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: Leserbriefe vom 2. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Christian Lüth, damals Pressesprecher der AfD und der AfD-Bundestagsfraktion, im März 2018 in Berlin Bild: dpa

AfD-Fraktionssprecher Lüth +++ Ruth Bader Ginsburg +++ digitales Semester +++ Fotografiensammlung +++ Deutsche Energiepolitik +++ Redundanz in der Gasversorgung

          7 Min.

          Gauland sollte Höcke lesen

          Zum Beitrag „,Erschießen‘ oder ,Vergasen‘“ (F.A.Z. vom 29.September): Wenn Alexander Gauland (AfD) meint, die Äußerungen des über Jahre als Fraktionssprecher arbeitenden AfD-Manns Lüth seien „in keiner Weise mit den Zielen und der Politik der AfD“ vereinbar, so sollte Gauland im Interviewband mit Björn Höcke („Nie zweimal in denselben Fluss“) nachlesen.
          Etwas moderater formuliert fordert dieser ebenfalls die Vernichtung von Menschen. So spricht Höcke darüber, dass wir „auch leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung ... zu widersetzen“ (S. 257). Mit Bezug auf den Philosophen Peter Sloterdijk erwähnt Höcke die „wohltemperierte Grausamkeit“, um die „man nicht herumkommen wird“, wenn das „großangelegte Remigrationsprojekt“ der AfD Wirklichkeit werden sollte (S. 254).
          „Vergasen“ und „Erschießen“ als Forderungen sind nichts anderes als die konkrete Umsetzung des von Höcke propagierten Vernichtungsprogramms für alle Menschen, die der AfD nicht in den völkisch-nationalistischen Kram passen. Professor Dr. Klaus Weber, Neuried

          Ein dunkler Fleck auf der weißen Weste

          Leserin Ira Bartsch („Ginsburg war Idol und Vorbild“ in der F.A.Z. vom 23. September) schildert Ruth Bader Ginsburg mit begeisterten Worten als „großartige Persönlichkeit“, als „Gigantin“, „Autorität“, als „Referenzgröße, wenn es um die humane (...) Umsetzung von Erkenntnis und Gerechtigkeit geht“.
          Ich will dem nicht widersprechen, kann es auch nicht, da ich die Lebensleistung von Ruth Bader Ginsburg zu wenig kenne. Aber einen dunklen Fleck hat die zweifellos bedeutende Frau auf ihrer weißen Weste: Sie war für Legalisierung der Abtreibung! Das Recht auf Abtreibung wollte sie allerdings nicht (wie Roe v. Wade) damit begründen, dass das Verbot „a woman’s privacy (Eigenleben)“ verletze, sondern so: Ohne das Recht auf Abtreibung sei keine „gender equality (Geschlechtergleichheit)“ möglich.
          Nun erschließt sich mir beim besten Willen nicht, warum man, wenn man „gender equality“ durchsetzen will, das Recht auf Abtreibung fordern muss. Ich sehe da keinen zwingenden logischen Gedankenweg. Aus der Tatsache, dass das ungeborene Kind nun einmal im Körper der Frau heranwächst und nicht im Körper des Mannes, darf ich doch nicht schlussfolgern, dass die Frau (damit sie nur ja in jeder Hinsicht dem Mann gleichgestellt ist) das Recht haben muss, dieses Kind durch Tötung aus ihrem Körper entfernen zu lassen. Immerhin handelt es sich beim Embryo und beim Fötus um ein menschliches Individuum. Dieses menschliche Individuum mit allen seinen Anlagen entsteht nicht plötzlich wie durch ein Wunder bei der Geburt, auch nicht plötzlich wie durch ein Wunder nach Ablauf der 12. Woche, sondern schon lange vorher. Eigentlich sollte man daraus den Schluss ziehen, dass das Recht des ungeborenen Kindes auf Leben über dem Recht auf „Selbstbestimmung“ steht.
          Aber die „gender equality“? Aus ihr ergibt sich nicht die seltsame und unlogische Forderung, ungeborene Kinder rechtmäßig töten zu dürfen, aus ihr ergäbe sich vielmehr eine logisch zwingende andere Forderung: Da beide, Mann und Frau, Vater und Mutter, in gleicher Weise für die Entstehung des Kindes verantwortlich sind, müssen beide dieser Verantwortung gerecht werden. Der Mann muss seinen Teil übernehmen, darf die schwangere Frau nicht im Stich lassen, muss später zusammen mit der Mutter für das Kind sorgen.
          Das Recht auf Abtreibung schafft nicht Gleichheit zwischen den Geschlechtern, sondern in vielen Fällen sogar schreiende Ungleichheit: Die Frau ist vielleicht ihr ganzes Leben lang belastet durch den Eingriff, und der Mann? Er darf sich drücken, darf sich heraushalten, muss keine Verantwortung übernehmen, obwohl er das Kind gezeugt hat. Eine Gesetzgebung, die so etwas ermöglicht, ist weder human noch gerecht. Wolfgang Illauer, Neusäß-Westheim



          Die Hochschulen schaffen sich selbst ab

          Zu „Analog ist besser“ von Thomas Thiel (F.A.Z. vom 23. September): Wer an einer deutschen Hochschule oder Universität immatrikuliert ist, darf sich auf ein weiteres vorwiegend digitales Semester einstellen. In der Praxis bedeutet das, täglich acht bis zehn Stunden im kleinen Studentenzimmer in der WG auf den Bildschirm zu starren. Spaß macht das nicht, zumal das digitale Studium in erster Linie in Einzelarbeit stattfindet und Lerngruppen allerhöchstens mal über eine der zahlreichen digitalen Plattformen wie Zoom oder Skype zusammenkommen.
          Es ist paradox, dass in einer reichen, fortschrittlichen Industrienation Kneipen und Modeketten noch vor den Universitäten wieder öffnen. Man sollte meinen, dass Universitäten, in ihren Funktionen als Lehr- und Begegnungsstätten gerade nach der Corona-Krise zu den ersten Einrichtungen des öffentlichen Lebens zählen sollten, die ihren Betrieb wiederaufnehmen.
          Doch das scheint fern. Die Technische Universität Berlin verkündet auf ihrer Internetseite, dass Vorlesungen im kommenden Wintersemester ausschließlich digital stattfinden werden. Streift man an sonnigen Wochenenden über den Berliner Ku’damm oder die Friedrichstraße, macht sich schnell der Eindruck breit, die Corona-Krise wäre nie gewesen. Es ist wichtig, dass sich Studierende nun auch wieder in die Universitäten begeben können, um dort an Vorlesungen und Seminaren teilzuhaben. Das Zauberwort dieser Tage lautet „Hygienekonzept“. Es ist der Schlüssel, um nicht nur kleine Einzelhandelsläden zu öffnen, sondern auch Großveranstaltungen wieder möglich zu machen. In Berlin liegt die Obergrenze der Teilnehmerzahl aktuell bei 750 Personen. Eine derartige Teilnehmerzahl erreichen Vorlesungen in Universitätssälen eher selten.

          Natürlich möchte niemand einen gefürchteten Super-Spreader im Hörsaal haben. Und wenn es im Herbst vermehrt zu Grippe oder Erkältungen kommt, wie soll zwischen harmlosen Kränkeleien und Corona-Infektionen unterschieden werden. Aber soll das nun der Grund sein, das Campus-Leben auf ungewisse Zeit in die Cloud zu schicken? Den Hochschulen und ihren Dozenten droht ein ganz anderes Problem: Sie schaffen sich selbst ab. Im letzten Semester wurde fleißig digitalisiert, ganze Lernveranstaltungen wurden umgekrempelt und den Schülern in Videoformaten zur Verfügung gestellt. Diese sind mitunter sehr hochwertig, doch was bleibt im nächsten Semester zu tun? Was tut ein Dozent, wenn er sein gesamtes Lehrprogramm auf Video aufgezeichnet hat, wenn er seine Vorlesungen nicht mehr hält und nur noch ein paar Tutoren beschäftigt, die Fragen der Studenten beantworten? Die durchdigitalisierte Universität unterscheidet sich momentan kaum von einer Fernuniversität. Mathe wird bereits jetzt in umfangreichen Maßen von Youtubern wie Daniel Jung gelehrt. Software-Kurse gibt es auf Udemy. Wenn Universitäten nicht gänzlich an Bedeutung verlieren wollen, braucht es dringend Formate, welche die Anwesenheit der Studenten erfordern, dafür reichen nicht nur ein paar Laborpraktika. Digitale Vorlesungen sind eine nützliche Verbesserung der Lehrformate, gehen aber nicht weg vom „betreuten Vorlesen“, sondern machen vor allem deutlich, dass es für das betreute Vorlesen in heutiger Zeit keiner Universität mehr bedarf.
          Ein erster Schritt wäre, die Universitäten wieder zu öffnen. Der Beginn des Studiums bedeutet der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Dies wird vor allem durch eine vollumfängliche Präsenzlehre ermöglicht, an der alle Studenten teilhaben können. Hannes Zörner, Berlin

           

          Nerv getroffen

          Zu „Die Schau der Werte“ von Kolja Reichert in der F.A.Z. vom 19. September: Eine ungestüme Leserreaktion hat am 26. September Kolja Reicherts mutigen Artikel „Die Schau der Werte“ begrüßt, ja geradezu gefeiert. Der Autor hat einen Nerv getroffen. Es wäre wünschenswert, die Korruption von Sprache, die das selbsternannte Expertentum im Kunstbetrieb charakterisiert, weiter zu untersuchen. Als freischaffender Künstler stehe ich oft machtlos vor jenen „gut schreibenden Analphabeten“ (Botho Strauss), die ihren Größenwahn ungezwungen ausleben. Ulysses Belz, Burgrain, Isen

           

          Der größte Fehler der Nachkriegszeit

          Zu dem Leserbrief „Nord Stream 2 wichtig für Deutschland“, von Max Dietrich Kley, Heidelberg (F.A.Z. vom 25. September): Herrn Kley ist für seinen in der Sache zu Nord Stream 2 sehr aufklärenden Leserbrief sehr zu danken. Er spricht mit tiefem, Verantwortung tragendem energiewirtschaftlichem Hintergrundwissen um die Energiebasis unserer Industrie. Dass sich mit dem Ausstiegsbeschluss aus der Kernenergie- und Kohlestromerzeugung ein dramatisches Defizit der Primärenergiebasis zur Gewährleistung einer sicheren Stromversorgung in Deutschland heute bereits klar erkennbar ergibt, kann wohl niemand fachlich bestreiten.
          Nach einem Vortrag von Professor Vahrenholt im House of Commons in London, bereits am 17. Januar 2017, kommentierte der ehemalige englische Schatzkanzler Lord Lawson den Vortrag von Professor Vahrenholt bei der „Global Warming Policy Foundation, GWPF Briefing 25“ mit den Worten: „Now we are a little bit calmed down, as we learned this evening that there are energy policies, which are even sillier than ours.“ Zu Deutsch: „Jetzt sind wir ein wenig beruhigt, so wir heute Abend gelernt haben, dass es Energiepolitik gibt, die sogar verrückter ist als unsere.“ Die Vernunft der Briten würde man gerne unserem verehrten Wirtschaftsminister Peter Altmaier wünschen, um das Jahrhundertprojekt „Energiewende“ auf eine realistische Schiene zu setzen.

          Ursächlich für den Fehler der deutschen Energiepolitik ist nicht eine Verspätung beim „Klimaschutz“, sondern der zu frühe Ausstieg aus der Kern- und Kohlestromerzeugung und nun auch noch das Dilemma mit der zu 70 Prozent fertiggestellten Nord-Stream-2- Erdgasleitung. Ein Wettbewerb mit einem von Wirtschaftsminister Altmaier ins Gespräch gebrachten LNG (Verflüssigtes Erdgas-)Terminal zur Anlandung von amerikanischen Erdgasangeboten ist angesichts der Kosten- und Akzeptanzfragen solcher Mammutprojekte wohl eher unrealistisch. Zu unsicher sind bislang die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen derartiger Projekte gewaltigen Ausmaßes und Sicherheitsvorkehrungen, von denen man sich bei einem Besuch in Marseille schon ab 30 Kilometer Annäherung überzeugen kann.
          Die betriebswirtschaftlich vorzeitige Stilllegung der bedarfsgerecht und weit kostengünstiger als die mit über 23 Milliarden Euro jährlich zu Lasten aller Stromverbraucher EEG-gestützten Solar- und Windanlagen Strom produzierenden Kern- und Kohlekraftwerke war und ist der größte Fehler in der deutschen Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit.
          Die Aussichten, dass die Energiewirtschaftler in Deutschland, ebenso wie die in der übrigen Welt ohnehin, die triviale Einsicht der Tatsache, dass die bedarfsgerechte CO2-freie Stromerzeugung auf kerntechnischer Basis der nur fluktuierend verfügbaren CO2-freien Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie im weltweiten Wettbewerb deutlich überlegen ist, wird mit der normativen Kraft der Fakten hoffentlich nach der Corona-Krise unserem Wirtschaftsminister den derzeitigen Irrweg erkennbar machen, bevor unser Land in die energietechnische und energiewirtschaftliche Bedeutungslosigkeit versinkt.
          Professor Dr. Helmut Alt, Aachen


          Redundanzen

          Zu den Berichten über Nord Stream 2 als Redundanz in der Gasversorgung (zuletzt „Nord Stream 2 nicht von existentieller Bedeutung“, F.A.Z. vom 5. September): In der Sicherheitstechnik ist es gebräuchlich und bewährte Praxis, wichtige Systeme mit gleichwertigen Redundanzen auszustatten. Energieversorgungssysteme sind wichtig. Deshalb ist es meines Erachtens im Falle Nord Stream 2 gerechtfertigt, diese Installation auch unter diesem Gesichtspunkt zu bewerten. Die Entscheidung, ob jemals tatsächlich durch diese Leitung Erdgas strömen wird, ist doch abhängig von der zu erteilenden Betriebserlaubnis, das heißt, ob das Öffnen der Ventile/Armaturen am Ende der Leitung auf deutschem Zuständigkeitsgebiet in Mecklenburg-Vorpommern gestattet wird oder nicht. Deshalb sollte man die Leitung unaufgeregt zu Ende bauen, jedoch die Ventile am Ende der Leitung unter Kontrolle behalten. Auch die Putins/Lukaschenkas kommen und gehen. Energieversorgung muss längerfristig sichergestellt werden und braucht Redundanzen!
          Reinhard Seepolt, Hamburg

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