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Britische Europapolitik : London entdeckt die Liebe zu den Deutschen

Das Deutschland-Bild der Briten hat sich in den vergangenen Jahren bemerkenswert verändert. Frühere Feindseligkeiten, die sich aus den Kriegserinnerungen speisten, sind einem neuen Respekt, zum Teil Bewunderung gewichen. Die deutsche Wirtschaft steht Modell bei den Plänen, die britische Wirtschaft zu „restrukturieren“. Berlin, das vor allem unter jungen Europäern immer höher im Kurs steigt, wird langsam als ernsthafte Konkurrenz für London wahrgenommen. Man interessiert sich wieder für deutsche Kultur – in der Nationalgalerie werden gerade deutsche Renaissance-Maler gezeigt – und für die Geschichte vor den Hitler-Jahren. Seit Wochen debattiert die Öffentlichkeit über die Frage, ob es richtig gewesen ist, im Sommer 1914 gegen die bis dahin meist als Brüder wahrgenommenen Deutschen in den Krieg zu ziehen. „Deutschland ist einfach wichtig geworden“, sagt Hans Kundnani vom „European Council on Foreign Relations“. Als ehemaliger Deutschland-Korrespondent der Zeitung „Observer“ bekam er in den neunziger Jahren kaum eine Geschichte ins Blatt. „Heute erklären sich fast alle zu Deutschland-Experten, weil sie es müssen“, sagt er.

Zeichen eines allgemeinen politischen Gewichtsverlusts

So weit ist es gekommen, dass manche schon wieder vor einer Überschätzung deutscher Macht und Herrlichkeit warnen. Auch Berlin müsse in Europa Kompromisse machen, sagen sie und erinnern daran, dass die Beruhigung der Märkte erst einsetzte, nachdem sich der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, über Merkels Bedenken hinweggesetzt hatte. Hingewiesen wird auch auf die Zwänge der Kanzlerin, die nicht nur auf einen großen Koalitionspartner, sondern auf viele europäische Nachbarn Rücksicht nehmen müsse.

Nüchtern denkende Briten bezweifeln aus all diesen Gründen, dass die Kanzlerin aufmunternde Signale senden wird. Andere sehen Merkels Botschaft vom früheren Vertreter in London, Thomas Matussek, in prägnanten Worten zusammengefasst: „Wir würden gerne helfen, dass die Briten (in der EU) bleiben. Aber wir können nur die Tür aufhalten. Durchgehen müssen die Briten schon selbst.“

Die Obsession mit der EU hat die Londoner Regierung in eine fast demütigende Abhängigkeit von Deutschland gebracht. Die Briten, die Merkel oft als die Eiserne Lady des Kontinents beschreiben, wissen, dass sie schon kleinste Zugeständnisse mit Gegenleistungen verknüpfen wird. In dieser Lage stehen Camerons Chancen schlecht, etwa die beiden verhassten Kandidaten für den Vorsitz der EU-Kommission – den Deutschen Martin Schulz und den Luxemburger Jean-Claude Juncker – zu verhindern.

Cameron-Kritiker sehen in dem eingeengten Spielraum eine Illustration des allgemeinen politischen Gewichtsverlusts. Die Kriegsmüdigkeit der Briten, die im Sommer einen militärischen Einsatz in Syrien scheitern ließ, und das strukturelle Schrumpfen der Armee hat schon eine Debatte über die internationale Sonderrolle des Königreichs in Gang gebracht. Dass Britannien nicht gefragt wurde, als die Außenminister Frankreichs, Polens und Deutschlands jüngst zur Krisenintervention in die Ukraine aufbrachen, passt ebenfalls ins Bild. „Merkel comes to Little England“, spottete die „Financial Times“ am Mittwoch.

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