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: Leserbriefe vom 17. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Vielleicht zu oft ausgestiegen? Ein Rückreisender im Wohnmobil wird im August an der Autobahn 8 getestet. Bild: dpa

Infektionsgeschehen +++ Pädophilie +++ Problemorientierter Unterricht +++ Kein schöneres Fortbewegungsmittel +++ Brexit-Verhandlungen

          5 Min.

          Wenn Alarmismus geschürt wird

          Zu „Mündige Bürger“ von Andreas Ross (F.A.Z. vom 14. Oktober): Die Intensität, mit der wir täglich über die Entwicklung des Corona-Infektionsgeschehens informiert werden, nähert sich meiner persönlichen Sättigungsgrenze. Ich schicke voraus, dass ich zur Risikogruppe gehöre und daher ein naheliegendes Interesse an der Entwicklung habe. Warum aber fokussiert sich die Berichterstattung so sehr auf die Zahl der Neuinfektionen anstatt auf die Zahl der Fälle, die intensivmedizinische Maßnahmen erfordern?
          Obwohl häufig als Zumutung empfunden, war die Akzeptanz der freiheitsbeschneidenden Maßnahmen anfangs so hoch, weil die Bevölkerung nachvollziehen konnte, dass das Gesundheitssystem einschließlich der Intensivbettenkapazität nicht überfordert werden dürfe. Das aktuelle eindimensionale Starren auf die Zahl der (erwartbar steigenden) Neuinfektionen sagt über die Schwere der individuellen Krankheitsverläufe überhaupt nichts aus, sondern schürt nur Alarmismus. Dieser ist auch ursächlich für die kurzatmigen erratischen Regelungen, deren Einhaltung schier unmöglich geworden ist. Ich erwarte von den Verantwortlichen daher zumindest eine ergänzende Berichterstattung über die Zahl der klinikrelevanten Fälle. Dies ist in meinen Augen der einzig plausible Wert für die Begründung notwendiger Schutzmaßnahmen. Max Heyder, München

           

          Der Pädophile kann sich nicht wehren

          Zu dem Kommentar „Warum erst jetzt?“ von Daniel Deckers (F.A.Z. vom 7. Oktober): Es ist an der Zeit, dass man, ohne gleich einer Diskriminierung beschuldigt zu werden, darauf hinweisen darf, dass Pädophilie eine genetisch erworbene, ernste „Besonderheit“ des sexuellen Verhaltens eines Menschen ist. Es ist eine Verhaltensstörung, die trotz eines in der Regel normalen sexuell-hormonellen Status des Betroffenen die für Sexualität zuständigen Verschaltungen in seinem zentralen Nervensystem auf Kinder lenkt. Der Pädophile weiß das, kann sich aber mit der Vernunft seines Soseins nicht dagegen wehren.
          Wie das Begehren eines Heterosexuellen, so ist auch das Begehren eines Pädophilen schließlich auf die dabei erlebte „Lust“ ausgerichtet. Dieses Erlebnis kann so stark sein, dass er die sträflichen Konsequenzen, die sich aus der Tat ergeben, völlig außer Acht lässt. In dieser Situation werden ihm mit ihren „Kenntnissen“ weder ein „qualifizierter“ Familienrichter noch ein Politiker helfen können. „Ein Schlag ins Gesicht aller Betroffenen“ ist vielmehr, dass man jene Initiativen der Ärzte (zum Beispiel in der Berliner Charité), die sich dieser Menschen angenommen haben und die ihnen versuchen zu helfen, immer noch zu wenig finanziell unterstützt.
          Hoffen wir, dass mit Hilfe der Gen-Schere „Crispr-Cas9“, für deren Erforschung Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna den Nobelpreis erhalten haben, eines Tages gelingen möge, Straftaten an Kindern zu verhindern. Das dürfte der richtige Weg sein. Ein Pädophiler, den man mit seinem sexuell-somatischen Problemen unbehandelt lässt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, wird seine Neigung, solange sein sexual-hormoneller Haushalt noch intakt ist, auch nach zwölf Jahren nicht verlieren.
          Professor Dr. med. Rafael Dudziak, Frankfurt am Main

           

          Methodisches Glanzstück

          Zu „Was im Unterricht wirkt“ von Rainer Werner (F.A.Z. vom 15. Oktober): Das „Fragend-entwickelnde Verfahren“ oder auch „Problemorientierter Unterricht“ war vor Jahrzehnten das methodische Glanzstück insbesondere des naturwissenschaftlichen Unterrichts an Gymnasien und der prägende Aspekt in meinem Referendariat. Ziel war die Initiierung von Erkenntnisprozessen bei der Erarbeitung komplexer Sachverhalte zur Erlangung des obersten Lernzieles – der allgemeinen Studierfähigkeit.
          Der geistige Anspruch des Lerngegenstandes konnte die „Primäre Lernbereitschaft“, man spricht in der Lernpsychologie auch von intrinsischer Motivation, in erheblichem Maße steigern. Dazu war jedoch der Frageimpuls, die Problemstellung, durch die kompetente Lehrkraft notwendig. Fachlich hochqualifizierte und methodisch versierte Lehrer beförderten Lernprozesse mit ihrem Können. Grundlage dieser unterrichtlichen Voraussetzungen war ein umfassendes, anspruchsvolles Lehramtsstudium. Heute spielen in der Lehrerausbildung fachwissenbasierte Studieninhalte keine entscheidende Rolle mehr.
          Die Pädagogik mit ihrer pseudowissenschaftlichen Redundanz beruft sich auf den Weg, der nun „Ziel“ genannt wird. So wichtig die methodischen Verfahren in der Tat sind, die Ziele in kognitiver, sozial-affektiver oder pragmatischer Definiertheit garantieren erst das Niveau assoziativ angelegter Denkprozesse. Das Primat der Pädagogik verunmöglicht „fesselnden Unterricht“ in der „aufregende(n) Welt des Wissens“, weil die „Begeisterung“ der Lernenden, wie die Lernpsychologie zeigt, ausschließlich mit Methodik nicht zu wecken ist.
          Werner Rosenbecker, Hiddenhausen

           

          Kein schöneres Fortbewegungsmittel

          Zu „Die Schwächsten unter uns“ von Edo Reents (F.A.Z. vom 14. Oktober): Ich fahre täglich mit Licht, Leuchtweste und Helm 20 Kilometer auf dem Fahrrad durch Berlin. Die im Artikel geschilderten Erlebnisse hatte sicher schon jeder Vielfahrer. Sehr viele von Großstadtleben und Verkehr gestresste Autofahrer blinken nicht mehr und biegen daher für uns Radler unvorhersehbar ab, wechseln die Spur oder parken unangekündigt aus. Die Anzahl schnell aufgeworfener Autotüren hat trotz Aufklärungskampagnen nicht abgenommen. Autofahrer kennen auch die aktuelle Straßenverkehrsordnung nicht und wissen nicht, dass Radfahrer (auch wegen des erbärmlichen Zustands der meisten Radwege) die Fahrbahn nutzen dürfen – Ausnahme sind Pflichtradwege (blaue Schilder).
          Auf der Fahrbahn werden wir dann von den Radhassern unter ihnen vollkommen bewusst und lebensgefährlich abgedrängt, geschnitten, ausgebremst, belehrt, beschimpft oder an der Ampel mit Wasser bespritzt. Für Radler, die zügig fahren möchten, sind die Radwege auch deshalb ungeeignet, weil sie häufig viel zu schmal sind und kein Überholen ermöglichen. Außerdem sind die Radwegmarkierungen auf Bürgersteigen, oft schon seit Jahren, zur Unkenntlichkeit verblasst, so dass es dauernd zu Diskussionen mit Fußgängern kommt. Viele Straßen sind durch beidseitig parkende Autos derart verengt, dass Radfahrer manche Strecken kaum nutzen können, wenn sie gleichzeitig ausreichend Abstand von Autotüren halten möchten. Auch für diesen, für uns lebenswichtigen Abstand werden wir beschimpft, bedrängt oder angehupt, selbst auf den vom Bezirk empfohlenen Fahrradrouten (grüne Schilder) oder in Tempo-30-Zonen.
          Dazu kommen die Gefährdungen durch Parker in zweiter Reihe, überhöhte Geschwindigkeit, Rot-Fahrten, Fußgänger, die zwischen parkenden Autos auf die Fahrbahn treten, Radfahrer ohne Licht, mit dunkler Bekleidung und Kopfhörern. Und trotzdem: Es gibt kein schöneres Fortbewegungsmittel als das Rad! Annette Winkelmann, Berlin-Wilmersdorf

           

          Standortmerkmale nicht nivellieren

          Zu dem Artikel „Nach-Brexit-Vertrag in weiter Ferne“ von Philip Plickert (F.A.Z. vom 2. Oktober): Wenn Michel Barnier in den Verhandlungen mit London gleiche Wettbewerbsbedingungen (a level playing field) fordert, übersieht er eine wichtige Voraussetzung. Die Gesetze eines Landes sollten vor allem den Wünschen der Bürger entsprechen. Daraus folgt, dass die Gesetze verschieden sein sollten, wenn die Wünsche der Bürger verschieden sind. Das gilt auch dann, wenn sich diese Gesetze auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit auswirken. Barnier scheint zu unterstellen, dass sich die Präferenzen der Bürger in Großbritannien und im Rest der EU nicht unterscheiden.
          Das Brexit-Votum und Johnsons Wahlsieg sprechen dagegen. Die Präferenzen der Bürger sind ein Standortmerkmal wie die Geographie und die Bodenschätze eines Landes. Sie bestimmen seinen komparativen Vorteil und die optimale internationale Arbeitsteilung. Man sollte nicht versuchen, Standortmerkmale zu nivellieren. Außerdem: Die Briten wollen deregulieren. Das passt zur Marktwirtschaft. Professor Dr. Roland Vaubel, Neustadt an der Weinstrasse

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