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Krieg in Syrien : Mit dem kleinen Satan

  • -Aktualisiert am

Luftwaffenstützpunkt Hamadan: Russische Langstreckenbomber Tu-22M3 Bild: AP

Trotz des Zweckbündnisses in Syrien ist das Vertrauen zwischen Iran und Russland gering. Militärstrategen in Teheran sind sich uneinig, wie es weiter gehen soll. Die Angst vor der Abhängigkeit zu einer Großmacht ist groß.

          In der iranischen Theokratie mag man sich fühlen, als sei man Lichtjahre von Russland entfernt. Tatsächlich beträgt der Zeitunterschied zwischen Moskau und Teheran nur eineinhalb Stunden. Daran kann es nicht gelegen haben, dass die iranische Führung Tage brauchte, um sich zu klaren Worten über die neue Qualität der militärischen Zusammenarbeit mit Russland durchzuringen. Gleichwohl antwortete der Sprecher des Außenministeriums in Teheran auf die Frage, warum nicht Iran, sondern Russland öffentlich gemacht hatte, dass russische Bomber vom iranischen Luftwaffenstützpunkt bei Hamadan zu Einsätzen in Syrien gestartet waren: „Vielleicht liegt das am Zeitunterschied geographischer Regionen.“

          Nach allem, was man weiß, war es das erste Mal seit der Islamischen Revolution von 1979, dass einer ausländischen Macht gestattet wurde, von Iran aus Militäroperationen durchzuführen. Dass Teheran Mühe hatte, diesen historischen Einschnitt zu kommunizieren, hat zwei Gründe: Zum einen ist militärische Souveränität ein ideologischer Grundpfeiler des iranischen Regimes, der in den historischen Erfahrungen des Landes tief verankert ist. Zum anderen betrachtet Teheran mit Sorge den großen Einfluss Moskaus in Damaskus, trotz der Interessenkonvergenz beider Länder in der Syrien-Politik.

          Artikel 146 der iranischen Verfassung verbietet „die Errichtung jeglicher ausländischer Militärbasis in Iran, und sei es zu friedlichen Zwecken“. Eine Mitnutzung iranischer Stützpunkte durch ausländische Truppen schließt das zwar explizit nicht aus; ein solches Verbot ergebe sich aber „aus dem Zeitgeist, in dem die Verfassung geschrieben wurde“, sagt der Iran-Fachmann Walter Posch von der österreichischen Landesverteidigungsakademie. „Weder Ost noch West“ lautete eines der Leitmotive der Islamischen Revolution, das fortan die Außenpolitik des Landes bestimmte. Die Sowjetunion galt als der „Geringere Satan“ im Vergleich zum „Großen Satan“, den Vereinigten Staaten.

          Spielball der Großmächte

          Im 19. Jahrhundert war Persien zum Spielball der Großmächte Russland und England geworden; das hat man in Iran bis heute nicht vergessen. Ein Ereignis, das sich besonders tief in die Erinnerung gebrannt hat, ist die gewaltsame Auflösung des ersten iranischen Parlaments mit Hilfe Russlands im Jahr 1908. Dann besetzten im Zweiten Weltkrieg sowjetische und britische Streitkräfte kurzzeitig Iran, um sich Zugang zu dessen Ölfeldern zu sichern. „Die Erfahrung, dass die Präsenz ausländischer Mächte meist zum Nachteil Irans war, ist im iranischen Geschichtsbewusstsein tief verankert“, sagt Adnan Tabatabai, Geschäftsführer der Denkfabrik Carpo in Bonn.

          Solche Ängste spielen in der aktuellen militärstrategischen Debatte in Iran eine zentrale Rolle. „Die Iraner haben große Angst, dass sie in die Abhängigkeit einer Großmacht geraten oder zu einem Anhängsel der russischen Politik werden könnten“, sagt Walter Posch. Umso mehr ist Teheran bemüht, Iran als treibende Kraft der Kooperation mit Russland darzustellen: „Iran nutzt die russischen Luftoperationsfähigkeiten im Einklang mit Bodenoperationen mit iranischen Militärplanern und -beratern. Das ist ein Zeichen der Stärke, nicht der Abhängigkeit“, sagte der Sprecher des Sicherheitsrates, Ali Shamkhani.

          Irans Militärstrategen uneins

          Irans Militärstrategen seien uneins in der Frage, ob eine dauerhafte Allianz mit Russland von Vorteil für Iran sei, sagt Walter Posch. Mit Blick auf die nun vorerst ausgesetzte Nutzung der Luftwaffenbasis habe sich offenbar die Mainstream-Meinung durchgesetzt, wonach nur ein temporäres, partielles Bündnis sinnvoll sei. Gleichwohl haben beide Länder ihre Rüstungskooperation über Jahrzehnte intensiviert. Die Erlaubnis, russische Bomber von Iran aus starten zu lassen, sei daher „ein logischer Schritt“, so Posch. Dazu zählt auch die jahrelang verschobene, inzwischen angelaufene Lieferung eines russischen Luftabwehrraketensystems vom Typ S-300, das das Abschreckungspotential amerikanischer oder israelischer Drohungen, Iran aus der Luft zu bombardieren, erheblich schmälern soll. Der Kriegseintritt Russlands in Syrien im vergangenen Herbst war eng mit Iran abgestimmt. Der Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden, Qassem Soleimani, reiste dafür nach Moskau; zuvor hatte Revolutionsführer Ali Chamenei den russischen Außenminister getroffen. Beide Länder sind (in unterschiedlichem Maße und aus unterschiedlichen Gründen) an einem Machterhalt des syrischen Gewaltherrschers Baschar al Assad interessiert. Die politischen Strategien beider Länder für Syrien divergieren aber. Russland strebt neben einem moskaufreundlichen Regime in Damaskus vor allem die Anerkennung als Großmacht an. Iran verfolgt neben der Sicherung der Nachschubroute für die libanesische Hizbullah in Syrien religiös-ideologische Ziele, für die der Erhalt der alawitisch-schiitischen Herrschaft essentiell ist. „In Iran weisen viele Stimmen darauf hin, dass Russlands Einfluss in Syrien den iranischen Einfluss in dem für Teheran so wichtigen Land schmälert“, sagt Adnan Tabatabai.

          Es waren wohl solche Widerstände innerhalb der iranischen Eliten, die in dieser Woche zunächst zu einem Abzug der russischen Bomber vom Militärflughafen Hamadani führten. Besonders irritiert zeigte man sich in Teheran über das mangelnde russische Verständnis für die iranischen Befindlichkeiten. Verteidigungsminister Hossein Dehghan sprach mit Blick auf die Verlautbarungen aus Moskau über die russischen Flüge aus Iran von „Prahlerei“ und einem „wenig weltmännischen“ Verhalten. Seine Worte und der am selben Tag bekanntgegebene Abzug der Bomber zeigten, dass das Vertrauen zwischen Moskau und Teheran trotz ihres Zweckbündnisses gering ist. Das heißt nicht, dass die neue Luftwaffenkooperation bereits beendet wäre. Die Flugzeuge hätten „bis auf weiteres“ Iran verlassen, so das Außenministerium. Irans Parlamentssprecher Ali Laridschani wurde bereits mit den Worten zitiert, Iran habe keineswegs „aufgehört, russischen Flugzeugen Flüge nach Syrien zu erlauben“.

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