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Bündnis 90/Die Grünen : Wahlkampf in Joschkas Kiez

Roth verabschiedet Fischer zu seiner Deutschland-Wahlkampftour Bild: REUTERS

Öko-Action in der Hauptstadt: Mit einer „Wählbar“ in der Oranienburger Straße und einem 48-Stunden-Redemarathon starten die Grünen ihren „Sommerwahlkampf“ für Berliner und Berlin-Besucher.

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          Der feine Nieselregen sammelt sich auf den grünen Plastiktischdecken zu Pfützen. Darin spiegelt sich das grüne Neonlicht, das den mit Biergarnituren möblierten Schotterplatz beleuchtet. Sitzen mag hier niemand.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Eine Gruppe junger Männer ruft: „Lauter!“ Dann kichern sie angeschickert, und einer blökt: „Das weiß doch jeder, sogar meine Schwester!“

          Politische Rede mitten in der Nacht

          Das gilt einem kaum Älteren, der vorne auf einer mobilen Bühne steht, einem aufgeklappten Quader auf Stelzen, und tapfer seine Rede hält, eine politische Rede mitten in der Nacht. Der Redner steht neben dem Pult und sucht den direkten Kontakt mit den Zuhörern, die auch endlich näher kommen.

          Zu verregnet? Vor nur wenigen Zuschauern spricht der Wahlkampfmanager Kuhn während der Grünen-Rede-Rallye
          Zu verregnet? Vor nur wenigen Zuschauern spricht der Wahlkampfmanager Kuhn während der Grünen-Rede-Rallye : Bild: dpa/dpaweb

          Er erklärt, daß die Großkonzerne kein Interesse daran hätten, die fossilen Brennstoffe durch regenerative Energien zu ersetzen, daß das Öl und große Kraftwerke leicht zu monopolisieren seien, während Windräder von Mittelständlern zusammengebaut und von Bauern finanziert würden, daß die Amerikaner im Irak nicht einmarschiert wären, wenn dort nur Datteln angebaut würden. In vielleicht drei Stunden wird das Morgenlicht die Neonbeleuchtung verblassen lassen.

          Die „Wählbar“ der Ökopartei

          Die Grünen machen „Sommerwahlkampf“, was vor allem bedeutet, daß sie im Berliner Zentrum präsent sein wollen. Die Hunderttausende Besucher, die im Sommer durch die Hauptstadt zögen, wolle man so erreichen, hatte der Wahlkampfmanager Fritz Kuhn erklärt. Zugleich ist das aber auch Ausdruck der Schwierigkeiten einer kleinen Partei, mit einem vergleichsweise schmalen Budget von 3,8 Millionen Euro einen unerwarteten Wahlkampf aus dem Boden zu stampfen.

          So hat die Ökopartei eine „Wählbar“ in der Oranienburger Straße eingerichtet, wo sich zwischen Mitte und Prenzlauer Berg Kneipe an Kneipe reiht und die Prostituierten auf der Straße versuchen, sich auf ihre Weise zu verkaufen, ohne allzusehr naßgeregnet zu werden. 48 Stunden Dauerreden, lautete die Aktion am Wochenende. Alle zwanzig Minuten steht ein anderer am Mikrophon, Prominente dürfen auch länger.

          Einmal mehr müsse es sein

          Am Samstag abend „kommt Joschka“, wie die Plakate ankündigen. Weit mußte der Bundesminister des Äußeren nicht gehen, wie er selbst anmerkt: Noch nie habe er so nah von zu Hause eine Wahlkampfrede zu halten gehabt. Fischers Botschaft lautet: Die Grünen müßten nicht alle Zeit regieren, das wolle nicht einmal er behaupten; aber nun müsse es schon noch einmal sein, denn die anderen könnten es nicht, nicht Merkel, nicht Gysi und Lafontaine. Und: „Ich kämpfe nicht nur für die Grünen, ich kämpfe für die Fortsetzung dieser Koalition.“

          Die Leute recken die Köpfe. Teils sind sie eigens für diese Rede gekommen, teils sind sie als Passanten hängengeblieben. Nachts sind es dann nur noch letztere. „Wahlkampf ist das?“ sagt einer, die Flasche „Budweiser“ in der Hand; der Redner preist gerade die Vorzüge von Konstanz, der Stadt, in der erstmals ein grüner Oberbürgermeister wiedergewählt worden sei. „Ich hatte gedacht, das ist Kabarett.“

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