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: Leserbriefe vom 4. März 2021

  • Aktualisiert am

Als die Welt noch voll Zukunft war: Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie in den Räumen des Ensembles an der Schwedlerstraße in Frankfurt am Main im Januar 2020. Bild: Achim Reissner

Cellisten und Corona +++ Monopoletatismus ++ + Groundhog Day +++ Edgar Broughton und Popmusik-Frisuren +++ Digitalpakt +++ Horaz und Gendern

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          Innig und stark

          Zum Artikel „Abschied ohne Applaus“ (F.A.Z. vom 18. Februar), der zu Unrecht sehr pessimistisch war, möchte ich einiges zur Ermutigung und Relativierung in schlechten Zeiten beitragen. 1939 flohen drei junge jüdische Musiker mit einem sogenannten Kindertransport aus Wien nach London, erst in ein Internierungslager auf der Isle of Man. Sie hatten nichts mehr, kein Dach über dem Kopf, keine Familie, nur ihre Instrumente und ihre Jugend. In diesem Camp trafen sie sich erstmals. Es wurde unter anderem das Mendelssohn-Violinkonzert für zwei Geigen arrangiert, ein Pianist war auch da. Nach der Entlassung aus dem Lager ging es bis Kriegsende in Fabriken zum „War Work“. Man traf einen Cellisten, bekam endlich den besten Unterricht, gratis von einem berühmten und großzügigen Lehrer, bildete ein Streichquartett, welches als Amadeus-Quartett zu Weltruhm gelangte. Diese Informationen stammen aus direkter Quelle. Der Cellist starb, als Letzter, erst 2019. Die Beziehung zur Musik und zu den Instrumenten war so innig und so stark, dass sie weit schlimmere Zeiten als wie wir sie heute erleben, überbrücken konnte. Nur wenn diese Beziehung echt und tief ist, kann man ein wirklich guter professioneller Musiker werden, der auch Rückschläge, Misserfolge durchsteht, die in diesem Beruf auch unter normalen Umständen vorkommen können. Auch in Corona-Zeiten braucht man nicht allein Musik machen, zu zweit oder zu dritt mit Maske und Abstand geht es besser. Und wie viele Musiker lassen sich zurzeit ungewöhnliche Dinge einfallen, um diese Zeit ohne Konzerte zu überstehen! Es sollte nur allen finanziell geholfen werden. Barbara Ströbel-Brack, Stuttgart

           

          Groundhog Day

          Zu „Ziele für Afgha­ni­stan“ von Chris­ti­an Meier und „Afgha­ni­stan-Einsatz bis 2022“ (F.A.Z. vom 25. Febru­ar): Das ist das nicht enden­de Dilem­ma des Afgha­ni­stan-Einsat­zes: Ein Abrü­cken der Truppe ist ebenso wenig mit Ziel, Sinn und Werten zu füllen wie das weite­re Aushar­ren. Schon im März 2012 hatte der frühe­re Gene­ral­in­spek­teur Harald Kujat die Stabi­li­sie­rungs­zie­le der Verbün­de­ten offen als geschei­tert erklärt. Wenn das Auswär­ti­ge Amt nun eine erneu­te Verlän­ge­rung damit begrün­det, aber­mals auf „besse­re Ausstiegs­chan­cen“ zu warten, dann erin­nert mich das an die Zeit­schlei­fe des Ground­hog Day. Dr. Karl Ulrich Voss, Burscheid

           

          Edgar Broughton

          Zu „Die Länge meiner Haare“ von Edo Reents (F.A.Z. vom 2. März): Dass ich das noch erleben darf: Die Edgar Broughton Band findet Erwähnung in der F.A.Z.! Ich dachte, ich sei der Einzige, der die noch kennt. Die ganze Seite A mit dem von Ihnen zitierten Song „Poppy“ ist großartig. Wo wir gerade bei Popmusik sind. Ich verdanke Ihrer Zeitung mein liebstes mediales Missverständnis des vergangenen Jahres. Anfang Dezember poppte in der F.A.Z.-App die Meldung auf: „Haseloff entlässt Stahlknecht“. Ah, denke ich mir, sieh an, der Knight Rider hält sich Pferdchen. Und während ich mir noch überlege, warum so etwas in der F.A.Z. steht, dämmert es mir, um wen es sich handelt. Auch wenn es schon etwas her ist, finde ich, dass der Urheber gewürdigt werden sollte. Vielen Dank – vor allem für Ihre schönen Beiträge. Bei denen weiß ich immer bereits nach der dritten, vierten Zeile, welcher Name am Ende drunter steht. Ingo Bäcker, Neuss

           

          Monopoletatismus

          Zu Lars Feld und Reinhold Hilbers, „Für einen selbstbewussten Finanzföderalismus“ (F.A.Z. vom 27. Februar): Dem Standpunkt von Feld/Hilbers ist voll zuzustimmen, wenn sie eine Entflechtung des Finanzgeflechts von Bund, Ländern und Kommunen fordern, statt den Gebietskörperschaften immer weitere „goldene Zügel“ anzulegen. Früher nannte man ganzheitliches Denken über die engen Fachbereiche der Wirtschafts- und Finanzpolitik hinaus „Ordnungspolitik“. Leider ist sogar das in christlichen Kreisen anerkannte Subsidiaritätsprinzip inzwischen in Vergessenheit geraten, und daher weht durch alle Entscheidungen der Großen Koalition auch in der Pandemie der Wind des „Monopoletatismus“. Da kann man den Akteuren gemäß dem alten Seglerspruch nur „Mast- und Schotbruch“ wünschen und voraussagen.
          Knut Brünjes, Berlin

           

          Amateurhafte Versuche

          Zu „Wenig Geld aus Digitalpakt geflossen“ (F.A.Z. vom 20. Februar): Fünf Milliarden Euro für die IT-Infrastruktur der Schulen wurden vor anderthalb Jahren zur Verfügung gestellt, davon sind erst ganze 112 Millionen abgeflossen. Durch Corona und den damit verbundenen Lockdown ist die Dringlichkeit des Themas erschreckend deutlich geworden. Trotzdem ist auch in den letzten Monaten nichts oder nicht viel passiert.
          Zumeist amateurhafte hilflose Versuche auf kommunaler Ebene haben trotz der lobenswerten Bemühungen einzelner engagierter Lehrer wenig bewegt und führen in Zukunft zu einem technischen Flickenteppich, der mit horrenden Kosten wieder bereinigt werden muss, wenn nicht die Digitalisierung der Schulen sowieso auf unbestimmte Zeit verschoben wird. In Kultusministerien- und Behördenverantwortung wird es jedenfalls in den nächsten Jahren und bis zur nächsten Pandemie nichts werden. Das Thema ist relativ einfach zu lösen. Es wird in Deutschland und weltweit seit Jahrzehnten erfolgreich realisiert in Eigenverantwortung von Unternehmen oder mit Hilfe von Dienstleistern. Davon gibt es in Deutschland mehrere große, die solche Projekte in wenigen Monaten umsetzen können. Aufgrund der großen Anzahl der zu installierenden Systeme könnte man aus Kapazitätsgründen für jedes Bundesland einen anderen Dienstleister beauftragen.
          Es gibt wenige, aber klar voneinander getrennte Ebenen und Verantwortlichkeiten. Ein Dienstleister gibt für ganz Deutschland die relativ einfache Architektur der Infrastruktur vor und wählt die erforderliche Hardware und Infrastruktur-Software aus, was innerhalb von maximal vier Wochen so unter Ausschluss von Vetorechten der Kultusministerien entschieden wird, um Verhältnisse wie beim Bau des Berliner Flughafens zu vermeiden. Die anderen Dienstleister übernehmen die Architektur und bestellen die erforderlichen Server, Netzkomponenten, Laptops und so weiter und lassen sie aufgrund des Massenproblems bei ihren Partnerunternehmen in Indien, Rumänien et cetera konfigurieren, das heißt, nach dem definierten Standard tausendfach klonen. Aus der Architektur und der Hardwareauswahl ergeben sich die Erfordernisse des Raumbedarfs für die Server und der lokalen Standardverkabelung in den Schulen. Dafür werden lokal in den Kommunen die darauf spezialisierten Elektroinstallateure beauftragt, ebenso mit der physischen Installation der dann konfigurierten zugelieferten Server und dem Anschluss des Netzes an die Server. Die Systeme werden zentral zumindest pro Bundesland administriert. Auch das kann der Dienstleister anfangs oder auf Dauer übernehmen. Die Verteilung der ebenfalls vorkonfigurierten Laptops erfolgt lokal durch die Schule. Über das Ganze wird eine Sicherheitsarchitektur gestülpt. Für Weltunternehmen, Militär und so weiter gibt es sehr wirksame Systeme, sie sollten auch für einen Schulbetrieb genügen. Damit dürfte die reine Infrastruktur schon nach fünf bis sechs Monaten deutschlandweit zu mindestens 80 Prozent standardmäßig stehen und verlässlich funktionieren. Was fehlt, sind die Schulungen der Lehrer und Schüler, die Zugangsberechtigungen und gegebenenfalls Schulungsprogramme zum Selbststudium. Über zentrale Videokonferenzen können gleichzeitig Hunderte von Lehrern lokal eine Einführung dazu erhalten und dies in den folgenden Tagen selbst ausprobieren. Basiskenntnisse im Handling von Laptops sollte heutzutage jeder haben.
          Nach zwei Tagen erfolgt nochmals eine Nachschulung per Video. Für die Schüler gibt es danach ebenfalls eine Schulung per Videoschaltung. Fehlende Laptop-Kenntnisse müssen im Vorfeld über Kurse vermittelt werden. Meist sind aber gerade die Schüler im Umgang mit Laptops sehr versiert. Die Zugangsberechtigungen sowie Benutzernamen und Passwörter lassen sich einfach zentral und automatisiert erstellen und in der Schule an die Schüler aushändigen. Wie bei vielen anderen Systemen muss beim erstmaligen Anmelden der Schüler dann sein persönliches Passwort festlegen. Die Weitergabe von Benutzername und Passwort wird in der freien Wirtschaft meist mit Abmahnungen sanktioniert. In der Schule könnte es ein Verweis sein. Damit sind die Schüler weitestgehend für das Homeschooling erreichbar. Sollen Schulungsprogramme für das sinnvolle Selbststudium genutzt werden, können sie nach und nach über die zentrale Serveradministration automatisch verteilt werden.
          Klaus Kettner, Neustadt

           

          Gegen den Absolutismus des Ichs

          Es sind weise Worte, die der Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse in seinem Beitrag „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?“ (F.A.Z. vom 21. Februar) in den öffentlichen Diskurs einbringt. Der Absolutismus des Ichs führt in der Beziehung zu den anderen ins Unglück. Als Christ weiß ich mich, durch Gott, in die Welt gesetzt. Diese Erkenntnis führt zu einer demutsvollen Wahrnehmung des eigenen Ichs und meiner Umwelt. Das heißt, meine Betroffenheit von gesellschaftlichen Umständen führt nicht automatisch dazu, dass meine Sicht der Dinge für die Allgemeinheit der richtige Weg ist. Als Bürger der Republik haben wir alle den Auftrag, die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Als fortschrittsliebender Liberaler stöhnt man deshalb häufig unter dem Joch einer lähmenden Harmoniesucht. Jedoch gerade um die Freiheitsräume des Einzelnen und Freiheitsräume für eine große Vielzahl von Identitäten zu bewahren, ist es entscheidend, einen tragfähigen Grundkonsens in der Gemeinschaft zu bewahren. Die Sprechverbote der Cancel Culture und eine zunehmende Radikalisierung der Sprache wirken hier destruktiv. Wenn ich kategorisch ausschließe, dass die Meinung des anderen konstruktiv sein kann, wenn ich meine Wahrnehmung der Welt zur moralischen Maxime verkläre, gibt es keinen vernunftbasierten, gemeinschaftlichen Fortschritt, sondern eine gesinnungsbasierte Aufspaltung der Gesellschaft. Die amerikanische Gesellschaft macht uns vor, wohin das führen kann. In der gespaltenen Gesellschaft hat jeder seine eigene Sprache, seine eigenen Medien, seine eigenen Denkmäler, seine eigene Öffentlichkeit. Jeder hat für sich sein Recht. Der Preis für das Rechthaben ist jedoch die Aufgabe des Gemeinwohls. Die gespaltene Gesellschaft ist nicht nur dialogunfähig, sondern unfrei und letztlich so schwach, dass sie auf Dauer lebensunfähig ist. Es ist richtig und gut, dass Herr Thierse uns alle zu mehr Demut im Umgang miteinander und einer erhöhten Gemeinwohlorientierung aufruft.
          Sven Porepp, Wetter an der Ruhr

           

          Die Sprache gehört ihren Sprechern

          Auch Olga Martynova („Würde Horaz heute gendern?“, F.A.Z. vom 19. Februar) stellt die Debatte über das Gendern und über korrekte Sprache so dar, als stünden sich zwei gegensätzliche Meinungen gegenüber: Die Befürworter des Genderns zum Beispiel glauben, mehr Gerechtigkeit über die Sprache in die Welt zu bringen, den Gegnern wird dabei unterstellt, ihnen gehe es um den Erhalt patriarchaler Strukturen in Sprache und Gesellschaft. Martynova übersieht, genau wie fast alle Genderaktivisten, dass die Diskussion über das sogenannte Gendern – ebenso wie über „korrekte Sprache“ – nicht über zwei verschiedene Ebenen hinweg geführt werden kann. Zu unterscheiden ist nämlich die politisch-moralische Ebene, auf der sich die Befürworter bewegen, von der Ebene der Sprache selbst. „Vielleicht haben die Spracherneuerer recht. Schwer zu sagen, denn Sprache ist ein komplexes Gebilde.“ Allerdings! Nun gibt es seit Jahrtausenden gründliches Nachdenken und ernsthafte Forschung zu diesem komplexen Gebilde, es gab und gibt Grammatiker, Sprachphilosophen, Sprachwissenschaftler, und wir verfügen über Methoden und Erkenntnisse, die uns erlauben, das Funktionieren und auch die Entwicklung von Sprachen immer genauer zu beschreiben. Zum Beispiel ist es gesicherte Erkenntnis, dass ein Eingriff von außen in ein System, wie die Sprache eines ist, misslingen muss, weil die Folgen für das System nicht abzusehen sind. Politische, moralische, ideologische Absichten und Botschaften können sprachlich ohne jede Einschränkung ausgedrückt werden, die Sprache selbst aber kann und darf nicht Träger dieser Absichten und Botschaften sein, sie wäre sonst anfällig für jedweden Missbrauch. Poetische Sprache ausgenommen, die auf sich selbst verweist, macht Sprache sich unsichtbar im Verstehen des Gesagten – was man von sperrigen Doppelformen („Terroristinnen und Terroristen“) zum Beispiel nicht sagen kann, sie beanspruchen unsere Aufmerksamkeit länger als nötig und lenken von der intendierten Aussage weg, auf vermintes Gelände zudem. Ebenso wissen wir, dass der ständig sich vollziehende Wandel der Sprache ein zutiefst demokratisches Geschehen ist. Die Sprache gehört ihren Sprechern; es sind 130 Millionen, die Deutsch als Mutter- oder Zweitsprache sprechen, Olga Martynova ist eine davon. Autoren, Verwaltungsdirektoren, Universitätspräsidenten, Talkmasterinnen, Duden-Redakteurinnen überschätzen sich in ihrem ahnungslosen Eifer; den Sprechern vorzuschreiben, wie sie ihre Sprache zu gebrauchen haben, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Und ein autoritäres dazu, denn es liefe im Wortsinn auf ihre Entmündigung hinaus. Dr. Irene Monreal-Wickert, Tübingen

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