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Bürgerkrieg im Irak : Die Schlacht um Bagdad steht bevor

  • -Aktualisiert am

Freiwillige sollen die Lücken der irakischen Armee füllen Bild: AFP

Aus und vorbei ist der Traum von Demokratie und Freiheit für den Irak. Dem Land und seinen zerbrechlichen Nachbarn Syrien und Jordanien droht ein jahrelanger Regionalkrieg.

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          Der zweite irakische Bürgerkrieg geht in seine zweite Woche. Die Heftigkeit, mit der der Konflikt weiter eskaliert, hält die Welt in Atem - und bringt unzählige Iraker um ihre Existenz, vielleicht für immer. Hunderttausende sind schon auf der Flucht, viele mehr könnten in den nächsten Wochen hinzukommen. Aus und vorbei ist der Traum von Demokratie und Freiheit, den auch ein gutes Jahrzehnt nach dem Sturz Saddam Husseins noch immer einige träumten. Was dem Irak und seinen fragilen Nachbarn Syrien und Jordanien, aber auch dem Libanon stattdessen droht, ist ein Regionalkrieg, der Jahre anhalten könnte - und die Türkei ebenso wie Iran nicht unberührt lassen würde.

          Der aus Frust über die Untätigkeit des Westens zurückgetretene Syrien-Sondergesandte von Vereinten Nationen und Arabischer Liga, Lakhdar Brahimi, hat den Grund für den Flächenbrand am Wochenende auf den Punkt gebracht. In einem Interview sagte der erfahrene algerische Diplomat über das Versagen der Weltgemeinschaft gegenüber der Diktatur in Damaskus, die 2011 mit der gewaltsamen Niederschlagung der friedlichen Protestbewegung begonnen hatte: „Es ist eine altbekannte Regel: Ein derartiger Konflikt kann nicht innerhalb der Grenzen eines einzelnen Landes eingeschlossen werden.“ Weil „das syrische Problem vernachlässigt“ worden sei, stehe nun auch der Irak vor dem Auseinanderbrechen.

          Vormarsch im Bürgerkrieg

          Wie in Syrien hatte der sunnitische Aufstand gegen den schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki friedlich begonnen. Doch spätestens nach dem Massaker an Demonstranten in dem Ort Hawidscha im April 2013 radikalisierte und bewaffnete sich der Widerstand. Es ist kein Zufall, dass die Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien“ (Isis) etwa zur gleichen Zeit zum ersten Mal auf den Plan trat. Anders als in Syrien aber, wo die Dschihadisten die moderaten Regimegegner der Freien Syrischen Armee (FSA) und verfeindete Islamistenmilizen attackierten, nicht aber die Truppen Baschar al Assads, steht ihr Hauptfeind im Irak an der Spitze des Staates: Isis will das Regime Maliki loswerden, die Herrschaft des als Marionette der schiitischen Theokratie in Teheran empfundenen Machthabers ein für alle Mal abschütteln.

          In Bedrängnis: Nuri al Maliki

          In Mossul, Falludscha und Takrit hat die Truppe damit bereits Erfolg gehabt - dank großzügiger Unterstützung durch sunnitische Stammesführer, entmachtete Kader der Baath-Partei und entlassene Offiziere. Nicht weil die von Maliki seit 2006 systematisch an den Rand gedrängten Repräsentanten der sunnitischen Minderheit die Ziele von Isis ideologisch teilten, habe Isis in acht Tagen bis auf sechzig Kilometer an die Hauptstadt heranrücken können, sagte Brahimi. Sondern weil der Vormarsch vor dem „Hintergrund eines Bürgerkriegs zwischen Schiiten und Sunniten“ stattfinde.

          Nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ hätten die säkularen Verbündeten der Islamisten die Gunst der Stunde genutzt, um die Macht der nach den Massendesertionen vergangene Woche stark geschrumpften Armee zu brechen. Schon fahren Flüchtlinge aus den vom Krieg weitgehend unberührten Kurdengebieten wieder zurück in die Isis-Provinzen Ninive und Salahuddin: Den Tugendterror der Islamisten fürchteten sie bei der Flucht weniger als grausame Vergeltungsschläge der Restarmee. Zugute kommt Isis zudem, dass sie dank der Plünderung Dutzender Banken mit Devisen in Millionenhöhe ausgestattet ist - und diese Medienberichten zufolge nutzt, um die Preise für Lebensmittel und Treibstoff zu deckeln.


          Im Restirak hingegen tätigen viele Bewohner längst Hamsterkäufe, die Preise steigen. Am Mittwochmorgen trafen Raketen in Baidschi die größte Raffiniere des Landes, was die Sorge befeuerte, die Erdölexporte könnten einbrechen. Weit nach Westen wehte der Wind die riesige Rauchwolke - in Richtung der ostsyrischen Wüste, wo die Gegend um die Provinzhauptstadt Deir al Zor inzwischen auch von Isis kontrolliert wird. Während die Dschihadisten die Diktatur Assads indirekt stützen, kommen sie im Irak ihrem Ziel, Maliki zu stürzen, zu Beginn der zweiten Kriegswoche immer näher. Nördlich seines Regierungssitzes in der Grünen Zone ist Baquda die letzte Großstadt, die die Isis-Kämpfer noch von der Hauptstadt trennt. Wenn in zehn Tagen der Fastenmonat Ramadan anbricht, könnte die Schlacht um Bagdad bereits begonnen haben.

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