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: Leserbriefe vom 18. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán (links) und der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki (rechts) im September in Lublin Bild: AFP

Kohäsionspolitik +++ Mafia +++ Schauspielerin Edith Clever +++ Jesus Christus, ein Mensch? +++ König von Thailand +++ Zeitung +++ Corona-Krise

          7 Min.

          Wir wollen uns stärken, nicht alimentieren

          Zu Ihrem Kommentar in der F.A.Z. vom 10. Dezember, dass manche Mitgliedstaaten andere alimentieren, möchte ich manche Bemerkungen machen: Kohäsionspolitik ist seit 1986 EU-Politik. Mit der Vollendung des Binnenmarktes wollte man die Wirtschaftsentwicklung zwischen Peripherie und Zentrum ausgleichen. Ungarn war damals hinter dem Eisernen Vorhang.
          Der Großteil (70-80 Prozent) der Kohäsionsgelder fließt zurück zu den Nettozahlern. Die Kohäsionskurve zeigt, manche entfernen sich vom Durchschnitt, manche, wie Ungarn, nähern sich an. 2004 standen wir bei 60, 2019 bei 73,8 Prozent. Bis Ende dieses Jahrzehnts wollen wir zu den Nettozahlern gehören.
          Seit 2010 sank Ungarns Verschuldung von 80 auf 66 Prozent, die Arbeitslosigkeit von 11,3 Prozent auf 3,5 Prozent, die Beschäftigungsrate wuchs von 55 Prozent auf über 70 Prozent. 2019 war Ungarns Wachstumsrate die zweitgrößte in der EU. Wir bewiesen es, dass Haushaltsdisziplin und Strukturreformen parallel machbar sind. Das bestätigt die Wahrheit der Stellungnahme der Bundeskanzlerin im August 2019 in Sopron, dass Kohäsionsgelder in Ungarn zweckgemäß eingesetzt werden.

          Wir sagen mit der schwäbischen Hausfrau, erst muss man etwas erwirtschaften, bevor man es ausgibt. Man darf die eigene Zukunft nicht auf Kosten der nächsten Generation oder der Steuerzahler anderer planen. Ungarn musste 2008 als erstes EU-Land unter den Schutzschirm von IWF und EU. 2013 zahlten wir die Kredite voll zurück.
          Seit 2014 haben ausländische Unternehmen jährlich zirka sechs Milliarden Euro als Profit mitgenommen, was die Nettoeinnahmen Ungarns aus dem EU-Haushalt übertraf. Um nicht missverstanden zu werden: Wir freuen uns über wirtschaftliche Aktivitäten der Tausenden deutschen Unternehmen in Ungarn. Wegen sozialistischer Planwirtschaft gab es in Ungarn keine nationalen Champions, keinen Mittelstand, keine Familienunternehmen. Ohne diese Zusammenarbeit wäre unsere Konvergenz viel langsamer gewesen. Es geht um eine „Win-win“-Situation. Unser Handelsvolumen übertraf 2019 die 57-Milliarden-Euro-Marke und dieses Jahr auch das Niveau des deutsch-russischen Handels. Die deutschen Unternehmen finden bei uns einen sicheren Hafen. Wir stärken gemeinsam Europa.
          Ungarn hat 1989 den ersten Stein aus der Mauer aus Überzeugung rausgeschlagen. 2015 war es unsere Pflicht, den durch Schengen geschützten Binnenmarkt zu verteidigen (Kosten über 1 Milliarde Euro). Wir wollen uns gegenseitig stärken und nicht alimentieren.
          Dr. Péter Györkös, Botschafter von Ungarn, Berlin


          Mafia in Europa

          Zu „Niemand hat Falcone vergessen“ von Petra Reski, Venedig (F.A.Z. vom 8. Dezember): Die Empörung des italienischen Botschafters und anderer politischer Instanzen sowie der italienischen Presse kann ich absolut nachvollziehen. Wir sind Europäer, und der Mord an den beiden Staatsanwälten hat über Italien hinaus Empörung und Trauer ausgelöst, die auch heute noch nachwirken. Die Mafia ist leider nicht Geschichte, sondern auch in unserer Gesellschaft sicher immer noch aktiv. Das Urteil empfinde ich als Verhöhnung der Ermordeten und deren Angehörigen. Heike Miosga, Frankfurt am Main


          Universalantwort

          Zum Artikel „Die magische Einsame“ über die Schauspielerin Edith Clever zum achtzigsten Geburtstag von Botho Strauß im Feuilleton der F.A.Z. vom 12. Dezember: Nicht nur eine Hommage an Edith Clever, sondern gleich eine Universalantwort auf die Frage, wozu das Theater dient beziehungsweise einmal diente. Dazu noch ein pointierter Schluss, der seinesgleichen sucht. Vielen Dank, geschätzte F.A.Z., dass Sie den sprachgewaltigen Botho Strauß von Zeit zu Zeit für Artikel in Ihrer Zeitung gewinnen können.
          Anuschka Rosenthal, Bonn

           

          Christus war zunächst Mensch

          Dass ein katholischer Theologe wie Helmut Hoping die Vorstellung einer allgemeinen „menschlichen Natur“ als „Konstrukt“ ablehnt (F.A.Z.-Feuilleton vom 28. November), ist erstaunlich. Denn seit der Antike bekennen alle christlichen Kirchen, dass Christus in der Inkarnation keine konkrete menschliche Person annimmt (dann wäre er zwei Personen!), sondern die allgemeine menschliche Natur, die erst in der Person des Sohnes zu einem konkreten Menschen wird. Von daher ist es doch zutreffend zu sagen, Christus sei zunächst Mensch und erst in zweiter Linie Mann geworden.
          Die Formel, dass Christus die allgemeine menschliche Natur angenommen hatte, war das Ergebnis langer theologischer Diskussionen in der Alten Kirche. Sie wurde die Grundlage der mittelalterlichen Christologie, für die Allgemeinbegriffe wie „menschliche Natur“ keine nachträglichen Abstraktionen waren, sondern geistige Realitäten, die sich in den konkreten Einzeldingen erst verwirklichten. Von daher war es nicht nur möglich, sondern zwingend, dass Christus zur Erlösung die allgemeine Natur des Menschen angenommen hatte. Die Frage des Geschlechtes war demgegenüber sekundär: Weiblichkeit oder Männlichkeit wurden von den Scholastikern nur als akzidentielle Variation der einen menschlichen Natur verstanden, vergleichbar der Körpergröße oder der Augenfarbe.
          Zwar disputierten katholische Theologen bis weit in die Neuzeit darüber, ob Christus sich nicht auch als Frau hätte inkarnieren können, aber solche Spekulationen waren gleichbedeutend mit der Frage, ob er nicht auch hätte sündigen können. Frausein war ein Mangel an Menschsein, so wie Sünde ein Mangel an Gutem war. Wenn man wie Johanna Rahner und Dorothea Sattler den metaphysischen Begriff einer „menschlichen Natur“ reanimiert, um Geschlechtlichkeit sekundär erscheinen zu lassen, muss man sich klarmachen, dass er sich bislang eher dafür eignete, das weibliche Geschlecht als sekundär erscheinen zu lassen.
          Mit der Frühen Neuzeit verlor nicht nur die Vorstellung von Allgemeinbegriffen an Überzeugungskraft. Die wichtigsten Mediziner der Frühen Neuzeit vertraten nun die Vorstellung, Männer und Frauen seien zwei grundverschiedene Geschlechter. Wenn aber die menschliche Natur nicht mehr als allgemeine, sondern nur in konkreter körperlicher und geschlechtlicher Gestalt existiert, stellt sich erst recht die Frage: Warum hat sich Christus für eine Inkarnation als Mann „entschieden“? Sind Männer besser als Frauen? Ist Christus etwa nur für die Männer gekommen?
          Die Theologiegeschichte zeigt, dass weniger unsere theologischen Traditionen als unsere ganz und gar zeitgebundenen Ideen von Geschlecht darüber entscheiden, ob und wie wir uns Christus als Mann vorstellen. Gibt es nur ein Geschlecht in zwei Stufen? Gibt es eine ewige Schöpfungsordnung zweier Geschlechter? Oder sind die zwei Geschlechter nur Endpunkte eines Kontinuums mit unendlichen Zwischenstufen? Je nachdem wird man das Mannsein Christi sehr unterschiedlich beurteilen.
          Tatsächlich hat man das Verhältnis von Inkarnation, Priestertum und Geschlecht auch schon auf Weisen bestimmt, die sowohl den Befürwortern als auch den Gegnern der Frauenordination zu denken geben könnten. 1509 erinnerte der Humanist Agrippa von Nettesheim daran, dass die Sünde durch einen Mann in die Welt gekommen sei (Röm. 5,12). Christus habe sich als Mann inkarniert, um die Schuld zu sühnen, die die Männer auf sich geladen hätten. Und nur das sei auch der Grund, warum allein Männer als Priester Christus vertreten dürften. Priester zu sein bedeutet nach Agrippa, wie Christus die Strafe dafür zu tragen, ein Mann zu sein.
          Professor Dr. Anselm Schubert, Erlangen-Nürnberg





          Die F.A.Z. ist systemrelevant

          In diesen ungewöhnlichen Zeiten ist es sicherlich nicht ganz einfach, jeden Tag eine qualitativ hochwertige Zeitung zu erstellen. Ich möchte heute allen Redakteuren und Autoren dafür einmal herzlich danken!
          Abgesehen von der tagesaktuellen Berichterstattung und Kommentierung runden herausragende Artikel und Serien – Peter Sturms Blick zurück war sehr lesenswert – Ihre Leistung ab. Das große Korrespondenten-Netzwerk, die hochkarätigen Gastautoren aus Wirtschaft und Politik sowie die Vielfältigkeit der Themen tragen dazu bei, dass ich täglich aufs Neue bestens versorgt bin. In der F.A.Z. vom 14. Dezember hat mich besonders der profunde Fachartikel „Die dritte Welle der Künstlichen Intelligenz“ begeistert. Er sorgt dafür, dass ich auch beruflich auf dem Laufenden bleibe. Danke! Und bleiben Sie alle gesund. Sie sind systemrelevant. Susi Debus, Hamburg

           

          Nur so erträglich

          Vielen Dank, dass die F.A.Z. das Tun des Königs von Thailand hier in Deutschland so konsequent thematisiert, einschließlich der aufschlussreichen Fotos (F.A.Z. vom 12. Dezember). Die Schilderung der möglichen Steuerpflicht des königlichen Lieblingspudels „als Kampfhund“ ist einfach wunderbar. Wahrscheinlich lässt sich das Thema nur so ertragen, ohne dass man zum Kommunisten wird. Hans-Detlev Speckmann, Mönchengladbach

           

          Auswege aus der Corona-Krise

          Zum Artikel „Was will uns das Virus sagen?“ von Edo Reents (F.A.Z. vom 10. Dezember): Die inhaltliche Verbindung der drängendsten Themen der Menschheit, der Corona-Krise und dem Leiden der Welt an der Zerstörung der Schöpfung, taucht immer stärker, aber bisher noch unartikuliert, im allgemeinen Bewusstsein auf. Reents liefert einen konstruktiven Beitrag dazu und bleibt nicht bei Metaphern wie Krankheit, Schuld, Versäumnis, Umkehr stehen, sondern bietet Ansätze für Auswege.
          Dazu ein paar Gedanken: Angela Merkel hat vor dem Bundestag die Öffentlichkeit angefleht, in der Corona-Krise gemeinsam auf den Rat der Wissenschaft zu hören. In der Klimakrise stützt sich die Regierung ebenfalls auf einen wissenschaftlichen Beirat für Nachhaltigkeit. Dieser wird aber zu wenig gehört und ist in der Öffentlichkeit nicht präsent. In Talkshows kommen Wissenschaftlerinnen wie Maja Göpel (Generalsekretärin des Beirats) oder Antje Boetius nicht zum Zuge oder werden von Berufsrhetoren an die Wand geredet. Sie haben im Mai 2019 („Das Klima kippt und die soziale Balance kippt mit“) den bisher konkretesten mir bekannten Beitrag zur Lösung der Klimafrage in Ihrer Zeitung geliefert und in drei Punkten zusammengefasst, was zu tun ist. Erstens reale Preise: Man darf es nicht dahin kommen lassen, dass unsere verzweifelten Bauern mit Traktoren ein Warenauslieferungslager in Heilbronn blockieren, weil eine Sternfahrt nach Berlin keine Wirkung hat. Zweitens: aus der Gegenwartsfalle herauskommen. Hier tut Veränderung unweigerlich der Gesellschaft weh. Man führt die sogenannten Sachzwänge an. Aber die Klimakrise ist der eigentliche „Sachzwang“, der den Vorrang braucht. Reents hat die Tourismus-Branche als augenfälliges Beispiel angeführt.
          Drittens: ein Wir-Bewusstsein muss über das Ich-Bewusstsein dominieren. Auch hier ist die Corona-Krise, die uns für so vieles die Augen öffnet, eine Chance. Edo Reents weist, wie die beiden genannten Wissenschaftlerinnen, auf eine notwendige neue Form des Wirtschaftens hin. Hier wird auf Privilegien zu „verzichten“ sein. Die Menschen werden stabileres Glück im Wir-Sein finden. Bei einer notwendigen Veränderung muss eine Regierung den Weg kennen, muss führen und die Bevölkerung aufklären, muss die in einer sinnvollen Reihe durchzusetzenden konkreten Maßnahmen finden, unter einer Kanzlerin, die eine Leitlinie durchsetzt und wie in einer ständigen Kommission von jedem Ministerium den Kampf für das gemeinsame Ziel einfordert, mit Ministern, die über ihr Ressort hinaus aufklären und um Leidensbereitschaft werben. Die Pandemie ist dazu ein milder Vorgeschmack und ihre Bewältigung ein Probefall für mögliche Reaktionen im Leidensdruck. Manfred Berberich, Ubstadt-Weiher

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