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: Leserbriefe vom 20. Januar 2022

  • Aktualisiert am

Kriegsgefahr in Osteuropa: Ein russischer Panzer bei einer Militärübung in der Nähe von Rostow. Bild: dpa

Johannes Varwick +++ europäische Sicherheitsarchitektur +++ Glaubwürdigkeitsprüfung der Grünen +++ Susanna Margaretha Brandt +++ 400. Geburtstag von Molière +++ Leserbriefe

          5 Min.

          Nicht die NATO hat den Frieden zerstört

          Zu „Der Westen muss Russland eine Brücke bauen“ von Johannes Varwick (F.A.Z. vom 17. Januar): Zu diesem Beitrag kann ich nicht schweigen. Ich verstehe Professor Varwicks Bemühen um Dialog durchaus, deshalb habe ich auch den von ihm initiierten Aufruf vom 5. Dezember nach Einbringen von Forderungen auch an Russland mitunterzeichnet. Ich meine aber, dass er nun in seiner Bereitschaft, Russland entgegenzukommen und vom Westen den Bau einer Brücke zu verlangen, zu weit geht.
          Er scheint zu vergessen, wer in Europa den Frieden gestört hat. Es sind nicht der Westen und nicht die NATO, die völkerrechtlich bindende Verträge gebrochen, die die auf den vertraglichen Vereinbarungen von Helsinki über Paris bis Budapest beruhende Friedensordnung gestört haben. Es ist auch nicht der Westen, der seit 2008 mehrmals mit Gewalt anerkannte Grenzen in Europa verschoben hat. Und es ist schon gar nicht der Westen, der Bedrohungen offensiv zum Ausdruck bringt, durch Truppenaufmärsche, Stationierungen von weitreichenden Waffen und wirklich große Manöver, bei denen Atomwaffeneinsätze westlich von Russlands Grenzen geübt wurden. Die NATO bedroht Russland in keiner Weise und hat mehrfach deutlich gemacht, dass sie ihre Waffen nur in Abwehr eines Angriffs verwenden wird. Es kann deshalb nicht der Westen sein, der nach dem unannehmbaren Verhalten der russischen Diplomaten in der vergangenen Woche in Genf, Brüssel und Berlin Nachgiebigkeit zeigt. Russland hat dort verlangt, dass sein Vertrag nur als Ganzes und nicht als Menü zu sehen ist. Das ist ein unannehmbares Diktat, denn dieser Vertragsentwurf ist nichts anderes ist als die Rückkehr zu Jalta und zur Zementierung einer erneuten Teilung Europas.

          Russland muss deshalb den ersten Schritt tun, das Verhandlungsangebot der NATO annehmen und seinen Vertragsentwurf zurückzunehmen. Beharrt es auf diesem Entwurf, dann bedeutet das, dass Russland nicht bereit ist zu verhandeln, sondern nur einen Vorwand sucht, erneut mit Gewalt zu handeln. Des Weiteren sollte Russland sich vor Augen führen, was es bislang erreicht hat. Es hat eine in der NATO in den vergangenen Jahren selten gesehene Einmütigkeit von 30 Nationen bewirkt, und, nachteiliger für Russland noch, es hat in der Ukraine durch Gewalt und Druck eine ukrainische Identität geschaffen ist, die nicht mit Russland unter einem Dach leben will. Wenn Russland also wirklich Frieden will, dann muss es anfangen, für den notwendigen Brückenbau zwischen Russland und dem Westen das Fundament zu legen, und seinen abenteuerlichen Vertragsentwurf zurücknehmen.
          Viele Menschen im Westen, ich habe mich dazu auch immer gezählt, wollen zwar Sicherheit vor Russland, aber nicht gegen Russland, sondern mit Russland als Partner. Partner aber verhandeln nicht miteinander, wenn einer der beiden, in diesem Falle Russland, mit gezogener Waffe eine Unterschrift erzwingen will. Dr. h. c. Klaus Naumann, General a.d., Otterfing

           

          Friedensbewegung

          Dank an die F.A.Z. und besonders an Professor Johannes Varwick für seinen Beitrag in der F.A.Z. vom 17. Januar. Seine Analyse der gefährlichen Ukrainekrise und seine dringende Empfehlung zu sofortigen Verhandlungen unter Berücksichtigung der Empathie beider Seiten und zu einer hochrangigen Konferenz mit dem Ziel einer Revitalisierung der europäischen Sicherheitsarchitektur, bei der die Befürchtungen und Erwartungen sowohl der Ukraine als auch Russlands gleichgewichtig berücksichtigt werden müssen, findet die Zustimmung und Unterstützung der internationalen Friedensbewegung und der Mehrheit der Deutschen. Das trifft besonders für die Generation zu, die selber oder deren Eltern und Großeltern Zeitzeugen und Opfer vom letzten Weltkrieg waren. Professor Dr. med. Ulrich Gottstein, Gründungs- und Ehrenvorstandsmitglied der IPPNW, Kronberg

           

          Sankt Florian in Europa

          Zu „Auf dem Sonderweg“ von Jasper von Altenbockum in der F.A.Z. vom 11. Januar: Mit seiner Einschätzung, lediglich „eine offizielle Enthaltung wäre dann doch zu kleinmütig … (und) nur ein lautes Nein frischt die alte Linie der Grünen auf, dass sie nicht ruhen wollen, bis sich der deutsche Atomausstieg in ganz Europa und schließlich in der ganzen Welt durchgesetzt habe“, legt der Kommentator die Messlatte zur Glaubwürdigkeitsprüfung der Grünen doch recht tief.
          Echte Empörung über die der EU unterstellten Versuche, die Atomkraft „grün zu waschen“ und damit „Etikettenschwindel“ zu betreiben, könnte bei einer Partei, die neuerdings immerhin den Klima- und Wirtschaftsminister stellt, durchaus anders aussehen und weit über den Status von garantiert folgenlosen Gratis-Mut-Bekundungen hinausgehen. Dann aber müsste man den deutschen Energie-Sonderweg frei von Kernkraft und Kohle zumindest innenpolitisch konsequent weitergehen wollen. Und man könnte dafür zum Beispiel das gerade erst im vergangenen Juni verabschiedete Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), mit dem stark vereinfacht die Risiken von Menschenrechtsverletzungen und Schädigungen der Umwelt entlang globaler Lieferketten identifiziert, vermieden oder minimiert werden sollen, um die Aspekte des internationalen Stromhandels ergänzen.
          Für die hiesige Energiewirtschaft bedeutete dann der dem LkSG zugrunde liegende moralische Vorbild-Anspruch, bei zunehmender Stromknappheit im deutschen Verbundnetz ab Jahresende keinen Reservestrom mehr aus „Kernkraft-Ländern“ wie etwa Frankreich zu importieren. Und ab 2030, dem letzten Jahr der nationalen Kohleverbrennung, wären zudem jegliche Ersatzstromlieferungen von „Kohlekraft-Nationen“ wie beispielsweise Polen unzulässig. Das alles wäre echtes, vorbildliches „Haltung zeigen“, und der Rest der Welt könnte sich staunend die Augen reiben.
          Wenn es aber ab dem 1. Januar 2023 womöglich anders käme und Nachbarländer in wind- und sonnenarmen Zeiten mit Strom aus hierzulande politisch inakzeptablen Kraftwerken weiterhin aushelfen müssten, wäre auch das dann wohl ein klarer Etikettenschwindel und vielleicht sogar mehr: eine besonders perfide Ausprägung des Sankt-Florian-Prinzips unter europäischen Freunden. Dr. Kai Hendrik Schlusche, Lörrach


          Auch ein Roman

          Ich freue mich sehr über die zahlreichen Beiträge in Ihrer Zeitung über die „Kindsmörderin“ Susanna Margaretha Brandt. Was ich jedoch in ihnen allen, einschließlich der Leserbriefe vom 13. Januar, vermisse, ist ein Hinweis auf den historischen Roman von Ruth Berger: „Gretchen – Ein Frankfurter Kriminalfall“ (2007). Darin wird die Geschichte Susannas in allen Einzelheiten erzählt und sehr eindrucksvoll das Leben in der Frankfurter Altstadt geschildert. Besonders verstörend sind die Beschreibungen der Untersuchungen der schwangeren Susanna, bei denen kein Arzt sie jemals berührt hatte. Im starken Kontrast dazu stehen die Lebensumstände Goethes und seines Freundeskreises, wozu auch der Anwalt Schaaf gehört, der sich Susannas Fall annimmt. Der Roman endet mit der detaillierten Schilderung der Hinrichtung (nichts für schwache Nerven) und ist sehr gut recherchiert. Ich hatte das Buch im Sommer gelesen und fand es sehr interessant. Und dann sah ich den Gedenkstein in Ihrer Zeitung! 
          Sonja Schüßler-Horschig, Nidderau

           

          Der große Molière

          Ihr Artikel „Vorzimmer des Verfalls. Der Bürger als Komödiendichter: Zum vierhundertsten Geburtstag von Molière“ (F.A.Z. vom 14. Januar) von Simon Strauss: Als Mitglied unserer Akademie wollte ich Ihnen unbedingt sagen, dass ich Ihren Beitrag zu Molière (zufällig im Zug von Paris nach München) mit dem größten Genuss gelesen habe. Schon lange nicht mehr hat das Feuilleton der F.A.Z. einen derart geistreichen und intellektuell sprühenden Artikel veröffentlicht. Hier mischt sich auf geradezu geniale Weise das zu diesem Anlass gebotene Historische mit Funken aus unserer politischen Gegenwart. Ihre Kunst der ironischen Verflechtung ist schlichtweg begeisternd, und der unterschwellige Humor, den Sie in Ihre Zeilen mischen, bringt den Leser unwillkürlich zum Schmunzeln, ja nicht selten zum lauten Lachen. Pointierter und zugleich diskreter hätte man sich eine Hommage an den großen Molière nicht wünschen können! Michael Semff, München

           

          Wegen der Briefe

          Schon wegen der Leserbriefe ist die F.A.Z. Pflichtlektüre und Vergnügen – allein in dieser Woche der von Cornelia Kaminski (F.A.Z. vom 12. Januar) und Professor Jürgen Schläger (F.A.Z. vom 15. Januar)!. Da kann ich sogar verschmerzen, dass mein Leserbrief vom 4. Januar zum Datenschutz nicht gedruckt wurde. Professor Peter-Christian Kunkel, Offenburg

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