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Bundespräsident Gauck in Israel : „Kritik bitte nur im Geist der Freundschaft“

  • Aktualisiert am

Eingetroffen: Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt am Montag auf dem Flugplatz Ben Gurion in Tel Aviv Bild: dapd

Bundespräsident Gauck ist in Jerusalem mit militärischen Ehren empfangen worden. Nach der Kritik des Schriftstellers Günter Grass an der israelischen Politik sind die Erwartungen an den Gast aus Deutschland hoch - in Israel und in den Palästinensergebieten.

          Bundespräsident Joachim Gauck hat sich besorgt über eine immer kritischere Haltung vieler Deutscher zum jüdischen Staat geäußert. „Ohne Umfragen überzubewerten: Als Freund Israels besorgen mich die Ergebnisse dennoch“, antwortete Gauck der Zeitung „Haaretz“ vom Dienstag auf eine Frage nach dem sinkenden Ansehen Israels in Deutschland.

          Eine Umfrage hatte kürzlich ergeben, dass 70 Prozent der Deutschen Israel vorwürfen, seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker zu verfolgen, und 59 Prozent die israelische Politik für aggressiv hielten.

          „Einzigartige Verantwortung“

          „Aus den Abgründen seiner Geschichte kommt Deutschland eine einzigartige Verantwortung gegenüber Israel zu“, sagte Gauck, der am Montag zu einem Staatsbesuch in Israel eingetroffen war. „Wachsende Ressentiments gegenüber Israel sind zwar nicht allein ein deutsches Phänomen, aber wir Deutsche sollten uns besonders kritisch fragen: In welchem Geist urteilen wir über israelische Politik? Doch bitte nur im Geist der Freundschaft. Da ist durchaus auch Platz für Kritik, nicht aber für Vorurteil“, sagte der Bundespräsident.

          Die umstrittenen Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers Günther Grass, Israel bedrohe den Weltfrieden, bezeichnete Gauck als dessen persönliche Meinung. Sie entspreche jedoch nicht der deutschen Politik. „Wir treten dafür ein, dass Israel in Frieden und in gesicherten Grenzen leben kann“, sagte Gauck. Dafür seien die Zwei-Staaten-Lösung und die Berücksichtigung der „berechtigten Anliegen des palästinensischen Volkes“ entscheidend.

          Gemeinsam in Yad Vashem

          Gauck war zum Auftakt seines Besuchs am Dienstag von Staatspräsident Schimon Peres mit militärischen Ehren begrüßt worden. Peres empfing den deutschen Gast vor seinem Amtssitz in Jerusalem. Gemeinsam wollen beide die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchen, wo der sechs Millionen Juden gedacht wird, die den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind.

          In Jerusalem wird außerdem mit Ministerpräsident Netanjahu, Außenminister Lieberman und Oppositionsführerin Yacimovich zusammentreffen. Er wird aber auch mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman und Holocaust-Überlebenden sprechen. Außenminister Westerwelle hatte sich am Freitag in Berlin überzeugt davon gezeigt, dass der in Israel noch weitgehend unbekannte Gauck „mit seinem großen Lebensthema Freiheit und Menschenwürde die Herzen der Israelis tief berühren werde“.

          Hohe Erwartungen auch in Ramallah

          Auch in Ramallah, wo sich Gauck am Donnerstag aufhalten wird, hegt man besondere Erwartungen an Gauck wegen seiner Vergangenheit als Bürgerrechtler. Ihr sei in seiner Antrittsrede aufgefallen, wie wichtig ihm Themen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde seien, sagte Hanan Aschrawi, die PLO-Führungsmitglied ist. „Das ist eine Sprache, die wir verstehen“, fügte sie hinzu. In Ramallah wird Gauck Präsident Abbas und Ministerpräsident Fajad treffen und zuvor in der Nähe von Nablus eine mit deutscher Entwicklungshilfe errichtete Schule eröffnen.

          Briefing auf der Reise: Bundespräsident Joachim Gauck spricht während des Fluges nach Israel mit Journalisten

          Gaucks Vorgänger Wulff hatte Israel Ende 2010 besucht. Er war damals gemeinsam mit seiner Tochter Annalena in Yad Vashem. Wulff wollte damit zeigen, dass die die bleibende Verantwortung Deutschlands von Generation zu Generation weitergegeben werde. Das sieht offenbar eine wachsende Zahl von Deutschen anders. Laut der Umfrage des Nachrichtenmagazins „Stern“ verspüren 60 Prozent der Befragten wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit keine besondere Verpflichtung gegenüber Israel mehr.

          Gauck hat als Bundespräsident bisher nur die wichtigsten Nachbarländer Deutschlands besucht. In Israel wurde es als eine besondere Geste verstanden, dass das neue deutsche Staatsoberhaupt , begleitet von seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, wenige Wochen nach seinem Amtsantritt dem Land seinen ersten Staatsbesuch abstattet.

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