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Gauck in Amerika : Die Freiheit ist nie vollkommen

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Gauck darf die Freiheitsglocke in Philadelphia berühren. Bild: dpa

Gaucks erste Amerikareise führt ihn nach Philadelphia. An dem symbolträchtigen Ort zeigt der Bundespräsident Verständnis für beiderseitige Kritik, doch wirbt er auch um neues Vertrauen zwischen den Nationen.

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          Jeder Mensch, der die Freiheit liebt“, sagt Joachim Gauck hinter der Independence Hall, „dem geht hier das Herz auf.“ Seine erste Amerikareise als Bundespräsident hat ihn am Montagnachmittag zunächst nach Philadelphia geführt, und an den Orten, die er als „eigentlich heilige Stätten der Demokratie“ bezeichnet, fühlt sich Gauck sichtlich zu Hause. Gut zwanzig Minuten verweilt die Delegation vor der Liberty Bell. Die Glocke hing einst im damaligen State House, wo Amerikas Gründerväter die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung erarbeiteten.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Die örtliche Direktorin des National Park Service erklärt in ihrer grünen Uniform, wie die Glocke vom 19. Jahrhundert an zum Symbol wurde: für Sklavereigegner, Vorkämpferinnen des Frauenwahlrechts oder die Bürgerrechtsbewegung. „So“, sagt Gauck, „jetzt muss ich sie mal anfassen.“ Nur sachte, bittet die Führerin, aber der Bundespräsident belässt es nicht bei einer ehrfürchtigen Berührung, sondern stützt sich eher auf die Glocke, die Hand neben der berühmten Spalte.

          Ein deutscher Germanist der Universität von Pennsylvania nutzt die Gelegenheit, eine Frage loszuwerden, die ihn schon lang beschäftige: Warum haben sich die Amerikaner ausgerechnet eine gesprungene, also kaputte Glocke zum Symbol ihres Freiheitsstrebens erkoren? Die Gastgeberin deutet ein Schulterzucken an, da fährt Gauck dazwischen: „Das kann ich erklären!“ Für ihn macht erst der Riss die Symbolik perfekt. „Denn die Freiheit, die wir gestalten, ist nie vollkommen.“ Das müsse sie sich merken, sagt die Direktorin vom Park Service.

          Am Dienstag kommt Gauck auch bei seiner Rede an der örtlichen Universität auf die Glocke und „unser gemeinsames Eintreten für die Verteidigung der Freiheit“ zu sprechen. 332 Jahre nachdem einige Krefelder als erste Deutsche nach Amerika auswanderten und sich bei Philadelphia niederließen, siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und 25 Jahre nach der Wiedervereinigung versichert der Bundespräsident: „Die Freiheit ist in Deutschland in guten Händen.“

          Kritik an deutscher Haltung

          Gauck weiß, dass er zwar in Amerika spricht, aber allenfalls in Deutschland gehört wird. Deswegen kommt er rasch darauf zu sprechen, „dass mich das Amerikabild beunruhigt, das sich in Teilen Europas und auch in Deutschland entwickelt“. Die Kritik dominiere. „Die Datensammlung und die Abhörtätigkeit der National Security Agency tragen nach Umfragen dazu bei, dass die Bundesbürger den Vereinigten Staaten weniger vertrauen als zuvor.“

          Gauck buchstabiert diesen deutsch-amerikanischen Dissens gründlich aus. Er könne nachvollziehen, sagt der Bundespräsident, „dass sich mancher Amerikaner fragt, warum wir Deutschen, statt uns zu erregen, nicht selbst mehr tun zur Abwehr des Terrorismus; warum wir uns im Zweifel lieber auf die amerikanischen Dienste verlassen – nur um sie am Ende zu kritisieren. Aber erlauben Sie mir umgekehrt die Frage, warum Telefon-Verbindungsdaten deutscher Minister – offenbar auch von Landwirtschaftsministern – in Listen amerikanischer Dienste auftauchen und was das mit Terrorismusabwehr zu tun hat?“ Gauck spricht davon, dass die Bürger in Deutschland ihre Privatsphäre angegriffen sähen und resümiert, die Amerikaner „hätten hier eine gute Gelegenheit, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen“.

          Der Bundespräsident wirft die Frage auf, ob sich die Vereinigten Staaten gar „mittlerweile von den gemeinsamen Grundlagen verabschiedet“ hätten. Auch diese Vorstellung weist er nicht auf Anhieb zurück, sondern zählt zunächst auf, was vielen Deutschen an Amerika suspekt ist: „das kaum eingeschränkte Recht auf Waffenbesitz, die Todesstrafe, die Toleranz gegenüber extremer Armut“ ebenso wie „Teile der Sicherheitsgesetze, Verhörpraktiken und Guantánamo“.

          Seit 18 Jahren wieder ein Bundespräsident im Weißen Haus

          Dann aber hält Gauck den Deutschen den Spiegel vor, die stets „die militärische Verteidigung der eigenen Freiheit und Souveränität“ vor allem von den Amerikanern erwarteten. Der Bundespräsident führt noch zwei kleinere Beispiele dafür an, warum Amerikaner am Freiheitsverständnis der Deutschen zweifelten: die Meldepflicht und die staatlich eingezogenen Kirchensteuern.

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