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: Leserbriefe vom 19. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

Der Memoirenautor im Wahlkampf für seinen ehemaligen Vize Joe Biden im Oktober. Bild: Reuters

Barack Obamas Memoiren +++ harter Lockdown +++ Wortschöpfungen +++ Frage der Herkunft +++ Jutta Lampe +++ Donald Trump +++ Missbrauch +++ Sprachgestammel

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          Da ist sehr viel Selbstoffenbarung

          In der Rezension der Memoiren Barack Obamas von Professor Stephan Bierling (F.A.Z. vom 24. November) irritiert der Satz: „Über Obamas innerste Antriebskräfte erfährt der Leser wenig, eine echte Selbstoffenbarung, die große Memoiren auszeichnet, bietet er selten.“ Meiner Meinung erfährt der Leser gerade darüber sehr viel, eigentlich auf jeder Seite. Er beschreibt sich selbst als schüchtern; er denkt stark reflektierend (Seite 6) über sich selbst und andere nach. Er hinterfragt sich ständig. Er zeigt sich als feinfühlend, und immer wieder drückt er das Bedürfnis aus, an sich selbst zu arbeiten, um dann – und das ist die ihn treibende Kraft – sich einzubringen für Amerika.
          Er will alle Amerikaner anfeuern, um an den Idealen Amerikas festzuhalten und zu arbeiten, und so dem „Promised Land“ näherzukommen. Er möchte kein Held sein, aber er möchte die kleinen stillen Helden mitreißen, damit es allen in der Zukunft besser- geht. „All they (the quiet heroes) try to do is just the right thing. That’s what we’re fighting for.“ Obama zeigt menschliche Nähe, scheut sich nicht, seine Emotionen zu beschreiben. Wenn er Konflikte zu lösen hat, versucht er, die andere Seite zu verstehen. Er beobachtet genau. Er tritt den Menschen mit Respekt gegenüber und erkennt Stärken und Schwächen, ohne zu verurteilen. Er vertraut seinen Mitarbeitern, weiß ihre Arbeit zu schätzen. Er schätzt Humor und Sport. Er gibt alles und bereitet sich akribisch vor, wenn seine (und Michelles) Entscheidung gefallen ist; riskiert nur, wenn die Chancen gut sind. Er zieht Bilanz. Das ist doch alles Selbstoffenbarung – sehr persönlich, geradezu intim. Ernestine Buerstedde, Bonn

           

          Länder ließen die Kanzlerin im Stich

          Zu „Mehrere Bundesländer für harten Lockdown“ (F.A.Z. vom 11. Dezember): Wie jede Krise, so legt auch die Corona-Krise Schwächen offen. Es sind die Schwächen unseres föderalen Systems. Das zögerliche und halbherzige Reagieren der Länderchefs lässt den Föderalismus als ein Schönwetter-Verfassungsprinzip erscheinen, das keine rechtzeitige effektive Eindämmung der Pandemie möglich machte.
          Es war beschämend zu sehen, wie vor Wochen die große Mehrheit der Ministerpräsidenten die konsequentes Handeln fordernde Kanzlerin im Stich ließen. Heute weiß man, dass ein gemeinsames, entschlossenes Vorgehen der Länder mit hoher Wahrscheinlichkeit viele Menschenleben vor allem in den Pflegeeinrichtungen gerettet hätte. Dieses kleinstaatliche, unsolidarische Denken und Handeln gefährdet in Notlagen unsere Gesellschaft.
          In der Aufarbeitung der staatlichen Defizite in der Corona-Krise wird auch über die Übertragung von Kompetenzen von den Ländern auf den Bund in Fällen von existentiellen Notlagen diskutiert werden müssen. Sonst wird die Akzeptanz der Bevölkerung für diese föderale Struktur abnehmen.
          Besonders eklatant war das Versagen der Länder in ihrem originären Zuständigkeitsbereich, in der Schulpolitik. Obwohl seit der ersten Infektionswelle genügend Zeit zur Verfügung stand, fehlt es jetzt in der zweiten Welle gravierend an der digitalen, personellen und Sachmittel-Ausstattung in den meisten Schulen. Die Schulen wurden über weite Strecken alleingelassen, und den Schulleitern wurden Entscheidungen aufgebürdet, die die Kultusminister rechtzeitig hätten treffen müssen.
          Das bisher – in guten Zeiten – bewährte föderale System muss in Zukunft vor einem solchen Offenbarungseid geschützt werden. Dr. Norbert Nothhelfer, Freiburg im Breisgau



          Wortschöpfungen im Diskurs

          Der Feuilletonartikel „Unser Wortschutz“ von Olga Martynova in der F.A.Z. vom 1. Dezember bahnt der schönen Idee einen Weg, unserer Sprache und ihren Wörtern einen fürsorglichen Schutzpatron an die Seite zu stellen. Ein wunderbar anmutender Gedanke, insbesondere für alle die, für die Worte mit einem Gefühl von Schönheit verbunden sind. Jedem Wort sein umsorgtes Schatzkästchen. Gleichwohl sind unsere Worte und die Sprache insgesamt echte Arbeitstiere, die sich täglich bewähren müssen, und es steht zu befürchten, dass dergestalt konservierte Wörter in kurzer Zeit veröden und in unserem Alltagsleben an Bedeutung verlieren würden.
          Um in unserem sprachlichen Zusammenleben gegenwärtig zu bleiben und Verwendung zu finden, muss sich ein Wort und die mit ihm verbunden Sinninterpretation eben auch im Sturm des Zeitgeistes tagtäglich neu bewähren, mühen und anpassen können. Schönheit allein reicht hierzu wohl nicht. Die Lebendigkeit einer Sprache und ihrer Wortschöpfungen wird daher sicher auch in dem Maße befördert, in dem sie Gegenstand eines gemeinschaftlichen Diskurses ist. Einem Diskurs zu ebenjenen intuitiven Bedeutungsinhalten, die für das Verständnis zwischen den Sprechenden selbst so unabdingbar sind.
          Wenn dies richtig ist, wirkt die Einführung von unaussprechbaren Ergänzungszeichen wie etwa eines Sexus-Sterns („*“) rein wie eine technische Sprach-Regelsteuerung, die zwar eine unmittelbare und nachweisbare Wirkung erzeugt, allerdings um den Preis, dass unser tägliches Abarbeiten und Konsolidieren zu einem allgemeinen Verständnis zur bestehenden Sprache unterbleiben kann. So sicher ein Tresor oder finster ein Kerker für ein Wort wohl auch werden kann, am Ende ist es nur eine Zeichenkette und wirklich von Bedeutung für die gesellschaftliche Akzeptanz ist das gemeinsam geteilte Deutungsverständnis.
          Tobias Duchscherer, Karben-Petterweil


          Auch die Antwort darf kein Tabu sein

          Mit Interesse habe ich den Beitrag von Gerhard Kurz „Wer bist du? Woher kommst du? Was machst du?“ (F.A.Z. vom 30. November) über die Kritik an der Frage „Woher kommst du?“ gelesen. Als Jurist habe ich gelernt, dass Willenserklärungen und sonstige Äußerungen nach dem objektiven Empfängerhorizont auszulegen sind. Es kommt nicht primär darauf an, was der Erklärende sich bei seiner Aussage gedacht hat. Es kommt auf die objektivierte Sicht des Empfängers an. Die vom Verfasser zitierte Antwort der Gefragten „Da durch die Tür“ mag provokant klingen. Vermutlich ist die Antwort auch nicht in jedem Fall angemessen. Sie lässt aber den Frust der Gefragten erahnen und die verbitterte Ironie einer in diesem Land beheimateten und sozialisierten Person erkennen, die der gleichlautenden Herkunftsfrage und der mit ihr häufig einhergehenden unterschwelligen Zuschreibung des Andersseins überdrüssig ist. Zu diesen Menschen zähle auch ich mich.
          Ich will nicht verkennen, dass die Frage nach der Herkunft auch „neugierig, an der Person und ihrer Geschichte interessiert, menschenfreundlich gemeint“ sein kann. Leider ist dies nicht immer Fall. Dann bleibt dem Gefragten oft nicht mehr übrig, als den Fragenden zu düpieren und in Verlegenheit zu bringen. Der Fragende sollte sich die Mühe machen, das Gespräch freundlich einzuleiten, und sein Interesse am Gegenüber anders bekunden (Wie fanden Sie eigentlich das Eintracht-Spiel? Waren Sie auch in der Beckmann-Ausstellung?). Ich spitze zu; das ist mir bewusst. Aber vielleicht gelingt es mir, dass der Verfasser und seine Leser auf die Frage nach der Herkunft nicht nur mit den Augen eines griechischen Odysseus blicken, sondern auch aus dem Blickwinkel des Sohns einer türkischen „Gastarbeiterfamilie“. Ohne die „Herkunftsfrage“ tabuisieren zu wollen, ist der Gefragte berechtigt, seinen Frust über die Frage zum Ausdruck zu bringen. Die Verbindung, die der Verfasser zu den Protagonisten aus der Literatur herstellt, erscheint sympathisch und farbenfroh. Gleichzeitig wirkt sie anachronistisch.
          Die Fiktion aus der Antike geht an der Wirklichkeit der Gegenwart vorbei. Sind Fragen nach der Herkunft ausgrenzend? In Romanen, Dramen und auf Theaterbühnen vielleicht nicht, auf Schulhöfen, in Bussen und auf Betriebsfeiern leider oft sehr wohl. Die Frage nach der Herkunft ist kein Tabu, die Antwort auf die Frage darf es auch nicht sein.
          Dr. Osman Sacarcelik, Offenbach


          Unvergessen

          Der Nachruf „Eine Königin wie von anderen Planeten“ (F.A.Z. vom 4. Dezember) ist eine großartige, herausragende Würdigung der Schauspielerin Jutta Lampe durch den unvergessenen Gerhard Stadelmaier. Lob und Anerkennung! Manfred Marschall, Wentorf

           

          Eine Tragödie

          Zu „Cousin Vinny und andere Tricks“ von Majid Sattar (F.A.Z. vom 21. November): Eine amerikanische Komödie? Ich habe den Eindruck, dass Politik, Medien und die Öffentlichkeit die politische Zeitbombe, die in den Vereinigten Staaten tickt, in ihrer Gefährlichkeit verkennen. Ich stütze mich auf die Tweets mit der größten Öffentlichkeitswirkung des (Noch-)Präsidenten Trump. Seine „Nachrichten“ und die vielen Zitate seiner Anhänger geben ein eindeutiges Bild ab. Schockierend ist die Behauptung, dass er die Wahlen gewonnen hat; das wäre immerhin möglich gewesen, wenn es das Missmanagement der Corona-Krise nicht gegeben hätte. Schockierend ist die Anklage des Präsidenten, dass die Demokratische Partei in ihrer Gesamtheit an einem „historisch einmaligen“ Wahlbetrug Schuld trage. Damit ist die politische Atmosphäre für die nächsten vier Jahre vergiftet. Die Mehrheitsverhältnisse im Senat machen eine Kooperation dringend notwendig. Trump wird nicht nachgeben und nichts zugestehen, solange er die Macht in der Republikanischen Partei faktisch behält. Man muss ihm zugestehen, dass er politisch hervorragend taktiert hat. Die Spaltung der Vereinigten Staaten wird sich politisch und institutionell vertiefen. Mit Widerwillen komme ich zu dem Schluss, dass es besser gewesen wäre, Trump hätte gewonnen; dann würde Amerika mit einer Stimme sprechen. Eine amerikanische Tragödie! Dr. Helmut Sihler, Pörtschach

           

          Eigene Ansprüche

          Karl Prinz zu Löwenstein fragt in seinem Leserbrief „Missbrauch ist kein katholisches Phänomen“ in der F.A.Z. vom 17. Dezember zur Berichterstattung über den Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen, warum „es keine auch nur annähernd vergleichbare Berichterstattung über Missbrauch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft gibt. Wo bleibt Vergleichbares aus der evangelischen Kirche, aus Sportvereinen, aus dem Berliner Senat, um nur ein paar Beispiele zu nennen.“ Nur die evangelischen Kirchen erheben einen annähernd so hohen moralischen Anspruch, und selbst diese geben ihren Mitgliedern nicht so weit gehende Regeln für deren Lebensführung vor wie die katholische Kirche.
          Vor allem, und das ist der wesentliche Unterschied zur katholischen Kirche, werden in allen anderen Lebensbereichen Führungsämter nur durch Wahl und nur auf Zeit vergeben. Fehlverhalten wird dann durch Abwahl oder durch mehr oder weniger freiwilligen Rücktritt sanktioniert. Nicht so in der katholischen Kirche. Hinzu kommt, dass die katholische Kirche eine eigene Jurisdiktion über ihre Funktionsträger beansprucht, sie also der staatlichen Justiz entzieht, die ansonsten in allen anderen Bereichen der Gesellschaft nach Bekanntwerden von Missbrauchsfällen von Amts wegen tätig wird.
          Daher ist es nichts als öffentliche Kontrolle durch die Bürger, wenn die Berichterstattung über den Umgang des Führungspersonals der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen breiteren Raum einnimmt als in Fällen, in denen die Justiz von sich aus tätig wird.
          Das mag Episkopat und Klerus nicht schmecken, aber es ist das gute Recht von Presse und Öffentlichkeit, sie an ihren eigen moralischen Ansprüchen zu messen.
          Thomas Krause, Sigmaringen



          Sprachgestammel

          Zu „Orwell lässt grüßen“ und „Das ZDF als Genderfunk“ (F.A.Z. vom 7. Dezember): Beide Leserbriefe hatte ich kopiert und in meinem Bekanntenkreis verteilt. Ich erhielt ausnahmslos voll zustimmende Reaktionen. Die „heute“-Nachrichtensendungen mit derartigem Stotter-Sprachgestammel kann man wirklich nicht mehr einschalten. Das hat mit „Weiterentwicklung der deutschen Sprache“ und „Spiegel der Zeit“, wie es das ZDF formuliert hat, absolut nichts zu tun. Wie soll ich das meinen Enkelkindern oder meinen ausländischen Gästen, die halbwegs gut Deutsch sprechen, erklären? Wenn die kleine, aber schulmeisterhaft agierende Minderheit, der die bisherige deutsche Sprache nicht mehr ins Weltbild passt, so weitermacht, stehen wir eventuell bald wieder vor einer Bücherverbrennung wie im Mai 1933. Man kann nur hoffen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Wo bleibt in dieser Sache die Politik, der Bundestag, die Kultusminister, die Germanistik-Professoren? Haben sie alle Angst vor dem angeblichen Mainstream?
          Was kann die überwältigende Mehrheit der Deutschen, Schweizer und Österreicher tun? Das Einzige, was uns bleibt, ist, die „heute“-Nachrichten des ZDF zu boykottieren. Wir tun es, und ich hoffe, viele Bürger und Bürgerinnen schließen sich uns an. Mit Nichtstun kann man leider nichts bewegen. Wilfried Niemeyer, Norderstedt

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