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: Leserbriefe vom 28. Dezember 2020

Der Reaktor Sizewell B in Suffolk Bild: Reuters

Atomenergie in Großbritannien +++ Verschuldung am Beispiel Griechenlands +++ Goethes Musikverständnis +++

          5 Min.

          Kernenergie hilft bei der CO2-Reduktion

          Zum Arti­kel „Britan­ni­en baut Atom­ener­gie aus“ in der F.A.Z. vom 15. Dezem­ber: Wer auf Kern­ener­gie verzich­tet, verzich­tet auch auf die Vermin­de­rung des CO2-Aussto­ßes. Einige Bemer­kun­gen zu dem Arti­kel: Großbri­tan­ni­en nimmt es mit den Zielen des Pari­ser Abkom­mens ernst, gleich­zei­tig denkt es an die Indus­trie, der ein güns­ti­ger Strom­preis zugu­te­kommt. Ich kann mich noch gut daran erin­nern, als in Deutsch­land die Kern­ener­gie als Über­gangs­tech­no­lo­gie erhal­ten blei­ben sollte und deshalb eine Lauf­zeit­ver­län­ge­rung verein­bart wurde. Die Kohle sollte dann entspre­chend dem Ausbau der erneu­er­ba­ren Ener­gie­er­zeu­gung zurück­ge­fah­ren werden. Das war stra­te­gisch klug, weil genü­gend Zeit zum allmäh­li­chen Zurück­fah­ren der Kohle gege­ben war. Nun, es kam anders. Eine Tsuna­mi-Flut­wel­le zerstör­te im März 2011 die veral­te­ten, schon zum Abbau geplan­ten Kraft­werks­an­la­gen in Fuku­shi­ma in Japan. Aus der Über­flu­tung resul­tier­te ein verhee­ren­der Reak­tor­un­fall, aber auch die Zerstö­rung vieler Fischer­dör­fer an der Küste. In Deutsch­land, fokus­siert auf die Kern­ener­gie, kam es zu der Entschei­dung, aus der Kern­ener­gie auszu­stei­gen und sofort acht Anla­gen abzu­schal­ten, egal was es kostet. Eine Verbeu­gung vor einer Minder­heit von ideo­lo­gisch gepräg­ten Krawal­lis, die sich an Schie­nen kette­ten und vor den Anla­gen protes­tier­ten, mehr zum Ärger der Anwoh­ner als zum Ärger der Anla­gen­be­trei­ber. Heute stehen wir da und wissen eigent­lich nicht, wie wir den CO2-Ausstoß vermin­dern und dabei die Indus­trie am Leben halten sollen. Boris John­son, Premier­mi­nis­ter des Verei­nig­ten König­reichs, der mit der EU nichts mehr zu tun haben will, macht es uns vor, wie man die Bevöl­ke­rung impft, CO2 mindert und gleich­zei­tig die Indus­trie stärkt! Walter Brandt, Worms

          Grenzen der Verschuldung

          Zum Leitartikel „Athens Abschied von Keynes“ von Tobias Piller (F.A.Z. vom 15. Dezember): Glückwunsch zum erfreulich knappen und klaren erläuternden Hinweis auf die Griechenland-Krise ab 2009: auf Pump finanzierte Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens um 65 Prozent und Haushaltsdefizite von 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die niemand dauerhaft weiter finanzieren wollte. Diese klaren Fakten scheinen auch weiterhin wenig bekannt, und so müssen wir uns heute noch Klagen über die „Austeritätspolitik“ anhören, die Deutschland unfairerweise durchgesetzt habe. Kein Staat kann auf Dauer mehr Geld ausgeben als die Summe aus seinen Steuereinnahmen und den Krediten, die er an den Kapitalmärkten freiwillig geliehen bekommt. Wenn dieser Staat keiner Währungsunion angehört, sondern seine eigene Währung hat, gerät beim Versuch einer zu großzügigen Ausgabenpolitik die Währung schnell unter Druck und zwingt zu Abwertung, Zinserhöhungen, Ausgabenkürzungen oder einer Kombination aus diesen dreien. Das kann man seit einigen Jahren sehr deutlich am Nachbarland Türkei beobachten, das – ohne Troika! – genau diesen Zwängen unterliegt. Es ist erstaunlich, dass, soweit ich sehe, in der Berichterstattung selten diese Parallele zwischen den beiden Nachbarländern gezogen wird. Der Euro besteht nun schon so lange, dass offenbar viele Entscheidungsträger, Journalisten und auch Ökonomen diese Funktionsweise einer Währung in einer offenen Wirtschaft vergessen haben und postulierten, ungezügelte weitere Zunahme der griechischen Staatsverschuldung hätte ermöglicht werden müssen, um dadurch irgendwann die Probleme zu lösen, die Wirtschaftstheorie (Keynes) verlange dies so und die von der Eurogruppe durchgesetzten Maßnahmen zur Defizitreduktion seien unerhört und „nicht demokratisch legitimiert“. Das ist irreführend, denn die Kreditaufnahme durch einen Staat erfolgt ja durch diesen in demokratisch legitimierter Weise, und mit einer Entscheidung zur Kreditaufnahme muss der Staat logischerweise auch die mit den Gläubigern vereinbarten Bedingungen akzeptieren, siehe Türkei. Durch die Corona-Krise könnten sich ähnliche Fragen für die Euroländer wieder stellen, und es dürfte dann wieder auf die Erfahrungen der Griechenland-Krise rekurriert werden. Es wäre dann wichtig, die genannten harten Fakten der damaligen Griechenland-Krise in Erinnerung zu rufen und deutlich zu machen, dass auch in einer Währungsunion sowohl einzelne Mitgliedstaaten als auch die Währungsunion als Ganzes irgendwann auf Grenzen ihrer Verschuldung treffen und dass dies keine böswillige „Austerität“ ist, sondern für die Bürger jedes anderen Staates, der nicht einer Währungsunion angehört, ebenfalls gilt (Beispiel Türkei). In der Ökonomie gibt es eben nichts umsonst. Wilfried Krug, Blankenfelde-Mahlow

          Rhythmik und Musik in Goethes Poesie

          Zu Alfred Brendel „Goethe, Musik und Ironie“ (F.A.Z. vom 30. November) und zum Leserbrief von Cord Garben (F.A.Z. vom 12. Dezember): Ich kann dem ebenso klugen wie belesenen und feinfühligen Musiker und Denker Alfred Brendel von musikwissenschaftlicher Seite nur eines zurufen: „Sie haben vollkommen recht!“ Noch immer hält sich ebenso hartnäckig wie unberechtigterweise das Vorurteil, Goethe sei „unmusikalisch“ gewesen. Das Gegenteil ist der Fall, wie ich anhand meiner zwanzigjährigen intensiven musik- und literaturwissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema nur bestätigen und auch nachweisen kann. Wir Heutigen neigen dazu, Musikalität als etwas Zünftig-Handwerkliches zu definieren: Kenntnis in Harmonielehre und Kontrapunkt, virtuose Fertigkeiten im Gesang und/oder Instrumentalspiel, bei kompositorischen Ambitionen gewürzt durch eine Prise Inspiration und Genialität im Erfinden neuer Klänge und Formen, ein intellektuelles Urteil und die Verehrung alles Neuen in der musikalischen Entwicklung. Noch immer erliegen wir, oft ohne dass es uns bewusst wäre, dem Apodiktum Theodor W. Adornos, Musik gehöre erstens den Kennern und zweitens den „Fortschrittlichen“. Hochbegabten Menschen die Musikalität abzusprechen gehört offenbar zum guten Ton. Man stelle sich vor, dass selbst Nietzsche keinen Geringeren als Richard Wagner dem Vorwurf aussetzte, ein „Dilettant“ zu sein – was angesichts der äußerst sorgfältigen und logischen Bezeichnung harmonischer Fortschreitungen in seinen Partituren ein ungerechter Vorwurf ist; Wagner war unanfechtbarer Meister auf dem Gebiet der musikalischen Grammatik. Nun war Goethe weder ausgebildeter Virtuose noch hatte er eine musiktheoretische Ausbildung genossen. Er spielte ein wenig Klavier und vielleicht auch Geige – und er hatte ein überaus feines Ohr. Der Musik näherte er sich von der sensitiven, aber auch von der naturwissenschaftlich-philosophischen Seite. Die Allgegenwart musikalischer Motive in seinen Dichtungen, die hochdifferenzierte Rhythmik seiner Poesie, die dramaturgische Anlage weiter Teile des „Faust“ nach musikalischen Gesichtspunkten, sein Fasziniert-Sein durch die pythagoreische Idee der Sphärenharmonie, die vielfältigen Überlegungen zur pädagogischen Bedeutung der Musik in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“, aber auch seine tiefe, nur selten voll befriedigte Sehnsucht nach musikalischen Erlebnissen, die sein Innerstes berührten, zeugen davon. Dass er sich von dem Knaben Felix Mendelssohn Bartholdy tagelang Meisterwerke aus Vergangenheit und Gegenwart vorspielen und sich von dem genialen Kind den Verlauf der Musikgeschichte in praktischer Demonstration erklären ließ; dass er von dem Bach-Spiel des Organisten aus Berka zutiefst berührt wurde und sich angesichts der komplexen Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“ zu weitreichenden philosophischen Überlegungen zum Gottesbegriff und zur universalen Weltenharmonie inspirieren ließ, ist ein weiteres Beispiel für Goethes höchst differenzierte Musikalität. Vor allem aber zeugt Goethes langjährige Beschäftigung mit der „Tonlehre“ von seiner musikalischen Faszination: ein ambitioniertes naturwissenschaftlich-ästhetisches Vorhaben, das im Anschluss an die „Farbenlehre“ die Welt der Klänge als Erscheinungsform einer naturgegebenen Ordnung zu untersuchen unternahm. Goethe scheiterte hier nicht aus eigenem Unvermögen, sondern weil keiner seiner Freunde vom Fach (Zelter, Reichardt, selbst Chladni, geschweige denn Beethoven) sich zur Mitarbeit an diesem Projekt bequemen wollten. Goethes ebenso eigenwillige komplexe Überlegungen wurden ebenso wenig ernst genommen wie seine Farbenlehre. Es ist an der Zeit, ein altes Vorurteil zu verabschieden. Vielen Dank, lieber Alfred Brendel, für Ihre Anregung, ein lange vernachlässigtes und missverstandenes Thema neu zu durchdenken! Ulrike Kienzle, Mörfelden-Walldorf

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