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Briefe an die Herausgeber : „Suizid ist ein Menschenrecht“

  • Aktualisiert am

Gerd Winner, No, 1983, Mischtechnik auf Leinwand Bild: Gerd Winner

Die Debatte unter evangelischen Theologen über professionell assistierten Suizid in kirchlich-diakonischen Einrichtungen bewegt die Leser der F.A.Z. Hier kommen sie zu Wort.

          5 Min.

          Den Suizid ermöglichen? Zur F.A.Z.-„Die Gegenwart“ vom 11. Januar von Professor Dr. Reiner Anselm, Professorin Dr. Isolde Karle und Pfarrer Ulrich Lilie

          Reaktionen vom 16. Januar in der F.A.Z. auf den Beitrag „Den assistierten professionellen Suizid ermöglichen“

          Selbstbestimmt mit der Gabe des Glaubens umgehen. Zur F.A.Z.-„Die Gegenwart“ vom 25. Januar von Professor Dr. Peter Dabrock und Professor Dr. Wolfgang Huber

          Weder Trost noch Hilfe

          Den evangelischen Theologen Professor Dr. Peter Dabrock und Professor Dr. Wolfgang Huber sei gedankt für ihre grundlegende Stellungnahme „Selbstbestimmt mit der Gabe des Lebens umgehen“ (F.A.Z. vom 25. Januar). Ein wesentlicher Gesichtspunkt sollte ergänzend Beachtung finden: Mit dem Suizid findet das Leben eines Menschen in der Regel ein trauriges Ende. Zugleich löst der Suizid, allein bedingt durch die Umstände dieser Art des Todes, eine menschliche Katastrophe für die Menschen aus, die mit dem Toten eng verbunden waren. „Warum hast Du mich verlassen? Warum habe ich Deine Not nicht erkannt? Warum habe ich Dich alleingelassen und Dich nicht aufhalten können?“ Jeder, der einen Suizid in der eigenen Familie erlebt hat, weiß um die große Not, auf diese bedrängenden Fragen keine Antwort mehr zu bekommen. Selbstvorwürfe verdunkeln das Leben. In vielen Fällen überträgt sich das schreckliche Geschehen auf die nächste Generation. Der Suizid wirft einen Schatten, aus dem die Angehörigen nicht mehr heraustreten können. Den derart Betroffenen wird zumeist weder Trost noch geeignete Hilfe zuteil.
          Alle, die für einen professionell assistierten Suizid werben, sollten bedenken, dass sie eine große Verantwortung tragen. Auch für die Menschen, die zurückgeblieben sind und keine Antworten auf die letzten Fragen mehr finden.
          Dr. Rüdiger von Voss, Berlin

          Auf sicherem Fundament

          Luthers „Priestertum aller Gläubigen“ prägt mein evangelisches Selbstverständnis und kann vielfach befreiend sein, treibt aber manchmal gefährliche Blüten wie im Beitrag der Theologen Anselm, Karle und Lilie vom 11. Januar, in dem sie ein organisiertes Angebot für einen unterstützten Suizid (auch) in diakonischen Einrichtungen fordern.
          Die Replik von Professor Dabrock und dem ehemaligen EKD-Ratspräsidenten Professor Huber (F.A.Z. vom 25. Januar) tat da not. Vielleicht erkennen die drei Autoren, dass sie sich für eine Agenda des Zeitgeistes haben instrumentalisieren lassen. Christliches Streben muss doch gegen die Tendenz stehen, einen unterstützten Suizid zur normalen, allzeit verfügbaren Option mit Rechtsanspruch anstatt zum Ausnahmefall nach gründlicher seelischer Prüfung des Unterstützenden zu machen. Mit Recht weisen Dabrock und Huber darauf hin, dass wir uns dem am Horizont erahnbaren Trend widersetzen müssen, dass sich Menschen fragen lassen müssen, „warum sie noch da seien“. Kirchliche Einrichtungen sollten diese lebensbejahende Diskussion auf sicherem Fundament führen.
          Dr. Martin von Hoyningen-Huene, Neustadt/Weinstrasse

          Suizid ist ein Menschenrecht

          Die große Zahl hoch emotionaler Leserbriefe und der Beitrag der Professoren Huber und Dabrock (F.A.Z. vom 25. Januar) bestätigen die Auffassung der Suizidforschung, dass keine Handlung so sehr von Religion und Sozialstatus des Be-/Verurteilers abhängt wie beim Suizid. Dabei wimmelt es in der Antike von bestaunten Suizidenten wie Sokrates, Seneca, Diogenes, Hannibal oder Kleopatra.
          In der alten Kirche bis Augustinus von Hippo wird kein Suizident verdammt und verurteilt, ja oft bewundert und verehrt. Erst Augustinus erklärt den Suizid zum Verstoß gegen das 5. Gebot und die nachfolgenden Konzile den Suizid zur Sünde mit immer drastischeren Strafen für Klienten und Angehörige.
          Ich habe in einem langen Arztleben zweimal hochbetagten, aussichtslos erkrankten ärztlichen Kollegen „verbotene“ ärztliche Assistenz bei ihrer Selbsttötung geleistet und bin dankbar, dass das Bundesverfassungsgericht dies nun als Menschenrecht legitimiert hat.
          Dr. med. Dipl.Theol. Wilhelm Schwindt, Bielefeld-Bethel


          Palliativmedizin hat Grenzen

          Ich bin sehr froh, dass die Redaktion sich entschlossen hat, am 16. Januar an den Anfang und an den Schluss einer Ansammlung wirklichkeitsfremder und bösartiger Unterstellungen in Leserbriefen im Zusammenhang mit dem Artikel von Anselm et al. zwei Leserbriefe zu stellen, die die Realität des Problems kennen und von daher verstanden haben, dass ein ärztlich assistierter Suizid die Würde schwerstbelasteter Menschen angesichts der „Vermarktlichung der Medizin“ wahren hilft. Ich stimme als gläubige Christin Bischof Meister zu, der gesagt hat, in manchen Fällen könne Beihilfe zum Suizid ein Akt der Nächstenliebe sein. Und ich denke, dass die Tatsache, dass ein versierter und sehr erfolgreicher Palliativmediziner an diesem Papier mitgearbeitet hat, zeigt, dass auch die Palliativmedizin ihre Grenzen hat, Leiden lindern zu können. Dr. Monika Sammeck, klinische Psychologin, Löwenhagen

           

          Hand an sich legen

          Die augenblickliche Debattenlage bezüglich der Suizidhilfe erinnert mich an einen suizidalen Patienten, den ich einmal behandelte. Ich war damals als junger Psychologe an der Universitätsklinik Heidelberg. Damals musste ich meinen Standpunkt zum suizidalen Geschehen finden und las auch viel Philosophisches. Das Buch von Améry „Hand an sich legen“ war damals sehr populär, behauptete es doch, dass man nach einem erfüllten Leben, sozusagen lebenssatt, sich zum Selbsttod entschließen könne. Mir gefiel das aus seiner existenzialistisch-philosophischen Aussage damals sehr, und so machte ich mich unter meinen Patienten auf die Suche nach einem solchen Bilanzselbstmord. Ich fand keinen, nur verzweifelte Menschen, die keinen Ausweg mehr wussten.
          Endlich bekam ich einen Patienten, der 84 Jahre alt war und während dreier Monate nach und nach seine Wohnung geleert hatte. Er hatte Tabletten gesammelt und wurde auch nur gerettet, weil seine Tochter, die ihn manchmal besuchte, so ein „komisches Gefühl“ hatte und ihn dann entdeckte. Das war vielleicht endlich mein Bilanzselbstmord, dachte ich. Nach einigen stockenden Gesprächen fand ich relativ schnell Kontakt zu diesem alten und gebildeten Mann. Er war ein großer Goethe-Kenner und unser Zugang ging über Goethe, dessen Werke mir seit Kindertagen bekannt waren. Es kam heraus, dass der Lebensmut des Alten geschwunden war, weil seine Augen sich krankhaft verändert hatten und er nahezu erblindet war. Er konnte nicht mehr lesen und war schier verzweifelt, und aus dieser Verzweiflung wollte er sich suizidieren. Also wieder kein Bilanzselbstmord, sondern schiere Verzweiflung. Wir organisierten für ihn Hörkassetten aus der Stadtbibliothek und machten einen alten Freund ausfindig, der in einem Altenheim lebte und ihn motivierte, dort mit ihm zusammenzuziehen. Das taten die beiden. Ich besuchte sie noch einmal zwei Jahre später. Beide genossen glücklich ihr Alter.
          Bilanzselbstmord? Was wäre gewesen, wenn sich mein Patient heutzutage an die Suizidbeihilfe gewandt hätte? Er wäre um viele glückliche Jahre betrogen worden. Noch unverständlicher ist, dass sich die evangelische Kirche in der Suizidbeihilfe engagieren will.
          Hans-Ulrich Strutz, Gütersloh


          Die AHA-Regeln der EKD

          Mit Dankbarkeit lese ich den Beitrag „Selbstbestimmt mit der Gabe des Lebens umgehen“ von Professor Dr. Peter Dabrock und Professor Dr. Wolfgang Huber (F.A.Z. vom 25. Januar), aus dem eine klare Position für das Leben hervorgeht. Befremdlich war mir dagegen die Lektüre von „Den assistierten professionellen Suizid ermöglichen“ von Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie (F.A.Z. vom 11. Januar), denen es offensichtlich weniger umständlich (und ökonomischer?) wäre, Suizid in einem „sicheren Ort“ zu assistieren, als sich Menschen in aussichtslosen Umständen mit Fürsorge, Seelsorge und vor allem Liebe zu widmen.
          Erfreulicherweise positioniert sich darüber die EKD-Leitung, die sonst während der schon elf Monate dauernden Pandemie durchs Schweigen glänzt. Sie verpasst es zu zeigen, was die zwei Maximen des Christentums sind: Liebe zu Gott und Nächstenliebe. Selten brauchten die Menschen so viel Hoffnungsworte, Zuwendung, Seelsorge und konkrete Unterstützung wie jetzt.
          Dennoch scheint die Kirche nichts zu sagen zu haben. Nimmt sie die AHA-Regeln in ihrer Art wahr? A=Abstand von der christlichen Botschaft der Liebe, H=Hygiene: bloß nicht kontaminieren mit den Ängsten und Nöten der Menschen, und A=Alltagsmaske: Christentum als Maske, die den hohlen Kern überdeckt. Telma Guise-Püschel, Nuthetal

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