliebten Politkommentator Friedrich Nowottny einen Preis für seine Karriere verliehen. Plötzlich wehte Köhler ins Coloneum und versuchte sich an einer Laudatio auf den Helden der Bonner Berichterstattung. Alles daran war falsch: Nowottny steht für eine Epoche, in der Journalisten Reden auf Bundespräsidenten halten, nicht umgekehrt. Köhlers witzig gemeinte Bemerkungen auf die Brillenmode der siebziger Jahre wirkte verkrampft, unsouverän und so, als habe er keinen Zugang zur Symbolik und Würde seines Amtes. Es hatte sich auch niemand erhoben, als Köhler hereingekommen war, so als wäre alles ein ganz großes Missverständnis.

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