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Der Fall Köhler in den Talkshows : Gänsehaut zur Geisterstunde

Bild: ddp, dpa

Mit seinem Rücktritt hat der Bundespräsident der Lenamania auf ihrem Höhepunkt die Luft abgelassen. Nur langsam kehrte die Zuversicht zurück, die Republik werde auch diesen Schicksalsschlag überstehen. Dann aber kamen die Talkshows.

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          Der Montag war kein leichter Tag für Deutschland. Der Bundespräsident hatte, obwohl er nicht betrunken über eine rote Ampel gefahren war, seinen Rücktritt erklärt und damit der Lenamania, das jedenfalls wird man ihm nie verzeihen, auf ihrem Höhepunkt die Luft abgelassen. Doch hatten die Deutschen in den Wochen zuvor auch schon lernen müssen, ohne Margot Käßmann und Walter Mixa zurechtzukommen, sogar ohne Michael Ballack. Wenigstens in der Provinz, in sicherer Entfernung zum Ground Zero im Bellevue und zur Empörung von Berlin–Mitte, kehrte daher nach dem ersten Schrecken langsam die Zuversicht zurück, die Republik werde auch diesen Schicksalsschlag überstehen. Dann aber kamen die Talkshows.

          Die waren besetzt mit den üblichen Verdächtigen – also den gefühlt zwei Dutzend Leuten, denen das Fernsehen zutraut, Gedanken von Gewicht zu wägen und diese in geraden Sätzen äußern zu können, und zwar, das trennt die Spreu vom Weizen, zu jedem Thema, dass man ihnen vorsetzt. Da sah man sie also wieder, die Veteranen, von denen viele schon unter Frau Christiansen gedient und um den Applaus des Publikums gefochten hatten: der ehemalige Industriekapitän, der Deutschland immer noch fit für den Wettbewerb mit den Vietnamesen machen will; sein Antipode, der Schutzheilige der sicheren Rente; die unvermeidliche Autorität in Sachen politischer und privater Moral; und natürlich der Mann mit dem Affen, von dem man sich fragt, warum ihn eigentlich noch niemand als Bundespräsidenten vorgeschlagen hat, so viel gesunden Menschenverstand verströmt er.

          „Wir alle, die wir mitgegraben haben“

          Diese Talkshow-Elite und die dazwischen gemischten Publizisten, Professoren und Kabarettisten sprachen noch stellvertretender als sonst für Deutschland, jetzt, da der Bundespräsident weg ist. Man sah sie mitunter gleich auf mehreren Kanälen, wenn auch mit variierender Argumentation, je nachdem, was der Vorredner, also der jeweilige ehemalige Chefredakteur oder Politiker-Berater, ebenfalls alles gute Bekannte, gerade behauptet hatte, bis ihm der Moderator, hart aber fair, das Wort abschnitt, obwohl doch gerade die Lösung aufgetischt werden sollte, wie Deutschland doch noch zu retten sei.

          Da konnte selbst hartgesottenen Zuschauern angst und bange werden. Etwa als Lisa Fitz andeutete, Köhler wisse etwas über den bevorstehenden Kampf um die Rohstoffe in der Welt, der bis auf die Atombombe geführt werden könne. Oder als im Eifer des Gefechts die Grenzen zwischen dem Zurückgetretenen und den Nachtretern, dem Angeklagten und seinen Richtern verschwammen. Gertrud Höhlers Aufruf, doch endlich die Heuchelei bleiben zu lassen („wir alle, die wir mitgegraben haben, bis er weg war“), würdigte Plasberg damit, sie als „Frau Köhler“ anzureden. Das fiel ihm aufgrund der Namensähnlichkeit natürlich leicht. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks musste da schon größere Hürden überwinden, um Heiner Geißler mit „Herr Köhler“ titulieren zu können. Leider sagte niemand zu Frau Maischberger „Frau Merkel“ wie weiland der nach wie vor unerreichte Edmund Stoiber zu Frau Christiansen.

          All das war jedoch nichts gegen die Gänsehaut, die Beckmann seinem Publikum zu verschaffen wusste. Seine illustre Runde verwandelte sich, als es auf die Geisterstunde zuging, in eine Séance. Kurz vor Mitternacht beschwor sie am Telefon Frau Hamm-Brücher herauf, die den „Herrn Giovanni“ lobte, ansonsten der Republik aber ins Gewissen redete. Auch wenn sie wie eine Stimme aus dem Jenseits klang, war ihr Erscheinen doch Beweis genug, dass es ein Leben nach dem politischen Tode gibt. Dem wirklichen Horst Köhler wäre das an diesem Tag aber wohl auch dann kein Trost mehr gewesen, wenn er die Sendung gesehen hätte.

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