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: Leserbriefe vom 9. Januar 2021

  • Aktualisiert am

In Deutschland soll Geld im Volumen von 100 Milliarden Euro im Jahr gewaschen werden, schätzt die Universität Halle in einer Studie. Bild: Getty

Geldwäsche +++ Privilegien bei Impfung +++ Greta Jünger +++ wirtschaftliche Weltmacht +++ Klicker

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          Kollektivhaftung gesamter Bevölkerung

          Zum Leitartikel „Im Labyrinth der Geldwäsche“ (F.A.Z. vom 7. Januar): Es ist noch viel schlimmer als das, was Markus Frühauf am Änderungsgesetz zur Geldwäsche zu Recht kritisiert. Strafbar ist nämlich nicht allein der erste Waschgang, sondern auch jeder folgende. Was heute noch absurd erscheint, wäre morgen strafbar. Zwei Beispiele: Ein Achtjähriger stiehlt ein Spielzeugauto im Wert von fünf Euro. Er tauscht es gegen Panini-Bilder, die er teils verkauft, teils weitertauscht. Seinen Opa überredet er, ihm für einige Bilder Süßigkeiten zu geben, die er anschließend zusammen mit seiner Mutter vertilgt.
          Nach künftiger Rechtslage wäre jeder Tausch, jeder Kauf, ja sogar der Mitverzehr seitens der Mutter – Geldwäsche! Strafbar machte sich jede(r) über Vierzehnjährige schon bei leichtfertigem Nichtwissen von der kriminellen Herkunft. Wenn nicht mehr feststehen muss, welche Straftat die trübe Geldquelle bildete, dann ist (zumindest in größeren Städten) die Entgegennahme jedes Wechselgeldes im Supermarkt strafbare Geldwäsche. Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung führt die Vermischung von „sauberem“ bereits mit fünf Prozent „schmutzigen“ Geld dazu, dass es zu hundert Prozent „infiziert“ ist. In jeder Kasse befinden sich nun aber bestimmt fünf Prozent Scheine und Münzen, die schon einmal durch die Hände eines Drogendealers gegangen sind. Das kann sich jeder an seinen fünf Fingern abzählen – und macht sich deswegen nach neuem Recht mit der Entgegennahme von Wechselgeld immer wegen zumindest leichtfertiger Geldwäsche strafbar. Kollektivhaftung der gesamten Bevölkerung: Jeder im Übrigen auch noch so rechtstreue Bürger machte sich unvermeidlich strafbar: Masse statt Klasse. Die Neuregelung als gesetzliche Tarnkappe, zur Freude der Geldwäscheprofis: Sie schwömmen bald wie Fische im Wasser und würden umso seltener geangelt werden, wenn dem der Bundestag nicht doch noch vernünftigerweise Einhalt gebietet. Folker Bittmann, Köln

           

          Geimpfte und Nichtgeimpfte

          Zu „Union und SPD prüfen Verbot von Privilegien für Geimpfte“ (F.A.Z. vom 29. Dezember): Irgendetwas muss ich hier falsch verstanden haben, oder? So wie ich den Artikel verstehe: Werden hier nicht zwei sehr unterschiedliche Sachverhalte in einen Topf geworfen – nicht vom Verfasser des Berichts, sondern von unseren Politikern?
          Zum einen geht es um Gleichbehandlung für Geimpfte und Nichtgeimpfte während der Impfphase. Hier ist die Sachlage ziemlich eindeutig, und ich kann die öffentliche Argumentation bestens nachvollziehen. Im anderen Fall geht es aber um Gleichbehandlung für Geimpfte und Nichtgeimpfte nach der Impfphase, also in einer Zeit, in der jeder die Möglichkeit hatte, sich impfen zu lassen.
          Das ist eine völlig andere Sachlage. Zuallererst bedarf es von Seiten der Wissenschaft einer Klarstellung, ob denn der Geimpfte das Virus übertragen kann oder nicht. Überträgt er es nicht, dann übertragen es nur die Nichtgeimpften. Für die Geimpften ist das auch kein Problem, aber für die, die sich aus gesundheitlichen Gründen oder Altersgründen nicht impfen lassen können, ist es eins. Diese Gruppe ist gefährdet, aber deutlich weniger gefährdet, indem Fluglinien oder Restaurants oder sonstige Einrichtungen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen können, um diese Gruppen zu schützen (und zwar vor denen, die das Virus verbreiten können). Wie also sollten wir verfahren? Diese Diskussion ist noch nicht beendet, und sie wird noch einmal ganz anders zu führen sein, wenn Geimpfte das Virus weiterhin übertragen können. Professor Dr. Dominik Faust, Eichstätt

          Ernst Jüngers Briefe

          Zur Besprechung der Gretha Jünger-Biographie Ingeborg Villingers in der F.A.Z. vom 30. Dezember von Michael Martens: In seiner Besprechung schreibt Michael Martens, dass die „Quellenauswahl“ der Verfasserin mitunter „Rätsel“ aufwerfe, da sie einen „grundlegenden Brief“ weder „zitiert“ noch „erwähnt“ habe: „Wo ist etwa der fulminante zweiseitige Brief Gretha Jüngers an Sophie Ravoux von 1948? Stolz, kühl, souverän und verletzt zugleich fordert sie darin die Pariser Hauptgeliebte ihres Mannes auf, doch nach Deutschland zu kommen, um ihn sich zu holen. Sie werde nicht im Wege stehen.“ Dieser Brief ist meines Wissens bisher nicht vollständig veröffentlicht worden; er liegt in einer Durchschrift im Nachlass von Ernst Jünger im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Ein längerer Auszug findet sich mit Genehmigung der Rechteinhaber in meinem Aufsatz „Ernst Jünger, Sophie Ravoux und Joseph Breitbach“, erschienen in „Jünger-Debatte 1/2017“ (Frankfurt/Main, Klostermann-Verlag), den Villinger im Literaturverzeichnis ihrer Biographie nennt.
          In diesem Brief heißt es mit Bezug auf den damaligen Wohnort des Ehepaars Jünger: „Es steht ihnen frei, nach Kirchhorst zu kommen, oder sich an einem beliebigen Orte mit ihm zu treffen. Sie werden nicht das geringste Hindernis von meiner Seite erfahren“. Ebenso wichtig scheint mir Ernst Jüngers vorausgehender Brief an Sophie Ravoux vom 10. Januar 1946, der dort ebenfalls in längeren Auszügen zitiert ist. Der Brief belegt, dass sie mehr war, als eine „Hauptgeliebte“, nämlich Jüngers Verbindungsfrau zum französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht. Professor Dr. Detlev Schöttker, Berlin

           

          Warum Amerika nicht „great“ ist

          Zu den Berichten über Amerika: Nach dem Scheitern Donald Trumps fragt man sich, was die künftige Regierung Biden wohl zu tun beabsichtigt, um Amerika wieder groß zu machen. An zwei Beispielen möchte ich die Schwierigkeit der Aufgabe darstellen: Als die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg noch wirklich „great“ waren, erzielten sie als einzige wirtschaftliche Weltmacht, ausgestattet mit einer technisch und wirtschaftlich überlegenen Industrie und Landwirtschaft, bis 1981 beachtliche Leistungsbilanzüberschüsse.
          Von 1982 an war die amerikanische Leistungsbilanz jedoch (mit einer Ausnahme) bis heute fast vierzig Jahre lang nur defizitär – mit einem Höchstwert von 817 Milliarden Dollar in 2006, inzwischen sank das Defizit wieder auf (2019) 480 Milliarden Dollar. Am wichtigsten dabei (Trumps Thema „Industriearbeitsplätze“!) das darin enthaltene, noch höhere Defizit im Warenhandel in Höhe von 864 Milliarden Dollar: Das entspricht einem verlorengegangenen Umsatz von Industrieunternehmen mit (einschließlich ihrer Zulieferer) zusammen etwa fünf Millionen Mitarbeitern.
          Mit Strafzöllen auf Importe alleine hilft man dem nicht ab – man muss die Qualität des eigenen Angebots verbessern, um den Import zu bremsen und den Export zu steigern. Als Folge der chronischen Defizite wurde aus dem Aktivsaldo der amerikanischen Auslandsvermögensposition ein wachsender Passivsaldo: Bis Ende 2019 stieg er auf fast 11 Billionen Dollar, das entspricht etwa der Hälfte der Jahreswirtschaftsleistung. Inzwischen ist der Passivsaldo weiter auf mehr als 13 Billionen Dollar gestiegen. Damit ist Amerika heute der mit Abstand größte Schuldner der Welt.
          Von den Passiva von Ende 2019, insgesamt 40,3 Billionen Dollar des US-Auslandsvermögensstatus, entfällt zwar ein Viertel auf Direktinvestitionen ausländischer Investoren, hat nicht den Charakter einer zins- und tilgungspflichtigen Auslandsverschuldung. Jedoch bedeutet das eine Art Ausverkauf der Produktionsmittel des Landes an ausländisches Kapital, eine Entwicklung, in der sich durchaus Schwäche offenbart: Wären etwa die amerikanischen Autobauer konkurrenzfähig geblieben, hätten Japaner und Deutsche in Amerika keine riesigen Autofabriken errichtet. Eigentlich sollte ein großes, wirtschaftsstarkes Land, wenn es „great“ sein will, einen ständigen Leistungsbilanzüberschuss haben, sollte also Netto-Kapitalexporteur sein. Amerika ist ein Land, das über seine Verhältnisse lebt. Dass Amerika alles andere als „great“ ist, fällt auch bei dieser Kennzahl auf: Das Ausmaß an Kriminalität eines Landes spiegelt sich in der Zahl der in Haft befindlichen Bürger.
          In einem zivilisierten Land wie der Bundesrepublik sind das bei gut 82 Millionen Einwohnern rund 75 000 Menschen. Im nach Einwohnern viermal so großen Amerika entspräche dem eine Zahl von rund 300 000 Häftlingen, tatsächlich sind es jedoch 2,3 Millionen, bezogen auf die Bevölkerungszahl also das etwa 7,5-Fache. Dies ist auch ein ökonomisches Problem: zwei Millionen Menschen im Erwerbsalter, die keinen Beitrag zur Wirtschaftsleistung des Landes erbringen, die vom Steuerzahler ernährt, medizinisch versorgt und rund um die Uhr bewacht werden müssen.
          Viele Missstände haben mit beiden Fehlentwicklungen gleichzeitig zu tun. Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zu verbessern, wäre es nötig, das öffentliche Bildungswesen auf ein höheres Niveau zu bringen und allen kostenlos zugänglich zu machen. Eine breit- und tiefangelegte Verbesserung des Bildungswesens würde mit der Verbesserung der beruflich-wirtschaftlichen Chancen und des Wohlstands bisher Benachteiligter auch der Kriminalität, an der die Minderheiten überproportional beteiligt sind, effektiv entgegenwirken. Das ist nur ein Teilaspekt der Aufgabe, Amerika wieder „great“ zu machen. Peter Schweizer, Berlin




          Frankfurter Klicker

          Der existenzialistisch (leicht) überhöhte Beitrag „Alles geht noch“ (F.A.Z.-Geisteswissenschaften vom 30. Dezember) von Tilman Allert, der Schillers bekanntes Diktum vom homo ludens umspielt, erinnert mich als Frankfurter Bub an meine „Murmel“-Spielzeit in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts. Doch mit „Murmeln“ haben wir nie gespielt; bei uns kamen Klicker oder Kugeln zum Einsatz. Es wurde nur mit Tonklickern gespielt, die Glaskugeln hortete man daheim, weil sie zu wertvoll waren, um sie beim Spiel zu verlieren. Ja, die (Ziel-)Mulde oder Kuhle wurde zwar nicht mit der Ferse, aber mit dem Absatz des Schuhs in den Boden gedreht. Einer Spielregel kam besondere Bedeutung zu: nämlich dem „Osterputz“. Davon hing es ab, ob man die Strecke zwischen dem Ort des Abstoßes der Kugel(n) und der Zielmulde reinigen durfte oder nicht. Einen „Dorfältesten“ als Schiedsrichter hatten wir nicht. Der Lauf der Klicker entschied über Sieg oder Verlust. Mit welchen (Größe, Farbe) und wie vielen Kugeln gespielt wurde und ob die Osterputzregel gelten sollte oder nicht, war Verhandlungssache. Dr. Bernhard Hahn, Dieburg

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