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: Leserbriefe vom 22. August 2020

  • Aktualisiert am

Fortsetzung der Familientradition: Frido Mann neben einem Porträt seines Großvaters Thomas Mann Bild: dpa

Thomas Mann und Adorno +++ Reformpapier der EKD +++ Klassisches Kino +++ Restaurantbewertungen

          5 Min.

          Thomas Manns Hommage an Adorno

          Mein herzlicher Dank geht an Ulla Hahn. Ihr Artikel „Bleib dir – ewig treu“ im Rahmen der „Begegnungen mit Beethoven“ (F.A.Z. vom 18. August) hat mir einen wunderbaren Vormittag geschenkt, den ich mit Thomas Mann, Adorno und natürlich Beethoven verbringen durfte. So beginnt Ulla Hahn: „Wiesengrund. Grüner Wiesengrund“, mit welchen Worten sie aus dem achten Kapitel von Thomas Manns „Doktor Faustus“ zitiert. Charmanterweise tut sie so, als wisse sie nicht, wie Thomas Mann hier auf „Wiesengrund“ kommen konnte, weil sie weiß, dass die FAZ sich auf ihre Leser verlassen kann, die das Nötige schon nachtragen werden. Adorno wurde am 11. September 1903 als Theodor Ludwig Wiesengrund geboren, ergänzte später den väterlichen Nachnamen um den Namen seiner Mutter und wählte im amerikanischen Exil als Autor dann den Namen Theodor W. Adorno. Über seine Zusammenarbeit mit Thomas Mann am „Doktor Faustus“ ist ja alles Wichtige bekannt. Das gilt aber nicht nur für den Leverkühn-Schönberg-Komplex, sondern auch für das Beethoven-Kapitel, und insofern ist Thomas Manns „Wiesengrund“ hier eine offenkundige Hommage an seinen Gesprächspartner in Sachen Musik. Der Artikel Ulla Hahns war für mich der willkommene Anlass, erst das „Doktor Faustus“-Kapitel nachzulesen, um dann auch Thomas Manns „Die Entstehung des Doktor Faustus“ in die Hand zu nehmen. Danach las ich erneut Adornos Essay über den „Spätstil Beethovens“ (Moments musicaux, 1964), blätterte in seinen Briefwechsel mit Thomas Mann hinein sowie in die kurze Studie „Zu einem Porträt Thomas Manns“ (Noten zur Literatur III), um schließlich die CD mit Alfred Brendels Aufnahme der Sonate c-moll, Op. 111 aufzulegen.

          Thomas Mann ließ Hanno Buddenbrook einen Doppelstrich unter die Familienchronik setzen: „Ich dachte, es käme nichts mehr.“ Wer Adorno zu Opus 111 liest, könnte verleitet sein, Ähnliches über Beethoven zu denken. Aber da kam ja noch einiges: Erinnert sei unter anderem nur an die „Diabelli-Variationen“ (op. 120), die späten Streichquartette oder natürlich die Neunte Symphonie d-moll (op. 125). Dr. Peter Christian Giese, Berlin

           

          Ohne sorgfältige Analyse des Ist-Zustands

          Zu „Z wie Zukunft oder Z wie Zement?“ von Reinhard Bingener zum aktuellen Reformpapier der evangelischen Kirche (F.A.Z. vom 11. August): Tatsächlich sprechen die elf Leitsätze des Papiers wesentliche Themenfelder an: von einer stärkeren Fokussierung der kirchlichen Kommunikation auf das Evangelium statt auf, zum Beispiel, gesellschaftspolitische Fragestellungen; von einer Verbesserung der glaubensbezogenen Sprachfähigkeit der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen bis zu einer durch Digitalisierung unterstützten stärkeren Synergiennutzung zwischen den Landeskirchen. Auch bei diesem Papier wird aber wieder deutlich, wie wenig ausgeprägt der tatsächliche Handlungsdruck in der evangelischen Kirche ist. Denn nur so sind viele der Aussagen zu verstehen beziehungsweise kann nachvollzogen werden, warum viele weitere Ansätze gar nicht thematisiert werden. Zu denken ist an die sehr moderate Zielsetzung von 15 Prozent Einsparpotential (Digitalisierung und Synergiennutzung) in den Verwaltungsbereichen der Landeskirchen – bei dann auch noch vorgesehener Nutzung der eingesparten Gelder für Innovationsprojekte. Oder an die offene Frage nach Beibehalt von 20 Landeskirchen oder etwa die zukünftige Rolle der Synoden, die im Zeitalter überbordender Daten und Informationen um ihre Stellung gegenüber den Hauptamtlichen ringen müss(t)en. Auch die Frage einer viel deutlicheren Koppelung mit der hochangesehenen Diakonie zur eigenen Stärkung und – ja – auch zur Missionierung könnte diskutiert werden. Fast alle angeschnittenen Themen verzichten – wie kirchenüblich – auf eine sorgfältige auch quantifizierte Analyse der Ist-Situation. Somit wird es auch nicht wirklich möglich sein, konkrete quantitative Zielvorgaben für die beschriebenen Leitsätze zu formulieren. Im Papier einzig benannte quantifizierte Ziele sind somit die oben angegebenen 15 Prozent Einsparpotential und vermutete Synergieneffekte im Bereich ökumenischer Seelsorge. Anspruchsvolle Veränderungsprozesse erfordern aber qualitativ und quantitativ nachvollziehbare – kontrollierbare – Ziele. Es ist zu befürchten, dass viele der – durchaus guten – Ansätze auch dieses Papiers nicht zu den aus Sicht des engagierten Kirchenmitglieds erforderlichen großen Veränderungen in der evangelischen Kirche führen werden. Dr. Peter Barrenstein, Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer, München

           

          Mehr Talg als Talk

          Zu „Nicht jedes scharfe Bild ist ein gutes Bild“ von Axel Block (F.A.Z. vom 18. August): Endlich sagt’s mal jemand deutsch und deutlich: Schärfe ist nicht alles! Tut das gut! Gerade letzthin sagte ich einem Kollegen, sein Film sei zu scharf, die Schärfe mache das Thema kaputt, da verdrehte er nur die Augen und hielt mich wohl für verrückt. Schön, dass sich die F.A.Z. jetzt um das Thema kümmert. Auch wenn das Kino grad den Bach runtergeht, wie Dietmar Dath das letzthin beschrieb („Ist das jetzt der Abspann?“, F.A.Z. vom 13. August). Und wenn es jetzt auf die Smartphones schrumpft, vermisse ich die Bildgestaltung des klassischen Kinos erst recht. Mit großer Nostalgie denke ich an die poetisch-pastelligen, unscharfen Ränder der großen Technicolorfilme wie „Duel in the Sun“, „Lawrence of Arabia“, „Il Gattopardo“ und so weiter oder auch der mittelgroßen Kunstfilme wie zum Beispiel Gianni di Venanzo wunderbare „Notte“ für Antonioni. Ab und zu gibt es solche Leckerbissen noch zu sehen, an Festivals wie Berlin oder Locarno auf der Piazza auf Großleinwänden, wo das Filmmaterial mittels Filmprojektoren vorgeführt wird, reine Malerei, echte „bewegte Bilder“, wenn nicht auch noch Covid diesen Filmen den Garaus macht. Und jetzt gibt’s „HD“ und bald noch mehr: HD das heißt Hoch-Dermatologisch! Die deutschen Talkshows sind jetzt ein Fressen für Hautärzte, unverschämt, wie Anne Will ihre Kameraleute auf die Talgdrüsen ihrer Gäste zoomen lässt, es ist oft mehr Talg als Talk. Meinerseits hatte ich Glück, dass ich Anno Domini mit Pushen von sensiblen Filmmaterial eine neue Dichte oder Dichtung erreichte, zum Beispiel mit Fujicolor Reversal 400 auf 800 Asa bei „E nachtlang Füürland“ und bei 4X Eastman bis auf 3200 Asa, bei „Geschichte der Nacht“. Da kam ich aber beim großen Förderer dieses Films, Ulrich Gregor vom Forum Berlin, bei der späteren Digitalisierung des Films an den Falschen: Als ich ihm stolz die neue DVD zeigte, da meinte er nur „Atmet der Film noch?“ – und ich war geschlagen, die harten eckigen Pixel hatten das sanfte amorphe Korn versteinert. Jetzt schlägt Axel Block als Ersatz für poetische Weichheit und Unschärfe Vaseline für die Kameralinsen vor! Am besten jedoch wär’s, wenn die Zuschauer ihr Smartphone oder Bildschirm gleich selber zuschmierten, für eine neue weiche, poetische Sicht der Dinge! Vielleicht hilft’s, Vorwärts, Auguri! Clemens Klopfenstein, Maler und Filmer, Bevagna, Umbrien

           

          Groteske Restaurantbewertungen

          Zu „Tyrannei des Schwarms“ von Jakob Strobel y Serra (F.A.Z. vom 8. August): Ihr Restaurantkritiker hat eine sehr treffende Kritik der Bewertung und Klassifizierung von Restaurants durch die Gäste in den Reiseportalen geschrieben. Die aufgeführten Beispiele der Bewertung von Frankfurter Restaurants sind grotesk. Auch seine Mahnung am Ende seines Artikels, wie klein der Schritt von der Meinungsfreiheit zum Meinungsmonopol ist, ist äußerst beherzigenswert. Wie der Autor am Ende seines Artikels andeutet, geht diese Erkenntnis weit über den Bereich der Gastronomie hinaus. Sie führt in der Konsequenz zu sehr differenzierter und auch skeptischer Beurteilung der Stärken und Schwächen sowie der Grenzen der Demokratie. Tatsächlich lassen sich weder die Wahrheit (auf welchem Gebiet auch immer) noch guter Geschmack, etwa auch in der Kunst, durch Mehrheitsentscheidung finden oder feststellen. Darum ist es gut, dass wir nicht in einer plebiszitären, sondern in einer repräsentativen Demokratie leben. Referenden würden wegen der Komplexität der meisten zur Entscheidung stehenden Fragen das Urteilsvermögen der großen Mehrheit des Volkes weit übersteigen. Man denke nur einmal an so etwas wie das Corona-Wiederaufbau-Paket der EU. Glücklicherweise hat die Erfahrung mit den meisten Demokratien gezeigt, dass das Volk einen guten Instinkt für die Qualifikation und Ernsthaftigkeit ihrer Repräsentanten hat, auch und gerade, wenn diese Entscheidungen treffen, die weit über den Horizont der Wähler hinausgehen. Irrtümer werden meist in der nächsten Wahl korrigiert. Hoffentlich bestätigt sich das auch bei der amerikanischen Präsidentenwahl im November. Rainer Wolff, München

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