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: Leserbriefe vom 24. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

Komm’ lass uns nochmal drüber reden: Saskia Esken, Norbert Walter-Borjans und Rolf Mützenich (von links) ist die Parteitaktik wichtiger als der Schutz deutscher Soldaten. Bild: dpa

Drohnenschlacht +++ unsachlicher Zynismus +++ römisch-katholische Kirche +++ Spielplanänderung +++ David John Moore Cornwell +++ Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen +++ Schmelztiegel +++ Architekturstudium

          7 Min.

          Eine Ausnahme im Blätterwald

          Zu „Nach links“ von Berthold Kohler (F.A.Z. vom 17. Dezember): Wäre Berthold Kohler Imker, käme ihm der abrupte Schwenk der SPD-Spitze bei der Beschaffung von für den Schutz unserer Truppe dringend benötigter Kampfdrohnen bekannt vor: Drohnenschlacht. Wenn Honigbienen merken, dass die Drohnen nicht mehr ins Konzept passen, werden sie entsorgt.
          Zugegeben, der Vergleich Honigbiene mit dem „linksgestrickten“ SPD-Trio Esken, Walter-Borjans, Mützenich hinkt stark – die Honigbiene ist für uns wichtig. Es beruhigt, dass die Entscheidung zur Vertagung der Beschaffungsentscheidung auf unabsehbarstephen chilcott devone Zeit Kohler Anlass genug ist, in mehreren Kommentaren mit beißendem Spott die „dämliche“ Begründung mit fehlender Zeit für Diskussionen aufs Korn zu nehmen. Leider eine Ausnahme im Blätterwald der mit allem Militärischen fremdelnden „Friedensmacht“ Deutschland.
          Im Grunde ist dieses klägliche Zurückrudern trotz gegenteiliger Meinung der SPD-Fachleute nicht überraschend. Unvergessen bleibt die Äußerung Sigmar Gabriels, dass man bei der der Nato zugesagten Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des BIP ja Flugzeugträger kaufen müsste, um das Geld unterzubringen – in völliger Verkennung des Mangels in der kaputtgesparten Bundeswehr. Oder sein spöttisches Urteil über Staaten, die wissen, dass man nicht immer mit jedem nur durch Verhandlungen zum Ziel einer Friedenslösung kommt, als „Fleischfresser“.
          Dass diese nach links driftende SPD Zuspruch von der Linkspartei erhält, ist normal. Dass der auch von den Grünen kommt, ist bemerkenswert, für Habeck ist sie ja der Wunschpartner, und für Baerbock ist unsere Friedensrolle in der Welt viel wichtiger, als es die zwei Prozent sind. Und so kommt man nicht umhin festzustellen: „Inzwischen hat sich ein struktureller Pazifismus in der Politik ausgebreitet“ (Professor Sönke Neitzel). Aber es geht auch anders. Der Verteidigungsminister des kleinen Schweden, das selbst Kampfflugzeuge und U-Boote baut, sagt deutlich: „Wir sind nicht naiv“ (F.A.Z. vom 31. August 2020). Und Peter Carstens schreibt: „Deutschland ist ein Meister darin, unerfreuliche Dinge anderen zu überlassen. Während viele europäische Länder das Nato-Ziel 2 Prozent erreichen, reden führende Sozialdemokraten von einem Tanz ums goldene Kalb.“ (F.A.Z. vom 30. August 2019).
          Was erwartet uns also nach der nächsten Bundestagswahl? Hoffentlich nicht, was Greser & Lenz damals Heiko Maas als Sprachrohr der Träumer in den Mund legten: „Unsere Agenda für mehr Frieden und Sicherheit: Helmpflicht für Zivilisten in Kriegsgebieten und Sonntagsfahrverbot für Flugzeugträger“ (F.A.Z. vom 5. April 2019). Claus Wörner, Tübingen



          Unerlaubter Zynismus

          Berthold Kohler moniert in seinem Kommentar „Nach links“ (F.A.Z. vom 17. Dezember) den Beschluss der SPD- Fraktion im Bundestag, der Anschaffung von bewaffneten Drohnen nicht zuzustimmen. Er übersieht, dass bis jetzt die Meinung verkündet worden war, dass Drohnen ausschließlich zur Erkennung und Beobachtung von feindlichen Kräften am Boden gebraucht würden, um warnen zu können, aber nicht, wie jetzt gefordert, um Raketen und Bomben abschießen zu können.
          Wenn nun die SPD eine berechtigte Diskussion im Bundestag fordert, darf doch nicht zynisch in der F.A.Z. geschrieben werden: „In der Tat: In den Kindergärten sind die Vor- und Nachteile dieser Waffe noch nicht intensiv genug erörtert worden, und auch die Stellungnahme des Hasenzüchterverbands steht noch aus.“ Dieser unsachliche Zynismus ist eine Beleidigung auch für die Ärztevereinigung IPPNW, den Rechtsanwalt- und Richterverband IALANA sowie zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft, die genau aus den oben angeführten Gründen an die SPD appelliert hatten, keine Zustimmung ohne Diskussion zuzulassen. Herr Kohler möge sich entschuldigen.
          Professor Dr. Ulrich Gottstein, IPPNW-Ehrenvorstandsmitglied, Kronberg

           

          Nicht dasselbe

          Zum Leserbrief von Karl Prinz zu Löwenstein „Missbrauch ist kein katholisches Phänomen“ (F.A.Z. vom 17. Dezember): „Die anderen auch“ könnte man als Schlussfolgerung aus Herrn zu Löwensteins Leserbrief ziehen. Offenbar will er nicht mehr die römisch-katholische Kirche im Zentrum der Kritik sehen.
          Dem kann man einen anderen Spruch entgegenhalten: „Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe.“ Seit langem wird aus verschiedenen Vereinen und Organisationen über sexuelle Gewalt berichtet; zugegebenermaßen über die römisch-katholische Kirche zentral, ausführlich und oft. Das ist nicht verwunderlich. Schließlich hat die römisch-katholische Kirche das Diskussionsklima in der Bundesrepublik über Jahrzehnte massiv zu beeinflussen versucht – oft aggressiv und zum Glück nicht immer erfolgreich: aggressive Kampagnen gegen Schwangerschaftsabbruch und dessen Legalisierung; Diskriminierung nicht-heterosexueller Sexualität und Lebensformen; Diffamierung und Festhalten an strafbewehrter sexueller Beziehungen außerhalb der Ehe; lange Zeit das Heraushalten von Frauen aus kirchlichen Ämtern. Der seinerzeit häufig zu hörende Satz „Die Frau schweige in der Kirche“ wurde auch gern lateinisch vorgetragen. Einmal wollte ein christlich-konservativer Kultusminister einen Lehrer belangen, der seine Hochzeitsanzeige mit Heines Satz „Und fehlt der Pfaffensegen dabei, die Ehe wird gültig nicht minder.“
          Die hier schnell zusammengestellten Beispiele ließen sich beliebig ergänzen. Hinter allen steckte die römisch-katholische Kirche, die voller Hoffart aggressiv in die gesellschaftliche und politische Diskussion eingriff. Dass man ihr jetzt entsprechende Aufmerksamkeit widmet, sollte nicht verwundern. Uwe Hartwig, Ober-Mörlen

          Viva l’arte

          Zu „Spielplanänderung“ (F.A.Z. vom 17. November): Lieber Simon Strauß, bravo, bravi, fabelhaft, Glückwünsche, das Theater lebt, Viva l’arte. Ich hatte auch Freunde darauf hingewiesen. C. Raman Schlemmer, Stuttgart

           

          John le Carrés Deutschlehrer

          Der ausgezeichneten Einschätzung des Lebens von John le Carré im Feuilleton der F.A.Z. vom 15. Dezember stimme ich voll zu. Offensichtlich ist dieser englische Schriftsteller in Deutschland genauso hoch angesehen wie in seinem Heimatland.Ich bin ebenfalls ehemaliger Schüler der Sherborne School, die im Jahre 1550 vom sogenannten „boy king“ König Edward VI., dem Sohn des berüchtigten Königs Heinrich VIII., gegründet wurde und die sich in der schönen „Thomas Hardy“-Grafschaft Dorset im englischen West Country befindet (im Artikel als sein Internat bezeichnet). Le Carré war in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs auf der Schule – mein verstorbener Vater war auch auf dieser Schule, verließ sie jedoch 1944, dem Jahr, in dem le Carré eintrat.
          Ich selbst war von 1965 bis 1969 auf dieser Schule. „Mr King, der von ihm verehrte Deutschlehrer“, war sowohl meinem verstorbenen Vater als auch mir sehr gut bekannt. Frank King wurde aus persönlichen Gründen nicht zum Militärdienst einberufen und unterrichtete ununterbrochen während der gesamten Kriegszeit an der Schule. Er war mein erster Deutsch-Mentor und vermittelte auch mir die Liebe zu Deutschland, der deutschen Sprache, Literatur, Kultur und Geschichte, die mir durch mein ganzes Leben geblieben ist.
          Mein erster Besuch in Deutschland als 17 Jahre alter Jugendlicher fand während meiner Schulferien zu Ostern 1969 statt, und ich musste mich eben bei denselben Freunden in Boppard am Rhein dafür bedanken, dass sie mir ein Exemplar des Artikels per E-Mail geschickt haben. Um den Kreis endgültig abzuschließen, John le Carré, Geburtsname David John Moore Cornwell, studierte Deutsch am Lincoln College Oxford, während ich Deutsch am Worcester College Oxford studierte. John le Carré ist zudem im Krankenhaus in Truro in der Nachbargrafschaft Cornwall an einer Lungenentzündung verstorben – Truro und Boppard am Rhein sind, zufällig, Partnerstädte. Stephen Chilcott, Budleigh Salterton, Devon

          Sympathisantendiskussion

          Zu den zwei Artikeln über BDS von Hanno Loewy („Boykott gegen Boykott. Die Entscheidung des Bundestages zum BDS und die deutsche Kulturszene“) und Barbara Stollberg-Rillinger („Polarisierungsdynamik nach dem BDS-Beschluss“, F.A.Z. vom 21. Dezember): Der hochgeschätzte Hanno Loewy irrt, wenn er BDS für „zahnlos“ und „gescheitert“ hält; er selbst attestiert dem BDS viele „Freunde“. Das weckt ungute Erinnerungen an die Sympathisantendiskussion in der RAF-Ära. Auch damals wurden Intellektuelle hineingezogen, die wie Heinrich Böll über jeden Zweifel erhaben waren. Und doch konnte die RAF nur aktiv sein, weil ihr „Freunde“ nicht fehlten.
          Im Gegensatz zur extremen Linken sympathisiert heute eine gar nicht mehr so schweigsame Mitte der Gesellschaft mit Boykott, Sanktionen und Aufforderung zu „Divestment“ (also mit der Ausdehnung des Boykotts auf alle, die Wirtschaftsbeziehungen zu Israel unterhalten). Letztlich sind dies vorkriegerische Maßnahmen, die auf Krieg und Zerstörung hinauslaufen. Das mächtige, einen halben Kontinent dominierende Südafrika wird gern als Parallele herangezogen – dass in Israel ein Apartheid-Regime herrsche, diese Überzeugung hat zuletzt Sigmar Gabriel (SPD) wortstark artikuliert.
          Professorin Stollberg-Rilinger nennt BDS eine „Bewegung“. Wozu braucht eine „Bewegung“ Vortragsräume in Museen, Volkshochschulen und Theatern? Pegida und Corona-Leugner kommen doch auch ohne diese Foren aus. Tangiert es die Wissenschafts- und Kunstfreiheit, wenn ihr keine von Steuergeld finanzierten Sprechsäle zur Verfügung gestellt werden? Besonders absurd wirkt die Erregung über Absagen BDS-dominierter Veranstaltungen in Theatern und Museen angesichts des islamistischen Terrorismus, der sich gezielt gegen Kultur richtet – nicht nur in den Hauptstädten des Westens gegen Satire, sondern auch, beispielsweise, gegen Schulen in Afrika. Dr. Nikolaus Gatter, Köln

          Woher kommt du?

          Seit ich denken kann – ich bin 84 Jahre alt –, durfte man das fragen. Man hat sich gegenseitig vorgestellt. In allen Wörterbüchern der Welt stehen zunächst diese Fragen: Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Und nun soll dieses Interesse am anderen plötzlich verdächtig sein (Gerhard Kurz im Feuilleton der F.A.Z. vom 30. November)? Nach 1945, als wir aus den Bunkern krabbelten, waren da viele andere Völker im Land. Ich freute mich über Marokkaner, Franzosen, Engländer, Amerikaner. Länder wie Amerika oder Neuseeland sind „melting pots“. Diskriminierung gibt es überall: Als Schwäbin habe ich in Bayern und Berlin gearbeitet und wurde oft nachgeäfft und gehänselt. Heute lebe ich in einem Heim, Menschen aus zwanzig Nationen arbeiten hier. Es ist gut, dass sie da sind; wir brauchen sie, sie brauchen uns.
          Rotraut Weinmann, Freiburg

           

          Fachdisziplinen

          Die Tragwerksplaner*innen im Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (AIV) zum Kommentar von Niklas Maak in der F.A.Z. vom 3. Dezember „Sparen im Bildungshaushalt: Architektur als Fach? Nicht so wichtig!“: Maak ist uneingeschränkt zuzustimmen. Wie will eine Universität Exzellenz erreichen, wenn sie zentrale Bestandteile des Architekturstudiums einspart? Wie sollen Studierende in die Lage versetzt werden mit den komplexen Anforderungen, die an das heutige Bauen gestellt werden, umgehen zu können, wenn grundlegendes Wissen fehlt?
          Dabei ist die Architekturtheorie genauso fundamental wie die Tragwerkslehre. Architekt*innen, die die Grundlagen des Tragverhaltens von Bauwerken nicht beherrschen, sind nicht gerüstet, um effizient und kostengünstig zu entwerfen. Dies lehrt uns die tägliche Berufspraxis. Die Tragstruktur als integraler Bestandteil eines architektonischen Entwurfs ist von Anfang an mitzudenken. Eine gute Verständigung der am Bau Beteiligten auf Augenhöhe ist nur möglich, wenn ein breites Wissen und Verständnis für die anderen Fachdisziplinen vorhanden ist. Für den Architekten als Generalisten im Planungs- und Bauprozess ist dieses Wissen unverzichtbar! Nicole Parlow, Nicole Zahner und Frank Prietz, Berlin

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