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Nach Nowitschok-Vorfall : Ton zwischen Moskau und London verschärft sich

  • Aktualisiert am

Ein Polizist sperrt mit einem Polizeiband einen Bereich in der Muggleton Road in Amesbury ab. Bild: dpa

Die britische Regierung hat Russland nach dem Nowitschok-Vorfall zur Aufklärung aufgefordert. Das russische Außenministerium reagierte umgehend: Die britische Polizei solle die „dreckigen politischen Spiele mancher Kräfte in London“ nicht mitmachen.

          Das mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftete Paar aus Südengland ist vermutlich nicht Opfer eines gezielten Anschlags geworden. Das berichtete der britische Sicherheitsstaatssekretär Ben Wallace am Donnerstag dem Sender BBC. Fachleute halten es für möglich, dass der Mann und die Frau mit einem kontaminierten Gegenstand in Kontakt kamen, der beim Anschlag auf die Skripals genutzt worden war. Großbritanniens Premierministerin Theresa May drückte dem Paar am Donnerstag ihre Anteilnahme aus.

          „Natürlich bin ich in Gedanken bei der Bevölkerung von Wiltshire“, sagte May vor einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Dass zwei weitere Menschen in Großbritannien mit Nowitschok in Berührung gekommen seien, sei „zutiefst verstörend“. „Die Polizei, das weiß ich, wird keinen Stein auf dem anderen lassen bei den Ermittlungen zur Klärung des Geschehens“, sagte May.

          Die britische Regierung hat unterdessen die Regierung in Moskau am Donnerstag aufgefordert, Details über den Einsatz des Nervengiftes im März zu übermitteln. Offenbar will sie dadurch klären, ob das am Samstag entdeckte vergiftete Paar zufällig mit der Substanz in Berührung kam. Russland hat wiederholt erklärt, nichts mit dem Angriff auf Skripal und seine Tochter Julija zu tun zu haben.

          Russland fordert Entschuldigung

          Sicherheitsminister Ben Wallace sagte der BBC, die Russen könnten einige der Wissenslücken schließen, an denen die Behörden arbeiteten: „Die Russen können alle Hinweise ergänzen, um die Sicherheit der Menschen zu bewahren.“ Am Mittag will Innenminister Sajid Javid eine Erklärung im Unterhaus abgeben.

          Die russische Regierung reagierte auf die Äußerungen aus London. Die britische Polizei solle die „dreckigen politischen Spiele mancher Kräfte in London“ nicht mitmachen und „endlich“ mit Russland kooperieren, sagte eine Sprecherin des russischen Außenministeriums am Donnerstag in Moskau. Sie forderte die britische Regierung auch auf, sich bei Russland für den Vorwurf zu entschuldigen, dass Moskau hinter dem Nowitschok-Giftanschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal in England im März stecke.

          Die russische Botschaft in den Niederlanden schrieb auf Twitter, die britische Regierung sei „dumm“, wenn sie glaube, dass Russland während der Fußball-WM einen abermaligen Nervengiftangriff starten würde. Die britische Polizei hat vorsorglich mindestens fünf verschiedene Zonen abgesperrt, darunter einen Park und ein Grundstück in Salisbury, eine Apotheke und ein Gemeindehaus der Baptisten in Amesbury.

          Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal (67) und seine Tochter Julija (33) waren vor vier Monaten bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury entdeckt worden. Nach langem Koma und Therapie leben sie inzwischen an einem geheimen Ort.

          Der Kampfstoff könnte noch viele Jahre wirksam sein

          „Das damals verwendete Nowitschok war sehr rein – und das erhöht die Lagerfähigkeit“, sagte der Chemiewaffenexperte Ralf Trapp der Deutschen Presse-Agentur. Die bei den Skripals verwendete Substanz war Trapp zufolge ein hochgereinigter Kampfstoff aus einem Labor, der noch viele Jahre wirksam sein könnte. Daher sei es durchaus denkbar, dass im neuen Fall das Paar etwa mit Nowitschok-Resten an einem Transportgefäß unabsichtlich in Berührung gekommen sei.

          „Bislang ist das aber nur ein Szenario. Es fehlen noch Fakten“, betonte der Toxikologe und Chemiker, der als unabhängiger Berater unter anderem für die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) und die Vereinten Nationen arbeitete. Für Panik in der südenglischen Region gebe es keinen Grund.

          Der vor dem Anschlag auf die Skripals verwendete Behälter zur Aufbewahrung des Nervengifts sei bis heute nicht gefunden worden, berichtete die Nachrichtenagentur PA unter Verweis auf eine Regierungsquelle.

          Das in Lebensgefahr schwebende Paar liegt in derselben Klinik der Stadt Salisbury, in der die Skripals behandelt wurden. Als Reaktion auf den neuen Fall trat der Sicherheitsrat der Regierung, das Cobra-Komitee, am Donnerstag zu einer Krisensitzung zusammen.

          Der Fall Skripal hatte zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen Großbritannien und Russland geführt, Moskau weist die britischen Vorwürfe entschieden zurück. Die westlichen Verbündeten hatten sich mit der Regierung in London solidarisiert, die eine Reihe russischer Diplomaten ausgewiesen hatte.

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