https://www.faz.net/-gpf-a6sxg

: Leserbriefe vom 22. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) im September 2020 in Berlin Bild: dpa

EU-Migrationspakt +++ Corona-Infektionslage +++ Corona Warn-App +++ Corona-Krise +++ Reclam-Archiv +++ Thomas Mann

          5 Min.

          Handeln statt humanitär säuseln

          In dem Artikel „Seehofers Funke reichte nicht. Berlin kommt mit EU-Migrationspakt kaum voran“ von Thomas Gutschker beschreibt die F.A.Z. am 15. Dezember das praktische Scheitern des „EU-Migrationspaktes“. Es ist eine Schande für Europa, dass noch immer mehr als 7000 Menschen in einem griechischen Flüchtlingslager „zwischen Ratten und Skorpionen“ – wie es laut F.A.Z. eine Hilfsorganisation beschreibt – ausharren müssen. Sie leben in Corona-Zeiten nach dem Brand von Moria trotz winterlicher Kälte in einem Notlager zusammengepfercht unter extrem unhygienischen Zuständen. Gleichzeitig ertrinken täglich Flüchtende im Mittelmeer, weil die EU sich weigert, eine Seenotrettung zu organisieren. Dabei haben sich mehr als 200 deutsche Städte und Kommunen als „sichere Häfen“ definiert und die Bereitschaft zu zusätzlicher Flüchtlingsaufnahme erklärt. Aber diese Aufnahmebereitschaft scheitert an Seehofers Weigerung, die Einreise für diese gestrandeten Flüchtlinge zuzulassen. Statt humanitären Weihnachtsgesäusels täte Deutschland humanitäres Handeln gut. Martin Singe, Bonn

           

          Offenbar Mängel in der Erziehung

          Mancher Ihrer durchweg sachlichen Artikel zur Corona-Infektionslage und den Maßnahmen dagegen geben durchaus Anlass, am gesunden Menschenverstand vieler Mitmenschen zu zweifeln. Ist es im Grunde nicht so, dass – wenn alle Maßnahmen befolgt würden – eine Eindämmung der Pandemie in relativ kurzer Zeit möglich wäre?
          Wenn jeder Mensch außerhalb der eigenen vier Wände Maske trüge; wenn alle Distanz hielten und auf engere körperliche Kontakte verzichteten; wenn alle Menschen mit Krankheitssymptomen bis zum negativen Testergebnis konsequent im Haus blieben; wenn alle Menschen, die positiv getestet worden sind, sich bis zum negativen Ergebnis in Quarantäne begäben; wenn Rückkehrer aus anderen Ländern oder Risikogebieten eine gewisse Quarantänezeit einhielten, hätten wir schon viel gewonnen, und ein Lockdown wäre nicht nötig.
          Um das aber zu erreichen, bedarf es unter anderem der Selbstdisziplin, der Rücksichtnahme und des Pflichtbewusstseins. Solche Verhaltensweisen und Einstellungen muss man im Kindesalter erlernen. Immer wieder kann/muss man beobachten, dass gerade diese nicht beherrscht werden. Und da drängt sich die Frage auf, ob nicht in der Erziehung in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig Wert auf diese jetzt vielleicht sogar lebensrettenden Umgangsformen, ob nicht zu viel Wert auf individuelle Selbstverwirklichung gelegt wurde.
          Die Konsequenz ist, dass alle, auch die vernünftigsten und einsichtigsten Mitmenschen unter den Folgen leiden müssen und tiefgreifende Einschnitte und Behinderungen hinnehmen, sogar darunter leiden müssen! Das sollte allen bewusst sein. Dr. Hannelore Kalwies, Hamburg

           

          Eine verbesserte App wäre eine große Hilfe

          Zum Artikel „Das Notwendige tun. Merkel und die Ministerpräsidenten einigen sich rasch auf harte Beschränkungen. Doch während des Fests bleibt manches möglich“ von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 14. Dezember): In der öffentlichen Diskussion über mögliche Anti-Corona-Maßnahmen kommt mir eines deutlich zu kurz: die mögliche weitere Entfaltung der Corona-WarnApp. Nach Auskunft von Wissenschaft und Politik konnte auch schon vor dem exponentiellen Wachstum der überwiegende Teil der Neuinfektionen nicht auf seinen Ursprung zurückgeführt werden. Die auf den Smartphones installierte App weiß allerdings genau, wo wir Kontakt zu einer coronapositiv getesteten Person hatten und wo wir uns daher mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit angesteckt haben.
          Würden diese Daten den Behörden in anonymer Form zur Verfügung gestellt, bedeutete dies einen nur minimalen Eingriff in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, aber dafür einen entscheidenden Informationszugewinn für die Behörden und die Politik. Es könnte nachvollzogen werden, wie gefährlich Alltagssituationen tatsächlich sind und welche Bereiche guten Gewissens nach Ende des allgemeinen Lockdowns wieder geöffnet werden können. Und auch eine zweite, gleichwohl eingriffsintensivere Maßnahme mit der App befürwortete ich oder wünschte mir zumindest eine breite öffentliche Diskussion darüber: Anstelle der Methode der Gesundheitsämter, mittels Bleistift, Fax und Telefon Infektionsketten zu durchbrechen, bei der leider viel kostbare Zeit für die Nachverfolgung von Kontakten verstreicht, könnten positive Testergebnisse vom Labor direkt in der App des Benutzers hochgeladen werden, an die Gesundheitsbehörden gemeldet und auch die in der kritischen Zeit begründeten Kontakte durch eine Mitteilung der App gewarnt werden. Damit wäre die Durchbrechung der Infektionsketten deutlich effektiver, und die Entfaltung der Möglichkeiten der Digitalisierung könnte uns vermutlich Freiheiten zurückgeben, die wir uns sehnlichst wünschen.
          Robert Pracht, Heidelberg

           

          Pandemie-Diskurs

          Zu dem Beitrag „Was will uns das Virus sagen?“ von Edo Reents in der F.A.Z. vom 10. Dezember: Endlich, endlich ein Artikel, der über die täglichen Probleme der Corona-Pandemie hinaus- geht und dem ich voll zustimme. Zu dem Satz „Könnte sich eine Politik . . . nicht etwas einfallen lassen?“ möchte ich anregen, darüber in den Medien zu diskutieren. Vielleicht hat ja die F.A.Z. dafür den Anfang gemacht! Barbara von Steinaecker, Laer

           

          Warum Englisch?

          Zum Beitrag im Feuilleton der F.A.Z. vom 19. Dezember „Reclam-Archiv nach Marbach“: Warum nur äußert sich Sandra Richter, die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, zur Übernahme des Archivs, der Manuskripte, Widmungsexemplare und Original-Zeichnungen sowie des Bildarchivs in teils englischer Sprache: „Kulturgeschichte at its best“?
          Da fällt mir nichts mehr ein! Christa Molitor-Naunheim, Koblenz

           

          Erinnerungen eines Wunderkindes

          Zum Beitrag „Gnadenlos bleibt die innere Stimme“ von Lorenz Jäger in der F.A.Z. vom 15. Dezember: Warum hat Susan Sontag den Besuch bei Thomas Mann vordatiert? Im Artikel „Pilgrimage“, der 1987 im „New Yorker“ erschien, schildert Susan Sontag sehr lebendig ihre Begegnung mit Thomas Mann in seinem Haus in Pacific Palisades. Ein Kommilitone hatte das Treffen dreist durch einen Telefonanruf bei den Manns eingefädelt. Der Besuch hat zweifellos stattgefunden. Thomas Mann erwähnt ihn, eher beiläufig, im Tagebucheintrag vom 29. Dezember 1949: „P.P. Donnerstag den 29. XII. 49 . . . Nachmittags Interview mit 3 Chicagoer Studenten über den ,Magic Mountain‘.“ Sontag studierte tatsächlich 1949 in Chicago, datiert den Besuch jedoch zwei Jahre zurück auf den Dezember 1947, als sie noch auf die High School ging. Mit Thomas Mann hat sie bei der Begegnung über den „Zauberberg“ gesprochen, den sie ganz sicher gelesen hatte. Im „New Yorker“ behauptet sie, Thomas Mann habe ihr auch vom Abschluss der Arbeit am „Doktor Faustus“ erzählt. Der Höhepunkt ihres Artikels ist, dass sie nach dem Gespräch mit dem Autor die frisch gedruckten Bücherstapel zehn Monate später im Laden sieht, ihrer Datierung folgend im Herbst 1948. Das Erscheinen des Romans in den Vereinigten Staaten war natürlich beim wirklichen Besuch, im Dezember 1949, schon Geschichte. Warum hat Sontag das Datum verändert?
          Der Germanistikprofessor Kai Sina geht in „Vielleicht war da auch gar kein Hund“ (F.A.Z. vom 12. August 2016) auf den Besuch ein, und er korrigiert das Datum, aufgrund Thomas Manns Tagebuch, kommentarlos von 1947 auf 1949 und Sontags Alter von 14 auf 16 Jahre. Im Gegensatz zu Kai Sina kann ich mir nicht vorstellen, dass sich Susan Sontag schlicht geirrt hat. Ich glaube vielmehr, sie hat ein wenig geflunkert: Mit Thomas Mann hat sie 1949 über den „Zauberberg“ gesprochen, aber nicht über „Doktor Faustus“. Sie fand es interessanter, wenn es so gewesen wäre, und hat die Begegnung deswegen vordatiert. Wollte sie sich nachträglich über den Jahrhundertroman als 14 Jahre altes, frühreifes Wunderkind stilisieren? Den dritten Studenten oder die dritte Studentin aus Chicago erwähnt sie übrigens gar nicht in ihrem Artikel, ein weiterer Hinweis auf die künstlerische Freiheit in der Berichterstattung.
          Professor Dr. Matthias Bremer, Darmstadt

          Topmeldungen

          Corona-Teststation auf der Insel Ibiza

          Neues Corona-Medikament : Die Herbstzeitlose gibt Hoffnung

          In einer großen Covid-19-Studie soll der Pflanzenwirkstoff Colchicin überzeugt haben. Mit ihm wäre ein leicht verfügbares und preiswertes Mittel im Kampf gegen die schweren Krankheitsverläufe gefunden.
          Apple-Chef Tim Cook (links) und Facebook-Chef Mark Zuckerberg: Die beiden Konzerne liefern sich zurzeit einen Streit über die mögliche Nachverfolgung von Nutzern (Tracking).

          Gewinner der Corona-Krise : Starkes Wachstum bei Apple und Facebook

          Apple übertrifft dank neuer iPhones alle Erwartungen, am stärksten legte allerdings ein anderes Produkt zu. Auch Facebook beschleunigt sein Wachstum, spricht jedoch von „erheblicher Unsicherheit“. Und Mark Zuckerberg leistet sich Seitenhiebe auf Apple.
          Tesla-Chef Elon Musk

          Bilanz der Tech-Konzerne : Gemischtes Bild bei Tesla

          Zwar weist Tesla erstmals in seiner Geschichte einen Jahresgewinn aus, dennoch bleibt der Elektroautohersteller – anders als Apple und Facebook – hinter den Erwartungen zurück. Für das kommende Jahr hat der Konzern große Pläne.

          Vendée Globe : Herrmann kollidiert mit Fischerboot – Dalin als Erster im Ziel

          Bei der härtesten Segelregatta der Welt überfährt Charlie Dalin als Erster die Ziellinie. Und dennoch ist der Franzose wohl nicht Sieger der Vendée Globe. Boris Herrmann entgeht auf der Jagd nach dem Podium nur knapp einer Katastrophe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.