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: Leserbriefe vom 4. Januar 2021

  • Aktualisiert am

Das geht noch: Sozial distanzierter Weihnachtsspaziergang auf dem illuminierten Luisenplatz in Wiesbaden Bild: Frank Röth

Jungfräuliche Geburt +++ Sprachgendern +++ Enzyklika Humanae vitae

          5 Min.

          Auf göttliche Berufung festgelegt

          Gleich zwei Mal steht in der F.A.Z. vom 24. Dezember, bezogen auf die Geburt des Messias aus der Jungfrau Maria, es handele sich um einen Übersetzungsfehler (Thomas Kaufmann, „Das Singen ist uns allen vergangen“; und Jürgen Kaube, „Die eigentlich Beschenkten“) – so als ob der Evangelist Matthäus oder die Juden, die im 2. Jahrhundert v. Chr. ihre Bibel in die damalige Weltsprache übertragen haben, weder Hebräisch noch Griechisch beherrscht hätten.
          Richtig ist, dass im alttestamentlichen Bezugstext, Jesaja 7,14, von einer jungen Frau (ha alma) die Rede ist, deren Kind der „Immanuel“ sei: Gott mit uns. Doch wer dieses Kind ist und diesen Namen tragen kann, bleibt im Text offen. Deshalb konnte es Karriere machen, schon in der Bibel selbst. Es erscheint in dem „Sohn“, der „uns geschenkt“ ist, um Gottes Friedensherrschaft aufzurichten (Jesaja 9,5); es wird in dem „Reis“ gesehen, der aus der „Wurzel Jesse“ hervorsprießt, nachdem der Stammbaum Davids abgehauen worden war (Jesaja 11,1). Diese Sinngebung ist keine Verfälschung, sondern eine Entdeckung: dass Texte in ihrer Bedeutung mit denen wachsen, die sie lesen, so dass die Hoffnung auf Rettung eine Stimme bekommt.
          Die Übersetzung der Septuaginta zieht die messianische Traditionslinie weiter aus. Im griechischen Text steht „Jungfrau“, parthenos – weder ein Fehler noch eine Täuschung, sondern eine subtile Deutung. Sie macht sich zunutze, dass eine junge Frau (griechisch: neaniske) eine Jungfrau gewesen sein kann (hebräisch: betula). In diesem Fall soll sie es sein, weil die Prophetie auf die Geburt des messianischen Gottessohnes bezogen wird, der sich nicht der männlichen Zeugungskraft verdanke, an der allein in der Antike die Entstehung menschlichen Lebens zu hängen schien, sondern Gott, dem Schöpfer und Erlöser. Matthäus hat mit dieser jüdischen Tradition, die auch im Koran eine Parallele findet (Sure 4,171), die ältere Überlieferung von der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria gedeutet, zu der es eine unabhängige Parallele im Lukas-Evangelium gibt. Dass in dieser Christologie ein ägyptischer Mythos über die Frohe Botschaft gesiegt habe, ist ein Mythos der Moderne. Tatsächlich öffnet sich das Weihnachtsevangelium einer Kultur, die Menschen nicht auf ihre biologische Herkunft festlegt, sondern aus ihrer göttlichen Berufung heraus in Freiheit setzt.
          Die Evolution bringt keinen Messias hervor. Wenn es einen Retter gibt, hat ihn der Himmel gesandt. Das besagt das Bekenntnis der Jungfrauengeburt. Sie ist unglaublich – wie die Auferweckung Jesu von den Toten und seine Botschaft, das Reich Gottes sei nah gekommen. Diese Anstößigkeit lässt sich nicht philologisch entsorgen; sie gehört zum Bekenntnis des Glaubens; sie begründet die Hoffnung, dass Gottes Ehre im Himmel und Gottes Frieden auf Erden zusammengehören wie zwei Seiten einer Medaille. Thomas Söding, Lehrstuhl Neues Testament. Katholisch-Theologische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum

           

          Amsel bleibt Amsel, Specht bleibt Specht

          Der F.A.Z. ist sehr zu danken, dass sie in den vergangenen Wochen eine weitere Fortführung der leidigen Debatte über das Sprachgendern ermöglichte und dass dabei auch beide Seiten zu Wort kommen. Ich möchte daher auf die Stellungnahmen „Alternativlos generisch?“ von Dr. Sibylle Appel (F.A.Z, vom 16. Dezember) und „Eine Entscheidung zur Genauigkeit“ von Birgit Heid, (F.A.Z. vom 21. Dezember) eingehen. Dr. Appel findet es erschreckend, dass die Genderkritik meist nur von männlichen Lesern kommt. Es gibt aber auch Frauen, die das Gendern wörtlich als „Blödsinn“ bezeichnen. Birgit Held betont, dass sich Frauen beim generischen Maskulinum mehrheitlich ausgeschlossen fühlten, dass somit ein Journalismus, der nicht gendere, ungenau sei. Deshalb muss einmal die Frage gestellt werden, welches Fundament diese kultur-spalterische Debatte eigentlich hat.
          Wahrscheinlich ist es ungeschickt, dass die deutsche Grammatik die Begriffe „Maskulinum“, „Femininum“ und „Neutrum“ als Fachtermini aus dem Latein übernommen hat. Denn grundsätzlich hat das grammatische Genus mit dem biologischen Sexus nichts zu tun. Schon in der F.A.Z. vom 2. September 2019 legte Wolfgang Krischke dar, dass grammatisches Genus und biologischer Sexus nur bei einem kleinen Bruchteil des Wortschatzes übereinstimmen. Die übrige Zuordnung des Genus zu den Substantiven ist historisch wohl zufällig, kann bei der Entwicklung der indogermanischen Sprachen eventuell mit bewegten und unbewegten Dingen zu tun haben.
          Bei der Gleichsetzung von Genus und Sexus ist also offensichtlich etwas „verrückt“, also in einen Topf geworfen worden, was nicht zusammengehört. Daher kann unser Staat (generisch männlich) glücklicherweise auf politisch korrekte Weise „der Staat“ bleiben, obwohl dieses Gebilde auch Frauen und Diverse mit umfasst. Und unsere Gesellschaft (generisch weiblich) darf auch so bleiben, wie sie ist, auch wenn Männer Teil derselben sind. Und auch wenn im Inneren der generisch weiblichen Gesellschaft ein männlicher „Gesell“ steckt, muss der Begriff nicht in „Gesellendenschaft“ umformuliert werden. Als Beispiel für die sprachlich willkürlichen Verteilung der Genera mag die Tierwelt dienen: die Amsel, der Specht, das Tier.

          Ergänzend sei auch noch auf die Argumentation von Dr. Falkenau in der F.A.Z. hingewiesen: Die Artikel „der“, „die“, „das“ sind weder generisch noch biologisch festgelegt. Ihre Funktion ändert sich, ob sie im Nominativ stehen oder im Plural, Genitiv oder Dativ. Schlussfolgernd ist festzustellen: Die irrtümliche biologische Interpretation der grammatischen Genera rechtfertigt keine schwerwiegenden verholzenden und verballhornenden Eingriffe in die deutsche Sprache. Ernsthafte Literatur verträgt kein Gendern, Gedichte mit Schrägstrichen, Binnen-I’s und Sternchen können nur Witzgedichte sein. „Wander*innen“ können keine Nachtlieder singen.
          Wie können nun die vielen Genderfanatiker in den Gleichberechtigungsstellen der Universitäten, den Stadtverwaltungen und Behörden, aber auch schon bei den Kirchen überzeugt werden? Hier liegt das Gute nah: Wir streichen die grammatischen Fachtermini „Maskulinum“, „Femininum“ und „Neutrum“ aus den Deutschlehrbüchern. Dafür (analog zu den „Fällen“ bei der Deklination) nehmen wir „Substantivklassen“. Das bisher Weibliche wird zur Substantivklasse 1, das Neutrum wird zur Klasse 2, und das Männliche wird zur Klasse 3. Der Nachteil ist lediglich, dass einige Schulbücher umformuliert werden müssen. Dafür bleibt unsere schöne Sprache feinsinnig, nuancenreich und ermöglicht weiterhin geistreiche und poetische Sprachbilder. Die Anhänger des „Feminist*innensprechs“ schließlich ersparen sich die Arbeit, sämtliche im Duden verzeichneten einfachen und zusammengesetzten Substantive durchzugendern. Und die männliche Amsel bleibt Amsel, und der weibliche Specht bleibt Specht. Dr. Ulrich Malchau, Borkum

           

          Verhütung und Abtreibung

          Die interessante Darstellung der spannungsvollen Genese der Enzyklika Humanae vitae („Dieses Kreuz“, F.A.Z. vom 21. Dezember) durch Daniel Deckers lässt die Frage (durchaus legitim) unbeantwortet, ob die Entscheidung von Papst Paul VI. richtig oder falsch war. Hier ist bedenkenswert, dass die polnische Kommission der Ansicht des päpstlichen Lehramtes näher war als die deutschen Fachleute. Kardinal Wojtyla hat als Papst vor 25 Jahren in der Enzyklika Evangelium vitae einen inneren Zusammenhang zwischen Verhütung und Abtreibung gesehen (vgl. Nr. 13), denn nach seiner Auffassung entspringen beide Handlungen derselben Mentalität. Tatsächlich ist bei beiden Handlungen das direkte Ziel, das Zeugen beziehungsweise das Eintreten von Kindern in diese Welt zu vermeiden.
          Es ist unleugbar, dass trotz der praktischen Ablehnung der Lehre von Humanae vitae durch große Teile der Katholiken die künstliche Verhütung weder der Beziehung der (Ehe-)Partner noch der Beziehung der Eltern zum eigenen Kind gutgetan hat. Mehr als je zuvor zerbrechen Ehen und Partnerschaften, und weiterhin – wenn nicht sogar vermehrt – werden Kinder im Mutterleib getötet. Letztendlich ist diese „Verhütungsmentalität“ tödliches Gift für jede Art personaler Beziehung und macht ein christliches Leben, das auf Heiligkeit ausgerichtet sein muss (vgl. Schreiben von Papst Franziskus Gaudete et exsultate), unmöglich.
          Viele sehen heute in der häufig verkannten und kaum bekannten, weil nicht einmal gelesenen Enzyklika ein Dokument mit prophetischer Kraft, verfasst durch einen heiligen Papst. Dies gilt meines Erachtens gleichfalls für Evangelium vitae, ebenfalls von einem bedeutenden Heiligen erarbeitet und ebenso kaum bekannt und akzeptiert. Dr. Andreas Kuhlmann, Aachen

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