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: Leserbriefe vom 8. Juli 2021

  • Aktualisiert am

Protest gegen die Befristungspolitik an der Humboldt Universität zu Berlin Bild: Kay Herschelmann

Leistungsprinzip +++ WDR-Rundfunkrat +++ Promotionsverfahren +++ Mindestbesteuerung +++ Gesandte des Papstes

          5 Min.

          Kein Anreiz für Reformen

          Zum Beitrag „Die Mär vom Leistungsprinzip“ (F.A.Z. vom 25. Juni) über die Lage des akademischen Mittelbaus: In Deutschland ist die Universität die gesellschaftliche Institution mit der höchsten Dichte an Intelligenz und der dümmsten Organisationsform. Nirgendwo sind so viele Menschen mit Abitur, Diplom, Doktorgrad und Habilitation auf engem Raum versammelt; und nirgendwo wird eine so große Institution so dilettantisch verwaltet. Selbstverwaltung durch Menschen, die das Verwalten nicht gelernt haben, mag für die demokratischen Gefühle gut sein, aber wer kann von einem auf zwei Jahre gewählten Dekan oder einer Dekanin erwarten, dass er oder sie etwas gegen eine Minderheit durchsetzt, wenn sie danach mit diesen Kollegen weiter auskommen müssen?
          Für gewählte Institutsdirektoren und Dekane gibt es nicht den geringsten Anreiz, etwas zu reformieren. Zudem sind sie von staatlicher Seite in ein so starres Regelkorsett eingeschnürt, dass angeleierte Reformen erst nach Jahren in verwässerter Form durchgesetzt werden, wenn längst eine neue Reform nötig wäre. Wenn staatlicher Instanzenweg und Mangel an Verwaltungserfahrung zusammenkommen, kommt das heraus, was den Alltag einer deutschen Universität bestimmt.
          Warum sieht niemand ein, dass die Lehrenden und Forschenden in erster Linie das tun sollen, was sie können, nämlich lehren und forschen. Sie sind die Spieler auf dem Feld. Dort sollen sie Tore schießen, statt sich dilettantisch selbst zu verwalten. Welch ein Wahnsinn liegt darin von jedem Professor zu erwarten, dass er mit aufwändigen Anträgen Drittmittel einwirbt. Das sollte die Aufgabe einer fachlich kompetenten Verwaltung sein, die ihre Pferde entsprechend ins Rennen schickt. Der Vergleich von Forschern mit Fußballspielern oder Rennpferden mag trivial sein, aber er zeigt zumindest, worauf es ankommt.
          Die Universität sollte wie jeder Fußballverein ein Interesse daran haben, dass Talente früh erkannt, angelockt, gefördert und im Falle des Erfolgs im Verein gehalten werden. Dafür muss man sie gut behandeln, gut bezahlen und ihnen alles abnehmen, was gelernte Verwalter besser können. Nicht die Forscher sollten um die Finanzierung von Forschungsvorhaben betteln müssen, sondern die Institute, Fachbereiche und Universitäten im Ganzen sollten bestrebt und in der Lage sein, ihrem Rennstall optimale Einsatzmöglichkeiten zu verschaffen.
          Professor Dr. Hans Dieter Gelfert, Berlin



          Kontrolle ist Aufgabe des Rundfunkrats

          Zum Beitrag „Wen interessiert der Auftrag?“ (F.A.Z. vom 30. Juni): Als jahrzehntelanges Mitglied im Rundfunkrat fühle ich mich zu einer Stellungnahme zu Ihrem Bericht veranlasst: Anders als im Untertitel („Der WDR-Rundfunkrat schien den Kultur-Aufstand zu proben, aber der Vorstoß scheiterte“): ein Lehrstück“ zu lesen, hat weder der WDR-Rundfunkrat einen Kulturaufstand geprobt, noch ist dieser gescheitert. Nicht nur der WDR, sondern die ARD insgesamt befindet sich in einem Prozess der Neuorientierung. Wegmarken dabei sind das veränderte Nutzerverhalten, die Konkurrenz durch digitale Plattformen und die begrenzten finanziellen Ressourcen.
          Die Sorge, dass bei einer Veränderung einzelne Bereiche unter die Räder kommen, ist nicht unberechtigt und von Seiten der Kultur insofern zu verstehen, als diese „nur“ ideelle Werte schafft, die möglicherweise nicht die angemessene Beachtung finden. Verständlich ist auch dass die Kulturschaffenden innerhalb und außerhalb des Senders ein Eigeninteresse haben, ihre Profession hochzuhalten und - das muss auch gesagt werden - ihr Einkommen zu sichern.
          Der Auftrag des Rundfunkrates laut WDR-Gesetz ist aber, die Allgemeinheit zu vertreten. Die Allgemeinheit interessiert sich nicht nur für Kultur im Sinne der Kulturschaffenden, sondern ebenso für Politik, Wirtschaft, Sport und Soziales, um nur einige Bereiche zu nennen. Wenn alles einem Wandel unterworfen ist, kann man nicht einen Bereich herausnehmen und für sakrosankt erklären.
          Die Forderung nach Transparenz erweckt den Eindruck, als würde der Sender den Prozess der Transformation am Rundfunkrat vorbei betreiben. Bisher wurden alle wichtigen Schritte nicht nur in den Ausschüssen, sondern in den öffentlichen Sitzungen des Rundfunkrates beraten und beschlossen, und zwar seit vielen Jahren! Dabei ist zu bedenken, dass die Aufgabe des Rundfunkrates die Kontrolle, nicht das operative Geschäft ist. Vielleicht war auch gar nicht Transparenz gemeint, sondern Kommunikation. Dann wäre die Forderung zu unterstützen. Denn sowohl das Konstrukt der ARD als auch der Veränderungsprozess sind äußerst komplex. Dieses der Allgemeinheit zu erläutern und verständlich zu machen ist sowohl eine Aufgabe des Senders als auch des Rundfunkrates. Auch die F.A.Z. hätte in dem Beitrag hierzu mithelfen können. Dr. Patricia Aden, Mitglied des WDR-Rundfunkrates, Essen


          Promotionsrecht in Hochschulgesetzen

          Zum Beitrag „Gipfelsturm ohne Sicherheitsnetz“ von Jochen Zenthöfer (F.A.Z. vom 16. Juni): Ja richtig, der Plagiatsfall Giffey hätte vermieden werden können. Und zwar durch eine umfassende Qualitätssicherung von Promotionsverfahren an Universitäten. Vielleicht können hier die strengen Qualitätsmaßstäbe ein Vorbild sein, die für Promotionsverfahren im Zusammenhang mit Fachhochschulen gelten. Hier wird nicht nur ganz genau hingeschaut, auch die formalen Hürden sind deutlich höher.
          Zenthöfers Behauptung aber, Giffey habe als Absolventin einer Fachhochschule das wissenschaftliche Arbeiten nicht erlernt, ist ein Missgriff. Die anwendungsbezogene Forschung steht der Grundlagenforschung methodisch in nichts nach. Sie ist nicht weniger wissenschaftlich und auch nicht weniger innovativ. Gerade wenn eine wissenschaftliche Arbeit nicht nur selbstreferenziell sein soll - einer der berechtigten Vorwürfe von Zenthöfer gegen das Promotionsprojekt von Frau Giffey -­­­, muss den Fachhochschulen als den zentralen Orten der angewandten Wissenschaft auch die Möglichkeit eingeräumt werden, eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs zu bilden.
          Das weite und überaus vielfältige Feld der anwendungsbezogenen Forschung bietet zahlreiche Gelegenheiten, selbstständige und eigene Wege in der Forschung zu gehen - lösungsorientiert, praxisnah und zukunftsgerichtet. Gerade jetzt ist es an der Zeit, das Promotionsrecht für Fachhochschulen - Vorbildern in Hessen, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen-Anhalt folgend - endlich in den Hochschulgesetzen aller Bundesländer zu verankern.
          Professor Dr. Jochen Struwe, Professor für Unternehmensführung, Rechnungswesen und Controlling am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier und Vizepräsident des Hochschullehrerbunds - Bundesvereinigung e. V., Bonn


          Umsatzsteuer

          Zum Bericht „Der Weg zur Mindeststeuer ist weit“ und der Glosse „Steuermühsal“ von Manfred Schäfers (F.A.Z. vom 3. Juli): Die bisherigen Vorstellungen zur Mindestbesteuerung erscheinen ziemlich undeutlich, vage, gar amateurhaft. Wie kann ein halbwegs zweckentsprechender, dem Sinn dieser Besteuerung entsprechender Gewinn in einem bestimmten Land ermittelt werden? Worauf sollen sich die angedachten 15 Prozent beziehen? Das erscheint fast unmöglich und würde ewig strittig bleiben. Warum bezieht man nicht die Umsatzsteuer in die Überlegungen ein? Umsätze in den jeweiligen Ländern dürften noch relativ einfach zu ermitteln sein. Das könnte eine praktikable Methode sein, die in Frage stehenden Unternehmen zu besteuern. Und die Staaten, in denen Gewinne gemacht werden, zu beteiligen. Dieter Brandes, Hamburg

           

          Ad absurdum

          Zu „Rom fordert Gehorsam“ (F.A.Z. vom 1. Juli): Mehr noch als die Lektüre des Artikels von Daniel Deckers hat das dem Artikel zugeordnete Bild zu mir gesprochen, das meiner Meinung nach den real existierenden Zustand einer Männer-Kirche abbildet, die sich im Moment bis zur Karikatur ihrer selbst ad absurdum führt. Passende Überschrift für dieses Foto (wie auch für den Artikel) könnte mit einem leicht variierten Wort von Erich Fried lauten: „Liebe herrscht nicht.“ Monika Kalus, Hagen

          Topmeldungen

          Traute Runde (von links): Heinz Göldner, Helmut Thümmel, Elisabet Thümmel, Dieter (Dietrich) Klos, Ursula Pischmann und Brigitta Lehmann-John.

          Serie „Besuch beim Wähler“ (5) : Hart am Wasser

          Die Senioren des Dresdner Kanusportvereins haben ihre Leidenschaft über die Zeitenwende gerettet – über Politik reden sie lieber nicht, denn da fliegen schnell die Fetzen.
          Rain Man: Robert Habeck gibt im Wahlkampf alles

          Fraktur : Und ewig währt das Kämpfen

          Das Leben ist ein ewiger Kampf, ob um Olympiagold gekämpft wird oder gegen den inneren Schweinehund. Robert Habeck kämpft sogar im durchnässten Outfit.

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