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: Leserbriefe vom 7. Januar 2021

Nur allmählich wurde die Maskenpflicht konsequent durchgesetzt. Bild: dpa

Corona-Impfstoff +++ Herausforderung: Bleiben Sie zu Hause +++ Umgang mit Extremisten +++ Israels Politik +++ Goethes Text und Melodie-Verständnis +++

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          Staatlichem Dirigismus überlegen

          „Europas Gesellschaften sind dem Virus nicht gewachsen, solange es keinen Impfstoff gibt“ (F.A.Z. vom 31. Dezember): Mit diesem Resümee in seinem Leitartikel steht Jasper von Altenbockum unfreiwillig nicht weit entfernt von jenen, die den westlichen Demokratien pauschal Unfähigkeit im Umgang mit den Herausforderungen der globalisierten Moderne attestieren. Im Fall Covid-19 hat er insoweit recht: Es ist nicht gelungen, die Corona-Politik ostasiatischer Staaten ins freiheitlich-demokratische System zu übersetzen. Die Frage, ob es in unserer Gesellschaft Alternativen zum andernorts radikal praktizierten „hit hard and early“ gibt, stellt sich offenbar nicht. Diese Frage wurde im Frühjahr 2020 nach anfänglicher Unsicherheit alternativlos entschieden. Angesichts der Bilder aus Bergamo verbat sich jede Diskussion anderer antiepidemischer Strategien („smart“ statt „hard“). Den Defiziten im Umgang mit Corona stehen allerdings Erfolge gegenüber, die so nur in einer freiheitlichen Gesellschaft möglich sind. Die privaten Labors in Deutschland haben innerhalb weniger Wochen ihre Test-Kapazitäten vervielfacht. Krankschreibung per Telefon wurde von den niedergelassenen Kassenärzten gegen staatliche Empfehlung fortgesetzt, so konnten ungezählte Infektketten nicht entstehen. Private Investoren haben Biontech in die Lage versetzt, nach Jahren der Krebsforschung innerhalb weniger Monate einen Corona-Impfstoff zu entwickeln. Freie Marktwirtschaft und demokratische Willensbildung, freie Forschung und freie Ärzteschaft sind auch in Epidemiezeiten staatlichem Dirigismus überlegen. Fehlt der Mut und gerät dies im politischen Wettkampf unter die Räder, werden uns Lockdowns weiter begleiten, Hoffnung aus der Impfung und Trost aus dem Nahen der wärmeren Jahreszeit erwachsen müssen. Friedrich-Wilhelm Tiller, München

           

          Ganz einfach: Bleiben Sie zu Hause

          Zum Leitartikel „Bitte um Verzeihung“ von Jasper von Altenbockum (F.A.Z. vom 31. Dezember): Täglich lesen wir die Schlagzeilen von der großen Verunsicherung und dem Chaos, das Corona mit uns und unserer Gesellschaft anrichtet. Es ist erstaunlich, dass ein unsichtbares Virus unsere Gesellschaft an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt, und man kann nicht erahnen, was passiert, wenn etwas noch Schlimmeres kommen würde oder uns ein noch brisanteres Virus attackiert. Wie der Autor sagt: „Europas Gesellschaften sind dem Virus, solange es keinen Impfstoff gibt, nicht gewachsen.“ Das Problem mit Corona und den Kollateralschäden, die es anrichtet, ist, dass wir verzweifelt nach möglichst einfachen und nachvollziehbaren Antworten suchen für ein extrem komplexes System und schwierige Fragestellungen. Es handelt sich hier nicht um Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß oder, wie bei einer Münze, Kopf oder Zahl. Wir versuchen mit unserem zwar immer besseren, aber dennoch begrenzten Verständnis ein Quanten- oder Chaosproblem zu lösen. Aber hier gibt es keine einfachen Antworten, manchmal sogar gar keine. Jede Aktion führt zu einer Kettenreaktion, deren Folgen, nicht nur medizinisch, sondern vor allem auch gesellschaftlich und wirtschaftlich, kaum fassbar sind. Unsere tapferen Politiker versuchen Antworten auf komplexe Fragen zu finden, mit Informationen von Wissenschaftlern und zahlreichen anderen Informationsquellen. Aber die Fakten sagen uns nicht genau, was die richtige Antwort ist. So ist zum Beispiel unklar, warum irgendwo in Deutschland in kleinen Orten, die man kaum kennt, plötzlich katastrophale Hotspots entstehen, die dann zum Beispiel in Bayern zum erneuten Notstand führen.Herr Berger, der Präsident der Kommission für Impffragen in der Schweiz, warnt vor vorschnellem Handeln bei der Impffrage, während es bereits in großem Maß für die Schweiz gefordert wird und in anderen Ländern mit der Impfung begonnen wurde. Antivirale Mittel wie Remdesivir, die gestern als wirksam galten, werden heute als unwirksam erklärt. Menschen, die im gleichen Haushalt leben, sind zur Hälfte Corona-positiv, die andere Hälfte nicht. Kinder zeigen meist wenig bis gar keine Symptome, wenn sie Corona-positiv sind. Männer zeigen meist schwerere Krankheitsverläufe als Frauen. Es gibt viele andere Beispiele. Die beste Medizin ist für uns Ärzte manchmal, dem Patienten zu raten, zu Hause zu bleiben, bis er wieder gesund ist. Das ist ein einfacher Ratschlag auf ein komplexes Geschehen. Vielleicht ist das ja auch immer noch die beste Antwort auf die Corona-Herausforderung. Bleiben Sie zu Hause.
          Professor Dr. Christian Breymann, Zürich

           

          Wer ist „gut“ für uns und wer nicht?

          Zum Artikel „Eine Antwort auf den politischen Islam ist nötig“ von Lucia Puttrich und Susanne Schröter (F.A.Z. vom 4. Januar): Als Werteinitiative – jüdisch-deutsche Positionen e.V. ist der „richtige“ Umgang mit Extremisten eines unserer Kernanliegen. Ich bitte darum, um ungekürzten Abdruck bzw. falls Kürzungen erforderlich um vorherige Rücksprache. Danke. Ein wichtiger Artikel!
          Die Ablehnung des islamistischen Terrorismus ist weitgehend Konsens. Weitaus schwerer als die Österreicher und Franzosen tun wir Deutschen uns mit der Frage, wie wir mit deren Geschwistern im Geiste, die mit Anzug und Krawatte daherkommen, umgehen. Solche „Legalisten“ agieren zwar vordergründig gesetzeskonform, wollen aber in Wahrheit das politische und gesellschaftliche System gemäß ihrer Agenda „umkrempeln“. Die Diskussion darum nimmt in Deutschland nur zögerlich an Fahrt auf. Zögerlich, weil sie ans „Eingemachte“ geht, bei dem wir unterscheiden müssen: Wer ist „gut“ für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft und wer nicht. Wer macht die Gesellschaft gemeinsam mit uns facettenreicher und wer missbraucht sie? Wie unterstützen wir die vielen Muslime, deren aufgeklärtes Religionsverständnis in die Mitte der Gesellschaft passt, und welche Schranken gibt es für diejenigen, die es nicht tun? Macron nennt sie passend „Separatisten“. Die großen Parteien wären gut beraten, schon im Vorfeld der Bundestags- und der Landtagswahlen klare Antworten zu bieten, denn am rechten und teils auch am linken politischen Rand stehen populistische Antworten hierfür bereit. Elio Adler, Vorstandsvorsitzender, WerteInitiative – jüdisch-deutsche Positionen e.V., Berlin

           

          Israels Gründe

          Das Motiv von Gert Krells Leserbrief „Gegen die Politik des Staates Israel“ (F.A.Z. vom 31. Dezember), einer mangelnden Klarheit über grundlegende Sachverhalte bezüglich des Staates Israel entgegenzuwirken, ist dem Grunde nach ehrenwert. Leider lässt er wesentliche Fakten außer Acht: Warum erwähnt er nicht die guten Gründe dafür, dass sich Israel nicht mehr auf die Grenzen von 1949 begrenzen lassen wird? Israel war damals an der engsten Stelle lediglich siebzehn Kilometer breit und geostrategisch nicht zu verteidigen gegen die Allianz arabischer Staaten, die es unmittelbar nach der Staatsgründung angriffen. Wieso redet Krell von „Kolonisationsprojekt“, wenn ein Staat seine Existenz in einem ihm feindlich gesinnten Umfeld schützt? Wieso redet er vom „hochbewaffneten“ Staat Israel, ohne die atomare Bedrohung durch Iran zu erwähnen? Und wieso redet er davon, dass historisch die Mehrheit der Juden keineswegs Zionisten waren, ohne die Gründe dafür zu erwähnen? Juden waren teilweise gut integriert, und es gab für viele keinen Grund, einen eigenen Staat anzustreben. Überdies gab es eine UN-Resolution, die eine Zwei-Staaten-Lösung vorsah. Israel hat die Option gezogen, die Palästinenser nicht. Reinhard Kanitz, Berlin

           

          Text und Melodie bei Goethe

          Zur „Fehde“ meines Kommilitonen Cord Garben mit Alfred Brendel (Leserbriefe in der F.A.Z. vom 12. und 17. Dezember): Natürlich bestand Goethe bei der Vertonung seiner Gedichte auf dem Vorrang des Textes vor der Melodie. Er lehnte die kongeniale Schubert-Vertonung seines „Erlkönigs“ ab und bevorzugte die „fade“ von Reichardt.
          Wie wichtig ihm aber die Musik war, zeigt doch deutlich seine „Trilogie der Leidenschaft“. Die „Aussöhnung“, ursprünglich der Pianistin Maria Szymanowska gewidmet, geschieht durch Musik: „Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen, Verflicht zu Millionen Tön um Töne, Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen, Zu überfüllen ihn mit ewger Schöne: Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen.“ In diesem versöhnlichen Sinne. Angelika Wittig, Wuppertal

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