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Christian Wulff : Der Herr der sanften Töne

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Christian Wulff Bild: dpa

Christian Wulff ist wie geschaffen für das Amt des Landesvaters und des Präsidenten: Er scheut Kontroversen, fängt Stimmungen auf und gibt sie wieder. Gegenüber der Kanzlerin ist er zwar loyal - vertraut oder gar herzlich sind seine Beziehungen zu ihr aber nicht.

          Christian Wulff schätzt sanfte Töne. Der Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten scheint wie geschaffen für das Amt des Landesvaters, auch wenn er das anders sehen mag: Er scheut Kontroversen, fängt Stimmungen auf und gibt sie wieder. Auch in einer großen Versammlung beobachtet er Reaktionen und Anwesende und vermag über viele Stuhlreihen hinweg gezielt Botschaften zu vermitteln. Wenn er vor einer Gruppe von Einwanderern im hannoverschen Stadtteil Linden spricht, zeigen sich diese erstaunt, wie sehr er sie zu verstehen scheint – auch wenn er anschließend in seiner praktischen Politik das nicht so umsetzt wie erhofft. Dass Wulff ein Gespür hat für Bedeutung und Nöte von Immigranten, zeigte sich bei der auch von Grünen und SPD mit Überraschung und Respekt bedachten Ernennung der ersten Muslimin und türkischstämmigen Ministerin Deutschlands, Aygül Özkan, zur Sozialministerin in Niedersachsen.

          Das Bewusstsein für Ausländer in der Gemeinschaft verdankt Wulff auch den zwei glanzvollsten Politikern seiner Regierungskoalition in Niedersachsen, dem CDU-Fraktionsvorsitzenden David McAllister, der unbestritten als sein Nachfolger in Hannover gilt, und dem FDP-Landesvorsitzenden Philipp Rösler, dem Wulff nun in Berlin begegnen wird – der eine hat schottische, der andere vietnamesische Wurzeln. Die Offenheit hat er von diesen beiden auch für Fragen des Umweltschutzes übernommen, etwa bei der für Niedersachsen wichtigen Frage der Elbvertiefung. Das gilt weniger für Wulffs Haltung zur Linkspartei und deren Ideologie – da zeigen sich konservative und teils unversöhnliche Stimmungen.

          Ansonsten aber hat der 50 Jahre alte Jurist, der noch immer sein Schild als Anwalt mit dem Zusatz, er übe seinen Beruf derzeit nicht aus, in einer Großkanzlei in seiner Heimatstadt Osnabrück hat. Dort vermischen sich die Eigenschaften des Norddeutschen und Westfälischen. Und die eigentümliche Geschichte Osnabrücks als Ort nicht nur des Westfälischen Friedens, sondern auch konfessioneller Parität. Wulff ist Katholik – er wäre nach Heinrich Lübke erst der zweite als Bundespräsident. Da ist er aber wohl wenig festgelegt – wie er auch sonst, behaupten seine Kritiker aus der Opposition, einen „Hang zur Beliebigkeit“ und zur Entscheidungsscheu hat.

          Sein katholischer Glaube hat eine zweite Ehe mit der Pressereferentin Bettina Wulff nicht verhindert, die anders als Wulffs erste Frau öffentliche Auftritte liebt. So tritt das Ehepaar öfter zusammen mit dem gemeinsamen, zwei Jahre alten Sohn auf. Und er ist im Lande viel zu sehen – in dieser Woche etwa im Kloster, bei der Werbung für Landwirtschaft, einem Festakt für zehn Jahre Expo, beim italienischen Nationalfeiertag, in einem Landkreis und beim Seeschifffahrtstag in Cuxhaven.

          Spontane und wohlformulierte Reden schätzt der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, der zwar loyal gegenüber Kanzlerin Merkel ist – vertraut oder gar herzlich aber sind seine Beziehungen zu ihr oder zu den meisten anderen Politikern nicht. Weniger sprachgewandt wird Wulff bei Auslandsreisen sein. In seiner Jugendzeit sorgte er fürsorglich für seine erkrankte Mutter, während Mitschüler spielten oder Sprachen lernten.

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