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: Leserbriefe vom 24. Juni 2020

  • Aktualisiert am

Verbrechen in staatlicher Verantwortung: Die Berliner Bildungsverwaltung arbeitet den Kentler-Fall auf. Bild: dpa

Sexualpädagogik +++ Unterricht +++ Ausstellung +++ Thomas Mann

          4 Min.

          Das Erbe Kentlers lebt weiter

          Zu den Beiträgen „Pädagogische Avantgarde“ von Heike Schmoll und „Missbrauch als Erziehung“ von Hannah Bethke (F.A.Z. vom 17. Juni): Wer glaubt, mit der Aufarbeitung dieser sexuellen Missbrauchsfälle im Erziehungswesen sei die Vergangenheit dann irgendwann einmal abgeschlossen, irrt gewaltig: Das Erbe Kentlers lebt in den seit Jahren bundesweit gegen den Widerstand vieler Eltern eingeführten Bildungs- und Lehrplänen zur Sexualerziehung in Kindertagesstätten und Schulen mit tatkräftiger Unterstützung durch einschlägige Lobbygruppen im Erziehungsbereich fort. Das Stichwort lautet: Sexualpädagogik der Vielfalt.
          Uwe Sielert, Frank Herrath, Stefan Timmermanns und Elisabeth Tuider – dies sind nur einige der Namen, denen man in diesem Zusammenhang immer wieder begegnet. So veröffentlichte beispielsweise Kentler-Freund Professor Dr. Uwe Sielert, der sich insbesondere für die Einführung von sexueller Bildung in Kindertagesstätten starkmacht, mit seinem Kollegen des von ihm mitgegründeten Instituts für Sexualpädagogik (iSp) Dr. Frank Herrath, ein „Aufklärungsbuch für Kinder und ihre Eltern“ mit dem Titel „Lisa & Jan“.
          Uwe Sielert blickt zudem auf eine langjährige Mitarbeit bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zurück, in deren Schriftreihe „Forum Sexualaufklärung und Familienplanung“ er bereits 2001 einen Beitrag zum Thema „Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt“ publizierte. Frank Herrath wiederum würdigte in der 2009 unter anderem von Stefan Timmermanns und Elisabeth Tuider herausgegebenen Festschrift für Uwe Sielert „Vielfalt wagen“ Helmut Kentler und Letzteren als prägend für „die Sexualpädagogik in der BRD“.
          Professor Dr. Stefan Timmermanns ist Professor für Sexualpädagogik und Diversität in der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences mit den Forschungsschwerpunkten „Sexualpädagogik/Sexuelle Bildung, sexuelle Vielfalt und Aufklärung in Schule und Sozialer Arbeit, sexualfreundliche Erziehung im Kindergarten und Männer in Kindertagesstätten“. Zudem ist er Vorsitzender der am Institut für Pädagogik der Universität Kiel angesiedelten Gesellschaft für Sexualpädagogik, einem bundesweit tätigen Fachverband von Sexualpädagogen, dem auch Uwe Sielert als Beisitzer angehört.
          Zu den Forschungsschwerpunkten von Professor Dr. Elisabeth Tuider von der Universität Kassel gehören neben Geschlechterforschung, Feministische und Queer-Theory auch Sexualitäten und Vielfalt der Lebensweisen. Die Arbeit ihres Mentors Sielert fortführend, hat sie unter anderem mit Stefan Timmermanns ein Werk zur „Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit“ verfasst, das Unterrichtsmodule wie „PeniVagiTus“ zum sexuellen Sprachgebrauch für die Altersgruppe der 10-Jährigen oder „Galaktischer Sex“ zur Erfindung von auf der Erde unbekannten Sexpraktiken für 15-Jährige enthält.
          Die weitverzweigten Forschungs-, Lehr- und Bildungsaktivitäten der heutigen „pädagogischen Avantgarde“ führen dazu, dass mittels derartiger „Bildungsprogramme“ Kindern und Jugendlichen die natürlichen Schamgrenzen abtrainiert werden, womit sie letztlich zur leichten Beute für sexuell an ihnen interessierte Erwachsene werden. Solange das Kentler’sche Gedankengut fortlebt und an Universitäten gelehrt, in unseren Bildungs- und Lehrplänen verankert und auf dem Fortbildungswege im Erziehungswesen verbreitet wird, so lange wird auch der „Missbrauch als Erziehung“ hoffähig bleiben. Regine Scheffer, Dresden




          Ohne Wehklagen

          Zum Beitrag „Last der Lehrer“ von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 10. Juni): Ich habe als Schüler in den Jahren 1966/67 die Umstellung des Schuljahresbeginns erlebt. In diesem Zusammenhang mussten wir den Unterrichtsstoff von zwei Schuljahren in eineinhalb Schuljahren (zwei sogenannte Kurzschuljahre) bewältigen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Lehrer (teilweise über 65), SchülerInnen, Eltern oder die Schulverwaltung in Wehklagen ausgebrochen wären. Es wurde gemacht – fertig.
          Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass ich auf meinen Reisen nach Moria (Lesbos, Europa!) Kinder kennengelernt habe, die seit Jahren unter menschenverachtenden Bedingungen nach Unterricht hungern. Konrad Reuter, Berlin

           

          Zerstörtes Aleppo

          Zum Artikel „Palmyra? Aleppo!“ von Stefan Weber in der F.A.Z. vom 15. Juni: „ . . . als würde Barcelona oder Florenz seit zwei Jahren vergessen in Trümmern liegen“, schreibt Professor Dr. Stefan Weber in seinem dankenswerten Artikel über das zerstörte Aleppo. Vielleicht sollte zur Ergänzung seines Anliegens die außerordentliche Ausstellung „Von Mossul nach Palmyra“ nicht unerwähnt bleiben, die vom 30. August bis 3. November 2019 in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen war. Sie war in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Ich habe sie drei Mal gesehen und war jedes Mal den Tränen nah! Aleppo, wo schon viele Restaurierungsarbeiten der Altstadt vor Beginn des Syrien-Krieges begonnen und durchgeführt waren, nahm dabei eine besondere Stellung ein. Schmerzlich die totalen Zerstörungen in den jüngst vergangenen Jahren!
          Diese Wanderausstellung war in Kooperation mit dem Pariser Institute du Monde Arabe entstanden. Nach ihrer ersten Station in Paris war sie leider nur in Bonn und danach in keiner anderen Stadt Deutschlands und Europas zu sehen! Wie ich erfahren habe, ist sie von Bonn nach Riad in Saudi-Arabien gewandert. Vielleicht kann durch dieses reiche Land eine internationale Geberkonferenz gegründet und gestärkt werden. Günter Henne, Köln

           

          Mann, der Musiker unter den Dichtern

          Jan Brachmanns Abkanzelung von Thomas Mann in dem Artikel „Unweltlich pocht das Herz“ in der F.A.Z. vom 29. Mai kann so nicht stehenbleiben. Brachmann hält Mann vor, das deutsche Kunstlied zum einzigartigen nationalen Ausdruck verklärt zu haben. Das deutsche Lied sei so zum Fetisch geworden. Nichts ist freilich dagegen zu sagen, auf das Liedgut anderer Nationen hinzuweisen, was offenkundig Brachmanns Hauptanliegen ist. Dies aber mit einem Thomas Mann-Bashing zu verbinden ist mehr als fragwürdig. Mann war ein sehr musikaffiner, ja musikalischer Schriftsteller. Er rechnete sich selbst zu den „Musikern unter den Dichtern“. Dass er dabei gewisse Vorlieben, unter anderem auch für das deutsche Liedgut, entwickelt hat, ist sein gutes Recht und in seiner Vita begründet.
          So hat bereits seine Mutter Lieder von Mozart, Schubert, Brahms und Schumann gesungen. Wie Volker Mertens zu berichten weiß, habe dies ihren Sohn Thomas früh in den Bann gezogen (Mertens „Thomas Mann und die Musik“, 2006, Seite 11). Diese und andere Musik begleitete Thomas Mann sein gesamtes Leben. In einem Brief an Bruno Walter zum 70. Geburtstag bekennt er: „Zum Musiker geboren, hätte ich komponiert ungefähr wie César Franck und dirigiert – wie Du“. Und in der „Entstehung des Doktor Faustus“ heißt es: „Ich hatte doch immer der Musik nahe gewohnt, unendliche Anregung und künstlerische Belehrung von ihr empfangen.“
          Zurechtweisungen wie die von Brachmann hat dieser Großschriftsteller wirklich nicht verdient. Dass er sich mit deutscher Musik, deutscher Identität und deutscher Geschichte befasst hat, wie dies Hans Rudolf Vaget in seinem wunderbaren Buch „Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik“ (2006) im Einzelnen aufgezeigt hat, ist nichts, wofür er zu mahnen wäre. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, in welche Form er dies gekleidet hat, das Europäische bedenkend und auch darüber hinausweisend. Vielleicht zeigt sich dies im Extremen sogar am besten. So hat der Komponist Hans Pfitzner in nationaler Verblendung einst geurteilt: „Die Deutschen haben keine Ehre im Leibe – sie verdienen Thomas Mann – schlimmeres kann ich über sie nicht sagen.“ Dr. Peter Präve, Berlin

           

           

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