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Bundespräsident Wulff in Ankara : „Christentum gehört zur Türkei“

Bekam Lob für seine Rede: Bundespräsident Wulff mit der türkischen Präsidentengattin Hayrunnisa Gül Bild: REUTERS

In der ersten Rede eines deutschen Bundespräsidenten vor dem türkischen Parlament hat Christian Wulff mehr Rechte für Christen in islamischen Ländern gefordert. Auch die Integrationsdebatte in Deutschland sparte er nicht aus.

          Bundespräsident Wulff hat sich am Dienstag in einer Rede vor dem Parlament in Ankara energisch für die Rechte der Christen in der Türkei stark gemacht. Er münzte seine Aussage vom 3. Oktober, wonach mittlerweile auch der Islam zu Deutschland gehöre, auf die Türkei und ihren Umgang mit Christen um und sagte: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Wulff wies darauf hin, dass es Muslimen in Deutschland möglich sei, ihren Glauben in einem würdigen Rahmen zu praktizieren, was die steigende Zahl von Moscheen belege. „Gleichzeitig erwarten wir, dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, ihren Glauben öffentlich zu leben, theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen“, sagte der Bundespräsident. Er warnte davor, sich in eine „falsche Konfrontation“ zwischen Christen und Muslimen treiben zu lassen. Doch gebe es Schwierigkeiten im Zusammenleben, die klar benannt werden müssten.

          Wulff hob in seiner Rede die Leistung von Einwanderern aus der Türkei für Deutschland hervor, sprach aber auch von „multikulturellen Illusionen“ der Vergangenheit. Einwanderer hätten Deutschland vielfältiger, offener und „der Welt zugewandter“ gemacht, doch sei ein „Zusammenleben in Vielfalt“ nicht einfach. „Unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer Herkunft stellen die größte Gruppe der Einwanderer in Deutschland. Sie sind in beiden Kulturen zu Hause. Sie sind in unserem Land herzlich willkommen und sie gehören zu unserem Land“, sagte Wulff.

          Er forderte aber „als ihr aller Präsident“, dass die Einwanderer sich „mit gutem Willen“ in die deutsche Gesellschaft einfügten. Es sei ein gutes Zeichen, dass viele Menschen türkischer Herkunft inzwischen in Deutschland Wurzeln geschlagen, studiert, Unternehmen gegründet und Arbeitsplätze geschaffen hätten sowie deutsche Staatsbürger geworden seien.

          „Regeln und Gesetze achten“

          Wulff, der als erster Bundespräsident vor dem Parlament sprach, benannte Integrationsprobleme wie „das Verharren in Staatshilfe“, „Machogehabe“ oder „Bildungs- und Leistungsverweigerung“. Niemand müsse seine kulturelle Identität aufgeben oder seine Herkunft verleugnen, doch seien Regeln und Gesetze zu achten.

          Wulff nannte die Menschenwürde, die freie Meinungsäußerung, die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie den religiös und weltanschaulich neutralen Staat: „Wer in Deutschland leben will, muss sich an diese geltenden Regeln halten und unsere Art zu leben akzeptieren.“

          Wulff fügte hinzu, dass Einwanderer die deutsche Sprache erlernen müssten. Die Aufforderung an die in Deutschland lebenden Türken, zunächst die deutsche Sprache zu beherrschen, wird auch vom türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül, dem türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan und anderen führenden Politikern der in Ankara regierenden „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) immer wieder erhoben.

          Noch deutlicher als vor den türkischen Volksvertretern hatte Wulff in einem zum Auftakt seiner Türkeireise veröffentlichten Gespräch mit der türkischen Zeitung „Hürriyet“ davon gesprochen. Der Zeitung sagte Wulff: „In streng religiösen Milieus gibt es bei diesem wichtigen Thema nicht akzeptable Abschottungen und Auffassungen, die mit unserer Rechtsordnung nicht vereinbar sind.“ Alle in Deutschland lebenden Menschen müssten aber „die Werte unserer Verfassung anerkennen, Respekt vor unserer Gesellschaftsordnung haben und respektieren, wie wir leben“.

          Vor seinem Auftritt im Parlament hatte Wulff ein Gespräch mit Gül geführt. Dieser forderte nach der Begegnung, in Deutschland seien mehr Integrationshilfen für Einwanderer, etwa beim Erlernen der deutschen Sprache. Man erkenne jetzt, „wo in der Vergangenheit die Fehler gemacht wurden“, sagte Gül, der Wulffs jüngste Äußerungen zum Islam in Deutschland ausdrücklich lobte. Wulff hatte in seiner Rede zum Jahrestag der Wiedervereinigung gesagt, auch der Islam gehöre inzwischen zu Deutschland.

          „Wende mich gegen jedes Pauschalurteil“

          Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer verteidigte unterdessen seine Aussagen zur Einwanderung gegen die Kritik des Bundespräsidenten. Er, Seehofer, werde seine Meinung beibehalten, seine Aussagen lägen „sehr im Interesse der in Deutschland lebenden Menschen“.

          Zu Wulff wolle er aber nicht Stellung nehmen, da er den Bundespräsidenten und dessen Aussagen nicht bewerte. Wulff hatte der „Hürriyet“ gesagt: „Zu behaupten, eine ganze Gruppe könne und wolle sich nicht integrieren, halte ich für falsch. Ich wende mich gegen jedes Pauschalurteil.“

          „Ergebnisoffene Beitrittsverhandlungen“

          Zu dem EU-Beitrittswunsch der Türkei sagte Wulff, Deutschland halte daran fest, die Beitrittsverhandlungen in einer „ergebnisoffenen“ Weise zu führen. Zudem forderte er eine Lösung im türkisch-griechischen Streit um die geteilte Insel Zypern. Der Bundespräsident will bis Freitag verschiedene Städte der Türkei bereisen, darunter auch die Provinz Kayseri, aus der Gül stammt.

          Türkische Medien hoben in ihrer Berichterstattung über den ersten offiziellen Tag der Bundespräsidentenreise hervor, dass erstmals auch die Kopftuch tragende türkische Präsidentengattin Hayrünnisa Gül die militärische Ehrenformation vor dem Präsidentenpalast abgeschritten habe.

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