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: Leserbriefe vom 23. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

Ein Beethoven-Denkmal in Mechelen: Enkel mit Rose für den Großvater Bild: Jan Brachmann

Von dem Rübenfeld? +++ Beethoven satt +++ Brexit-Verhandlungen +++ kontinentaleuropäischer Liberalismus +++ Wellenbrecher +++ Einsamkeitsministerium +++ Interview Professor Sinn

          7 Min.

          Beethovens Namensherkunft

          Zur Beethoven-Beilage der F.A.Z. vom 16. Dezember: Beethovens Name – wirklich vom Rübenhof? Beethoven – heute kommt man an diesem Namen ja kaum vorbei. In einer Zeitung las ich diese Hinweise zu dem Namen. Beethoven selbst glaubte, dass das „van“ in seinem Namen ein Hinweis auf adelige Herkunft sei. Und im gleichen Artikel stand, der Name bedeute: der von dem Rübenfeld. Grund genug, sich damit einmal zu beschäftigen. Vorweg die Antwort: Beides ist falsch!
          Zunächst ein paar Anmerkungen zu den Vorfahren des Komponisten. Sie waren aus Flandern nach Bonn eingewandert. Weiter: Das „van“ in seinem Namen bezeichnete keinen Adligen, sondern weist im deutschen Nordwesten wie auch in den Niederlanden allein auf die Herkunft hin. Schönes Beispiel: Herman van Veen ist eigentlich „Herman aus dem Sumpf“. Die übliche Herleitung des Namens als „vom Rübenhof stammend“ wird zumeist so erklärt: Zugrunde liege neben „Hof“ niederländisch be(et), neuniederländisch biet, „Rübe“, das wie niederdeutsch bete „Rübe“ (entlehnt in das Hochdeutsche „Bete“ und neuniederländisch „biet“) noch vor dem achten Jahrhundert aus dem Lateinischen (lat. beta „Beta vulgaris, Mangold“) entlehnt wurde. Daraus folgert man allgemein – auch ich habe in meinem Buch „Professor Udolphs Buch der Namen“ diesen Fehler begangen –, dass der Name Beethoven „Rübenhof“ bedeute. Diese Deutung ist zu korrigieren.
          Die Korrektur ist schon vor fast zwanzig Jahren gemacht worden, wurde aber – auch von mir – nicht bemerkt. Ich beziehe mich auf das Buch von F. Debrabandere, „Woordenboek van de familienamen in België en Noord-Frankrijk“, 2. Aufl., Amsterdam/Antwerpen 2003. Darin wird ausgeführt: „Beethoven, van“: Wahrscheinlich Ortsname Betho (1228), Betue (1291) in Tongeren, 1228 Willem van Betho; 1282 Walther van Beethouwen, Tongeren; 16. Jh. dat goet van Beethoven; 1601 Aert van Beerthoven; 1643 van Biethoven; 1671 van Beethoven (in Mechelen). Debrabandere setzt hinzu: vgl. Van Betuw(e). Heute heißt der Ort, von dem Beethoven seinen Namen hat, Kasteel von Betho.
          Letzte Bemerkung: Der Ortsname Betho ist schwierig. Debrabandere hatte ja auf (van) Betuwe verwiesen. Das ist ein Landstrich in Gelderland und wird im Allgemeinen vom Namen der Bataver abgeleitet. Das ist sicherlich falsch, der Völkername wird vom Landschaftsnamen abgeleitet sein. Wir haben in Deutschland Ortsnamen, die hier angeschlossen werden können: Bettmar bei Hildesheim und Braunschweig; Betheln bei Hildesheim; Bettrum bei Hildesheim; Badekot, zwei Wüstungen bei Helmstedt, und andere mehr.
          Professor Dr. Jürgen Udolph, Sieboldshausen



          Beethoven

          Zu den diversen Beiträgen zu Beethoven in der F.A.Z. vom 16. Dezember: Vielen Dank an die F.A.Z. für die vielseitige und umfangreiche Berichterstattung zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven. Diesem einzigartigen Komponisten an seinem Geburtstag das ganze Feuilleton zu widmen war eine wunderbare Idee. Das bekanntlich finanziell „schwach“ ausgestattete deutsche Fernsehen hatte für einen der bedeutendsten Menschen unseres Landes hingegen nichts in seinem Programm. Arnd Pötter, Rheinbach

           

          Nichts Neues

          Klaus-Dieter Frankenberger schreibt in seinem Kommentar „Letzter Versuch“ (F.A.Z. vom 14. Dezember), ein Scheitern der Brexit-Verhandlungen wäre verantwortungslos. Doch dränge die Zeit mit Blick auf das Ende der Übergangszeit. Wenn Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals Warenlieferungen beschleunigen, um einem Scheitern der Brexit-Verhandlungen zuvorzukommen, dann ziehen sie den jetzigen Zustand einem „No Deal“ vor. Also wird nichts versäumt, wenn über die Übergangsfrist hinaus verhandelt wird. Auch sind Fristenüberschreitungen bei schwierigen Verhandlungen für die EU nichts Neues: Die Uhr wurde so lange angehalten, bis ein akzeptables Ergebnis zustande kam.
          Zwei strittige Punkte liegen noch auf dem Verhandlungstisch: fairer Wettbewerb und Fischerei. Großbritannien will keine Vorschriften aus Brüssel, die die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Wirtschaft schwächen könnten. Die EU will verhindern, dass sich die britische Wirtschaft außerhalb der EU-Regeln Wettbewerbsvorteile verschafft. Dieses Streitthema ist nicht neu. Bei den Verhandlungen zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hat es ähnliche Auseinandersetzungen gegeben. Die französische Verhandlungsdelegation befürchtete, dass bei Einführung des Gemeinsamen Marktes die deutsche Industrie Wettbewerbsvorteile habe, weil die Belastungen aus Sozialabgaben niedriger als in Frankreich seien. Sie forderte einen Ausgleich oder aber eine Anpassung der Sozialgesetzgebung in Deutschland. Die deutsche Verhandlungsdelegation konnte das abwehren.
          Einige Jahre später war das kein Thema mehr, weil der Produktivitätsfortschritt in Deutschland höhere Sozialabgaben möglich machte. Nachzulesen bei Alfred Müller-Armack („Auf dem Weg nach Europa“, 1971), einem der maßgeblichen Verhandler der Römischen Verträge. Da anzunehmen ist, dass sich die Umweltbedingungen für die Wirtschaft in der EU und auch in Großbritannien ändern, könnten detaillierte Vorgaben für die britische Wirtschaft ähnlich obsolet sein.
          Dem unbeteiligten Zuschauer scheint es, als ob ein Entgegenkommen der Briten im Rahmen eines möglichen Fischereiabkommens dazu dienen könnte, der EU etwas anzubieten, um beim Thema „fairer Wettbewerb“ voranzukommen. Wenn wir die Begleitmusik überhören, müsste ein für beide Seiten akzeptabler „Deal“ zustande kommen. Wenn nicht, hätten beide Verhandlungsdelegationen versagt. Professor Dr. Joachim Starbatty, Tübingen


          Brexit-Liberalismus

          Zum Beitrag „Die Ideenkrise des Liberalismus“ von Professor Dr. Christoph Möllers (F.A.Z. vom 14. Dezember) ist zu bemerken, dass im kontinentaleuropäischen Liberalismus tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Wohlfahrt und Freiheit angenommen wird. Im angelsächsischen Liberalismus jedoch nicht. Dies beweist der „Brexit“: England möchte sich mit dem „Brexit“ den idealistischen, freiheitsbeschränkenden Maßnahmen der Kontinentaleuropäer, insbesondere von Brüssel und Berlin, nicht unterordnen. Es nimmt dafür erhebliche wirtschaftliche Nachteile im Interesse der Freiheit auf sich, auch in der Annahme, dass diese Nachteile längerfristig wieder verschwinden werden. Dr. Manfred Beker, Heilbronn

           

          Fürchtet euch nicht!

          Zu den Berichten über die Maßnahmen zu Corona: Der Lockdown light sollte ein „Wellenbrecher“ sein, doch er schwimmt wie eine Nussschale auf den Wogen exponentieller Steigerungsraten. Die Metapher des Wellenbrechers beschwört den Geist des Schimmelreiters von Theodor Storm herauf, des Deichgrafen, der bei Sturmflut auf ewig über Deiche jagt, die er nach technisch-wissenschaftlicher Erkenntnis konstruieren wollte und doch am Aberglauben seiner Zeit gescheitert ist. Die Sturmflut brach vernichtend über die Menschen herein. Heute heißt sie Covid-19, und zum Aberglauben gesellen sich Querdenker und ein Zeitgeist, der Illusionen für Tatsachen nimmt, als moderne Form der Versuchung.
          Der Wellenbrecher war gutgemeint, aber nicht gut gemacht, er war von Anfang an blanke Illusion. Jetzt steht der „Blanke Hans“ im Tor. Experten und Exponenten hatten gewarnt, wie Kassandra. Sie sahen es kommen, sie hatten den Mut, sich ihres Verstandes zu bedienen. Die Pandemie ist kein apokalyptischer Reiter abstruser Verschwörer, auch keine Naturkatastrophe. Sie wird von Menschen verbreitet, nach dem Gesetz ihres Tuns, unsichtbar, heimlich, doch keineswegs unheimlich. Denn nicht die Viren handeln, sondern der Mensch, und trotzdem gilt: Nicht der infizierte Mensch, sondern die Infektion, das Virus, ist auszugrenzen. Wenn 20 Prozent der infizierten Menschen das Virus asymptomatisch, unbewusst und ungewollt weitertragen, dann ist diese Mechanik als der wichtigste Faktor x der pandemischen Berechnungslogik zu gewichten, als Faktor, der die effiziente und komplette Verfolgung von Informationsketten logisch unmöglich macht.
          Die Dunkelziffern steigen also regelmäßig ins Exponentielle, so wie die evidenten Infektionen. Die Evidenzen sind immer nur die Spitzen von Eisbergen unbekannter Dimensionen der Dunkelziffern. Daraus folgt: Nur ohne Begegnung von Mensch zu Mensch wird dem Virus die Verbreitungschance genommen, nur dann gibt es keine Zunahme von Dunkelziffern. Das bedeutet: Nur der „harte“ 100-prozentige Lockdown mit absoluter Maskenpflicht ist eine geeignete und angemessene Maßnahme in jeder Phase der Pandemie. Die Datenverarbeitung und Informationen schaffen dafür stabile Fakten oder Indizien, und die Perspektive auf null stärkt den sozialen Zusammenhalt. Sie macht den Erfolg geeigneter Maßnahmen im Voraus sichtbar: je kürzer der Stillstand, desto höher die Akzeptanz im Wiederholungsfall, bis der exponentielle Absturz der Infektionen den Nullpunkt erreicht.
          Der harte Lockdown ist jetzt härter als im Oktober gedacht. Aber schmerzlicher wird der Heiligabend, wenn Totenglocken die Weihnachtsglocken übertönen, weil alle drei Minuten ein Mensch an Covid-19 stirbt. Das Licht der Weihnachtsbotschaft wird dunkel, wo der Mensch mit seinen Illusionen versagt. Die Heilige Nacht wird still im Gedenken an die Toten. Aber sie könnte wahrhaft heilig werden, selbst in der Trauer über die Sterbenden, wenn der vernunftbegabte Mensch vernünftig handelt, wenn er der Logik des Erkennens vertraut. Dann wird die Botschaft wahr: „Fürchtet euch nicht.“ Dr. Ulrich von Petersdorff, Berlin


          Niedrigster Rang

          Zu „Die wahre Weihnachtstragödie“ (F.A.Z. vom 5. Dezember): Melanie Mühl geht in ihrem im Übrigen sehr lesenswerten Beitrag zu Unrecht davon aus, vor zwei Jahren sei in Großbritannien „ein Einsamkeitsministerium“ gegründet worden. Richtig ist vielmehr, dass im Januar 2018 das damalige Regierungsmitglied Tracey Crouch, die bereits „Parliamentary Under-Secretary of State for Sport and Civil Society“ im Kulturministerium war, mit der Koordinierung einer regierungsweiten Strategie im Zusammenhang mit Einsamkeit betraut wurde. Ihr Titel änderte sich dementsprechend zu „Parliamentary Under-Secretary of State for Sport, Civil Society and Loneliness“.
          Ein Under-Secretary of State ist in der englischen Regierung der niedrigste der drei Ränge, nach Secretary of State und Minister of State. Eine deutsche Entsprechung hat ein Under-Secretary of State nicht. Er stünde im Rang unter einem Parlamentarischen Staatssekretär (der einem Minister of State vergleichbar ist). Das Missverständnis rührt sicher daher, dass sich in England für Regierungsmitglieder aller Rangstufen der Oberbegriff des „Minister“ eingebürgert hat. Tracey Crouch wurde daher umgangssprachlich als „Minister for Loneliness“ bezeichnet. Ein eigenes Ministerium – oder wenigstens eine eigene Abteilung in einem Ministerium – gab es aber nie. Markus Walther, Dresden

           

          Gelddrucken im Wirtschaftswachstum

          Zu „Der Kutscher und die müden Pferde“ (F.A.Z. vom 16. Dezember): Offenbar bin ich nicht der Einzige, der auf Professor Sinns Interviewäußerungen (F.A.Z. vom 10. Dezember) kritisch reagiert hat – der Leserbrief von Dr. Goetzke beweist es! Ich stimme seiner Kritik an der flapsigen, wissenschaftlichen Standards in der Tat nicht angemessenen Ausdrucksweise Professor Sinns durchaus zu. Auch sieht er richtig, dass Sinn mit seiner Bezugnahme auf das enorme, realwirtschaftlich aber wenig relevante Wachstum der Zentralbankgeldmenge unnötigerweise Inflationsängste schürt; das ist ja auch Teil meiner Kritik an Sinn.
          Aber so wie Goetzke argumentiert, zeigt er, dass er die Dinge auch nicht wirklich durchschaut: Selbstverständlich sind Geldscheine oder Banknoten, egal wer sie druckt, Zentralbankgeld. Dieses ist ja definiert („Geldmenge M0“) als die Summe von Bargeldumlauf und Zentralbank-Giroguthaben der Geschäftsbanken und (in geringerem Umfang) des Staates (im Euroraum: der Staaten). Eine Banknote verbrieft eine zwar unverzinsliche und erst bei deren Auflösung fällige Forderung an die Notenbank – also ist sie natürlich Zentralbankgeld.
          Das meiste Geld zirkuliert heute jedoch in der Realwirtschaft als Giralgeld der Geschäftsbanken, zusammen mit dem Banknotenumlauf bildet das die realwirtschaftlich relevante Geldmenge, zum Beispiel M3, und wenn man umgangssprachlich vom „Gelddrucken“ spricht, meint man deren Ausweitung durch das Bankensystem, zu dem mit einem Bruchteil auch die Vermehrung der im Auftrag der Notenbank gedruckten, von ihr ausgegebenen, für den Alltagszahlungsverkehr immer noch benötigten Geldscheine gehört. Und soweit das „Gelddrucken“ im Einklang mit dem Wirtschaftswachstum bleibt, ist es unvermeidlich nötig und nicht zu beanstanden. Die EZB, die das Geldmengenwachstum ja steuert, hat insoweit sehr wohl eine „Druckerpresse“, die sie hoffentlich nur verantwortungsbewusst nutzt.
          Peter Schweizer, Berlin


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