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Bundespräsident Wulff : Der Staub des Zweifels

Bundespräsident Wulff hat die Ebene der Spitzfindigkeiten noch nicht hinter sich lassen können. Er reitet über den Bodensee.

          1 Min.

          Festtagsreden sind meistens so staatstragend, dass die ARD die Neujahrsansprache Kohls von 1986 im folgenden Jahr noch einmal senden konnte. Dem zweiten weihnachtlichen Fernsehauftritt Wulffs aber sieht die Republik so gespannt entgegen wie lange keinem dieser Ereignisse mehr. Im Programm steht ein Ritt über den Bodensee. Es sähe mehr als merkwürdig aus, überginge Wulff die Berichte, die ihn und die Öffentlichkeit beschäftigen. Spricht er aber darüber, dann könnte er nicht auf der Ebene der Spitzfindigkeiten bleiben, die ihn bislang mehr be- als entlasteten. Wie aber steht ein Präsident da, der in der größten Schuldenkrise Europas zu Weihnachten über eigene Schulden, Fehler und sein schon in den bekanntgewordenen Teilen unglückliches Krisenmanagement sprechen muss?

          Es sei „viel Staub aufgewirbelt“ worden, sagt Wulff. Viel Staub um nichts? Es ist der sich in den Ritzen festsetzende Staub des Zweifels, des Verdachts und des Glaubwürdigkeitsverlusts, den Wulff noch mit keiner seiner Erklärungen gänzlich vom Tisch wischen konnte. Das bezeugen am deutlichsten diejenigen, die meinten, ihm öffentlich zur Seite springen zu müssen. Die Kanzlerin, die sich noch im Falle Köhlers aus „Respekt“ vor dem Amt des Bundespräsidenten jede unterstützende Äußerung versagt hatte, lobte Wulff gleich zweimal in einer Woche. Denn das Letzte, was Frau Merkel neben Euro- und FDP-Krise jetzt noch brauchte, wäre, dass auch der zweite Bundespräsident, den sie sich erkor, zurückträte. Schließlich sollte gerade ihre zweite Wahl allen Anforderungen des Amtes gewachsen sein.

          Aber auch der Opposition steckt der Rücktritt Köhlers noch in den Knochen. Milder als der sonst die Schärfe nicht scheuende Jürgen Trittin, den viele als den Königsmörder in der Causa Köhler ansehen, konnte man sich zu Wulff kaum äußern. Die Linken vergaßen diesem nicht, dass er den Islam als zur „Bunten Republik Deutschland“ gehörend bezeichnete. Auch beim „Kampf gegen rechts“ machte er aus ihrer Perspektive bisher alles richtig. Doch so langsam beschleicht selbst die Opposition ein ungutes Gefühl. Man hält es, wie auch in den Reihen der Koalition, für möglich, dass es weitere „Enthüllungen“ gibt, und seien es nur solche über den Lebens- und Politikstil eines Staatsoberhauptes, der selbst einer „bunten Republik“ zu bunt wäre. Nicht nur die Kritiker haben die Würde des Amtes zu achten, sondern auch der Amtsinhaber selbst.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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