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: Leserbriefe vom 26. August 2021

  • Aktualisiert am

Ein Feindbild im buchstäblichen Sinne: Im November 1918 karikierte Olav Gulbransson den Revolutionär Karl Liebknecht für die Satirezeitschrift Simplicissimus. Bild: Picture-Alliance

Karl-Liebknecht-Ausstellung +++ Besuch beim Wähler +++ Afghanische Ortskräfte +++ Tempolimit

          5 Min.

          Opium für das Volk?

          Zum Bericht über die Leipziger Liebknecht-Ausstellung (F.A.Z. vom 24. August): Auch wenn diese Redewendung längst in politischen Sprachgebrauch eingegangen ist und sich in zahllosen gelehrten Abhandlungen findet, so ist es dennoch keine Pedanterie, darauf hinzuweisen, dass Marx und Engels die Religion keineswegs als „Opium fürs Volk“ bezeichnet haben. Tatsächlich spricht Marx in seiner „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ (1844) von der Religion als „Opium des Volks“. Was ein wesentlicher Unterschied ist – zielt das populäre Fehlzitat doch auf eine verkümmerte Ideologiekritik, die sich auf Kategorien wie „Priestertrug“ oder „Manipulation“ erstreckt. Marx jedoch hört im „religiösen Elend“ den „Seufzer der bedrängten Kreatur“ und kritisiert so die auch selbstgeschaffenen Illusionen der Menschen. „Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben“, so Marx, „ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf“. Die Frühschriften, in denen Marx einst über das „Opium des Volks“ nachgedacht hat, lesen sich heute noch wie Champagner; die Formulierungen in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ sind Weltliteratur und haben einen geradezu musikalischen Klang. „Opium fürs Volk“ hingegen ist nicht zuletzt der Titel einer Platte der angeblichen Punkband „Die Toten Hosen“ aus Düsseldorf.
          Richard Gebhardt, Köln

           

          Moderner Ablasshandel

          Zu „Stolz und Existenzangst“ von Timo Steppat (F.A.Z. vom 24. August): Mit Interesse verfolge ich die Wahlserie der F.A.Z. „Besuch beim Wähler“, so auch den Artikel „Stolz und Existenzangst“, die den Puls der Wähler fühlt, hier der landwirtschaftlichen Wähler. Die Landwirtin aus dem Landkreis Vechta bringt die Misere eines schon vorpolitisch gelagerten modernen ‚Ablasshandels‘ auf den Punkt, der sich im hohen Zuspruch für die Grünen manifestiert: „Ich fahre zwar SUV und habe einen Steingarten. (. . .) Aber zumindest wähle ich eine Partei wie die Grünen, die sich für mehr Klimaschutz einsetzen.“
          Hier wird deutlich, welche Motive bei der allgegenwärtigen Verdammung der konventionellen Landwirtschaft bereits im vorpolitischen Raum wirkmächtig werden: Es besteht ein gesellschaftliches Pseudobedürfnis nach ökologisch korrekt erzeugten Lebensmitteln, wodurch sich eine Frontbildung böse konventionelle vs. gute ökologische Landwirtschaft ergibt. „Ablasshandel“ trifft es gut: Ich fröne einem Ideal, dadurch kompensiere ich meinen anderweitig umweltschädlichen Lebensstil.
          Hier klafft die große Lücke. Die Logik unseres Wirtschaftens ist auf „immer mehr, immer billiger“ angelegt, Quantität wird immer Qualität schlagen. Die große Masse kann sich den teuren Konsum oftmals nicht leisten, und der grüne SUV-Fahrer kompensiert das durch den heroischen Akt des Kaufes eines Filetstücks für 100 Euro nicht. Ich bin ein Kind vom Lande und kann berichten: Meine Kindheit in einem 20- Seelen-Dorf mit „böser konventioneller Landwirtschaft“ war geprägt vom Kennenlernen einer intakten Natur und dem respektvollen und würdigen Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier. Ich habe keine Massenfabriken vor unserer Haustür erlebt. Im Gegenteil: Kühe, die Auslauf hatten und weiterhin haben, Kälbchen auf der Wiese, die wir streicheln durften und die auf weitläufigen Weiden gegrast haben. Mein Leben auf einem Dorf mit fast ausschließlich konventioneller Landwirtschaft hat mir Natur und Respekt vor der Schöpfung nähergebracht. Der Bericht eines Kindes vom Dorf, ergänzend zum hervorragenden Wählerbesuch von Herrn Steppat. Alexander Schmitt, Burg/Eifel

          Es lohnte sich, für uns zu arbeiten

          Zur Afghanistan-Berichterstattung in der F.A.Z. vom 24. August und hier insbesondere die zur Evakuierung von Ortskräften plus Angehörigen: Haben Sie besten Dank für die ausführliche Berichterstattung zu den Vorgängen in Afghanistan, vor allen Dingen zu den Bemühungen, Ortskräfte und deren Angehörige auszufliegen. Auch ich gehöre zu den Soldaten der Bundeswehr, die in Afghanistan eingesetzt waren. 2005/2006 war ich, Dienstgrad Oberst, im 9. und beginnenden 10. Deutschen Einsatzkontingent Kommandant von Camp Warehouse in Kabul, des damals größten internationalen Camps mit ungefähr 2400 Soldaten aus mehr als 20 Nationen. Was die Ortskräfte angeht, so habe ich einen anderen Zugang als der, der üblicherweise in den Medien verbreitet wird. Als Kommandant von Camp Warehouse hatte ich einige Ortskräfte. Diese jungen Männer (bei Radio Andernach gab es sogar einige Afghaninnen) kannten haargenau die Situation in der sie umgebenden Gesellschaft.

          Selbstlosigkeit war das Letzte, was diese Leute angetrieben hat, um für uns zu arbeiten. Diese romantisch-idealisierenden Vorstellungen sind dort unbekannt beziehungsweise stoßen auf völliges Unverständnis. Das Leben ist viel zu hart, um sich mit derartigen Wohlstandsgefasel zu beschäftigen.
          Unsere Ortskräfte wurden für afghanische Verhältnisse fürstlich entlohnt, gut behandelt und nahmen wie selbstverständlich an unserer ausgezeichneten Mittagsverpflegung teil. Von den Soldaten des deutschen Kontingents wurden sie in der Regel bei Kontingentwechseln mit Kleidung, Schuhen und so weiter beschenkt. Ich habe Dutzende sogenannte Mitnahmebescheinigungen unterschrieben, damit ihnen diese Geschenke bei der Kontrolle an der Wache nicht abgenommen wurden.
          Es hat sich also gelohnt, für uns zu arbeiten. Dies war selbstverständlich auch ihrer Umgebung bekannt. Gehörten sie starken Familien, Stämmen, Clans an, haben auch diese davon profitiert und schützten diese Leute. Gut zu wissen: Ein Afghane definiert sich ausschließlich über seine Familien- beziehungsweise Stammeszugehörigkeit; Individualismus ist unbekannt. Gehörten sie zu schwächeren Gruppen, waren Schutzgeldzahlungen fällig, um nicht umgebracht zu werden. Darüber hinaus waren Informationen zu liefern. Die Taliban oder ähnliche Gruppierungen waren somit bis ins Detail über unsere Zahl, Ausrüstung, gegebenenfalls sogar über unsere Absichten informiert.
          Meine beiden deutschen Soldaten, die mich bei der Führung des Camps unterstützt haben, waren entsprechend instruiert und zur Vorsicht bei der Informationsweitergabe ermahnt. Dass gerade diese Ortskräfte jetzt sämtlich zu uns kommen wollen, überrascht mich nicht; hatten sie doch einen recht genauen Einblick über unseren Lebensstandard erlangt. Innerlich verachten uns diese Menschen, was sie aus nachzuvollziehenden Gründen natürlich nie zugeben werden. Sie wollen ja etwas erreichen: den Wohlstandsmagneten Deutschland. Ich will nicht verkennen, dass es Ausnahmen geben mag. Nur: mir sind sie nicht begegnet. Aber vielleicht war und bin ich ja blind. Mit Letzterem befinde ich mich, wenn ich mir die Berichterstattung über den Zusammenbruch der durch die westlichen Staaten geförderten politischen Ordnung in Afghanistan betrachte, jedoch in bester Gesellschaft.
          Dr. Thomas Sarholz, Oberst a. D., Andernach



          Pseudoreligöse Verzichtslogik

          Zu dem Artikel „Bloß nicht den Wähler verprellen“ von Eckart Lohse in der F.A.Z. vom 9. August: Beim Tempolimit herrschen ideologische Gegensätze. Die Parole „Freie Fahrt für freie Bürger“ der Union ist genauso mit Emotionen und Vorurteilen aufgeladen wie die pseudoreligöse Verzichtslogik der Grünen.
          Warum kann dieses Land nicht einen wissenschaftlich begleiteten Großversuch unternehmen: Im Jahr 2022 fahren wir unlimitiert wie bisher; 2023 fahren wir mit einem Tempolimit von 130 km/h. Dann wird gezählt und gerechnet: Haben wir CO2 eingespart und wie viel? Haben wir weniger Unfälle, Verletzte und Tote und wie viele? Sind die Schadenssummen der Versicherungen gesunken?
          Haben wir vielleicht viel weniger Staukilometer und sind allesamt schneller vorangekommen oder ist das Gegenteil eingetreten? Haben Logistiker ihre Zeitpläne besser oder schlechter einhalten können? Wurden mehr oder weniger Autos und Bahnfahrkarten gekauft? Rechnet sich ein Tempolimit volkswirtschaftlich? Wenn wir die Durchführung der begleitenden Studien nicht ausschließlich Bundesbehörden überlassen, sondern unsere Universitäten aktiv einbinden, können wir im ersten Halbjahr 2024 entscheiden, ob wir ein Tempolimit wollen. Faktenbasiert und nicht auf Grund von Spekulationen und Bauchgefühl.
          Professor Dr. Florian Müller-Plathe, Frankfurt


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