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Bundesagentur für Arbeit : Wie Gerster, nur anders

  • -Aktualisiert am

Rückendeckung schwindet: Florian Gerster und Wolfgang Clement (r) Bild: dpa/dpaweb

Die Regierung sucht bereits einen Nachfolger für die Führung der BA: Soll ein selbstbewußter Politiker die Behörde führen, oder ist jetzt eher die Zeit für einen unauffälligen Vollstrecker gekommen?

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          Die Stellenbeschreibung wäre für jeden Personalberater eine echte Herausforderung: Gesucht wird der Leiter einer 90 000-Mitarbeiter-Behörde, deren Arbeit von der Opposition in Bund und Ländern ebenso aufmerksam wie argwöhnisch begleitet wird und deren Erfolg für das Ansehen der Bundesregierung in der Öffentlichkeit und für die Wahlchancen der rot-grünen Koalition mitentscheidend ist.

          Erschwerend kommen Sitz und innere Struktur hinzu: Die Behörde ist nicht im pulsierenden Berlin, sondern im beschaulich-unpolitischen Nürnberg angesiedelt, und die Belegschaft quer durch die Republik ist durch den Umbau der Organisation verunsichert und durch die öffentlichen Angriffe verärgert. Gefragt ist daher neben politischem Gespür und Sensibilität im Umgang mit den Mitarbeitern ein hohes Maß an Management-Kompetenz und Führungserfahrung.

          "Bauleiter" für die "größte Baustelle"

          Auch für Gewerkschaften und Arbeitgeber, die beide in der Selbstverwaltung sitzen, muß der Kandidat tragfähig sein. Und er muß die Modernisierung, die der Bundeskanzler dem Arbeitsmarkt verordnet hat, vorantreiben. Hätte man den studierten Psychologen und Betriebswirt Florian Gerster, der zehn Jahre lang freiberuflich als Personalberater tätig war, die Suche übertragen, hätte er vermutlich sich selbst als Kandidaten vorgeschlagen - und nicht einmal zu Unrecht.

          Viele der verlangten Eigenschaften brachte der heute 54 Jahre alte Sozialdemokrat und Reserveoffizier mit, als er vor nicht einmal zwei Jahren sein Spitzenamt in Nürnberg antrat. Vom Kanzler öffentlich als "Bauleiter" für die "größte Baustelle" der Regierung verpflichtet, nutzte Gerster die Gunst der Stunde, um sich den Umzug ins Frankenland durch attraktive Konditionen zu versüßen.

          Geschickter Unterhändler

          In den Vertragsverhandlungen habe Gerster "das Optimum herausgeholt, was in der Situation rauszuholen war", heißt es rückblickend in Regierungskreisen. Sein Gehalt wurde gegenüber den Bezügen seines Amtsvorgängers Jagoda (CDU) verdoppelt. Bei den übrigen Konditionen erwies sich Gerster ebenfalls als geschickter Unterhändler. Stand Jagoda noch im Range eines Staatssekretärs, war Gerster stets darauf bedacht, mit einem Bundesminister gleichgestellt zu werden.

          Wenn er an diesem Wochenende fallen sollte, fiele er weich - unabhängig davon, ob er von sich aus zurückträte oder von der Selbstverwaltung entlassen würde. Zunächst erhielte er drei Monate lang sein Gehalt weiter, dann für die restlichen Monate seiner fünfjährigen Amtszeit das halbe Gehalt. So kämen etwa 400 000 Euro an Übergangsgeld zusammen. Ginge Gerster aus eigenem Antrieb, wären es nur zwei Drittel davon. Solche Konditionen mögen für manch einen Ministerialbeamten oder einfachen Bundestagsabgeordneten verlockend sein. Für hochdotierte Unternehmensvorstände bedeuteten sie dagegen einen finanziellen Abstieg.

          Knappes Personalreservoir der SPD

          Entsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach einem Nachfolger. An deren Anfang muß zunächst die Grundsatzfrage beantwortet werden: Soll die Behörde weiterhin von einem selbstbewußten Politiker geführt werden - mit dem Risiko, daß sich dieser wieder ungefragt zu Wort meldet? Oder ist jetzt eher die Zeit für einen unauffälligen Vollstrecker gekommen?

          Dem Vernehmen nach ist diese Frage noch nicht beantwortet. Doch nicht nur das knappe Personalreservoir der SPD - vom früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Gabriel einmal abgesehen, der noch versorgt werden muß, aber für die Aufgabe in Nürnberg ungeeignet erscheint - spricht für die zweite Variante, sondern auch strategische Überlegungen: Solange nicht mit einer Besserung auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen ist, dürfte die Bundesregierung bestrebt sein, das Thema aus der Schußlinie der Opposition zu ziehen.

          Eine unpolitische Lösung böte der Regierung sogar die Möglichkeit, den politischen Reformprozeß für abgeschlossen zu erklären und alle Friktionen als Umsetzungsprobleme herunterzuspielen. "Hartz I bis IV stehen im Bundesgesetzblatt, der Umbau der BA ist eingeleitet. Wir brauchen jetzt niemand mehr, der kreative Ideen entwickelt", heißt es in Regierungskreisen. Notwendig sei vielmehr ein "Umsetzer", der sich 24 Stunden am Tag dem Reformprozeß widme.

          Eine solche Aufgabe mag vielleicht für einen Personalmanager aus der staatsnahen Wirtschaft reizvoll sein, der noch einmal eine neue Herausforderung sucht. So wird beispielsweise der Name des Bahn-Vorstands Bensel immer wieder in die Diskussion geworfen. Die unpolitische Variante machte aber auch eine interne Lösung möglich. Anders als Gersters Stellvertreter Alt, der in der BA unter Jagoda aufgestiegen ist und eher als Vertreter der alten BA gilt, genießt Finanzvorstand Weise, den Gerster nach Nürnberg geholt hat, das Vertrauen von Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften.

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