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Brunner-Prozess : Vom Sinn der Solidarität

  • -Aktualisiert am

Der Fall Brunner hat so viel Entsetzen hervorgerufen, weil sich hier einmal jemand für Wehrlose einsetzte. Der Helfer in der S-Bahn ist zum Opfer geworden. Der Münchner Prozess fragt daher auch die Gesellschaft: Wird Solidarität belohnt?

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          Zum Prozessbeginn kam auch der Vater des Opfers. Oskar Brunner will das Mordverfahren gegen die beiden jungen Männer verfolgen, die am 12. September 2009 an einer Münchner S-Bahn-Station seinen Sohn Dominik Brunner zu Tode geprügelt haben. Man kann sich nur schwer vorstellen, was in dem Achtzigjährigen vorgeht, dessen Frau nicht mit ihm im Gericht sein kann. Aber man ahnt, dass die Ohnmacht und die Wut, die vor einem Dreivierteljahr ganz Deutschland erfassten, in den Eltern ins Unendliche verstärkt sind. Daher ist auch Oskar Brunner, wie sein Sohn, eine Symbolfigur - für die Suche nach dem Sinn der Solidarität.

          Welch ein Gegensatz zum Auftreten der beiden Angeklagten, das Hemd über der Hose, aber die Haare brav gescheitelt und gestutzt. Vor der Jugendkammer des Landgerichts München geben sie sich reumütig. Aber wie konnte jugendliche Wichtigtuerei so schnell in massive Gewalt ausarten? Und wie geht die Version vom "Blackout", die einer der mutmaßlichen Täter nun vorschützt, mit dem Variantenreichtum an wüsten Beschimpfungen einher, die das Opfer neben zielgerichteten Schlägen und Tritten über sich ergehen lassen musste?

          Der Fall Brunner hat so viel Entsetzen hervorgerufen, weil sich hier einmal jemand aus freien Stücken und auf eigenes Risiko für Wehrlose einsetzte. Der Münchner Prozess fragt daher nicht nur die Täter, sondern auch die Gesellschaft: Auf welchen Grundlagen steht eigentlich unser Gemeinwesen? Wird Solidarität belohnt? Oder sollte man nicht doch besser auf den langen Arm des Gesetzes warten? Dominik Brunner ist in seiner Selbstlosigkeit für viele ein Vorbild. Aber die Folgen seines beherzten Eingreifens werden manchen Zeugen von Straftaten auch entmutigen, Zivilcourage zu zeigen.

          Wahrscheinlich ist es zu viel verlangt von diesem Gericht, einer Gesellschaft Mut zu machen, die schon in der S-Bahn auf Unmenschlichkeit treffen kann. Aber man würde sich von allen Prozessbeteiligten wünschen, dass am Ende nicht nur ein gerechtes Urteil steht, sondern ein Ausweg aus der Gefahr, dass der Helfer zum Opfer wird.

          Am ersten Prozesstag haben "der Markus", wie ihn sein Anwalt verniedlichend nennt, und sein Freund die Gelegenheit verpasst, mehr als Kalkül zu zeigen. Vielleicht bringen sie noch die Zivilcourage auf, uns mit einem ehrlichen Bekenntnis die Angst vor der Zivilcourage zu nehmen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

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