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: Leserbriefe vom 17. Dezember 2020

Mitarbeiter eines Krankenhauses in Madrid halten im April eine Schweigeminute nach dem Tod des Chefchirurgen der Klinik, der am Coronavirus starb. Bild: dpa

Selbstlosigkeit in Corona-Zeiten +++ Alfred Brendel zu Goethes Musikverständnis +++ Missbrauch und die Katholische Kirche +++ Energiepolitische Realitätsverweigerung +++ John le Carré +++

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          Nicht Selbstlosigkeit, sondern Angst

          Zum Artikel „Selbstlosigkeit ist stärker“ von Jasper von Altenbockum (F.A.Z. vom 28. November): Vielen Dank für Ihren Artikel, der sehr nachdenklich stimmt. Herr von Altenbockum zeichnet jedoch ein sehr verklärtes Bild zu den Gründen für die in der Bevölkerung relativ hohe Zustimmung zu den Corona-Maßnahmen: Selbstlosigkeit. Denn ich kann diese so nicht finden. Nach vielen Gesprächen innerhalb meines doch sehr weiten sozialen Umfelds finde ich stattdessen vorwiegend Angst und Sorge um die eigene Gesundheit. Wenn zum Beispiel unser befreundetes Ehepaar in den Endsiebzigern das übliche Kaffeekränzchen wegen Corona absagt, ist der Grund dazu nicht in der selbstlosen Sorge zu suchen, sie könnten uns anstecken. Der entscheidende Gedanke ist vielmehr, dass sie sich selbst anstecken könnten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Denn vorausgesetzt, diese Angst und Panik, die uns in einem ganz anderen Zusammenhang schon Greta Thunberg „einimpfen“ wollte, ist nach Faktenlage berechtigt – haben Politik und Medien tatsächlich gute Arbeit gemacht; wir verspüren diese Angst, diesen Selbsterhaltungstrieb. Ich würde sie aber weder als Selbstlosigkeit verklären noch die Corona-Demonstranten, die offenbar diese Form von Angst so nicht haben, als rücksichtslose Egoisten abstempeln. So schwarz-weiß ist die Corona Realität in Deutschland 2020 nicht. Constantin Stöckel, Hammersbach

          Musik war Goethes Lebenselement

          Zu Cord Garbens Leserbrief „Goethe und die Musik“ (F.A.Z. vom 12. Dezember): Goethes Leben und Wesen gerecht zu werden ist eine immense Aufgabe. Seine Vielseitigkeit hat manchen Goethe-Forscher davon abgehalten, sich mit seiner Beziehung zur Musik gründlich zu beschäftigen. Dass Goethe unmusikalisch gewesen sei, wie ein altes Vorurteil behauptet, entspricht nicht den Tatsachen. Goethe war, wie er selbst genau wusste, kein Musiker, doch war sein Bedürfnis, sich mit Musik zu umgeben und auf sie einzuwirken, stark und anhaltend. Es war von fixen Ideen geleitet, also unvollständig, aber es war durchaus ein Lebenselement. Seine Bewunderung für Mozart war grenzenlos. Dass er daneben Beethoven zu gewaltsam fand und auf Schubert nicht reagierte, hat zeitbezogene Gründe. Gibt es tatsächlich, wie Cord Garben erstaunlicherweise sagt, unter Goethes eigenen Äußerungen über Musik nichts, was „fachlicher Sicht“ standhält? Die kühnen Behauptungen, die Garben mir in die Schuhe schiebt, sind in der relevanten Goethe-Literatur belegbar. Der angebliche Amateur Carl Friedrich Zelter war in seinen späteren Jahren die Säule des Berliner Musiklebens und der hochangesehene Kompositionslehrer zweier der erfolgreichsten Musiker des 19. Jahrhunderts, Mendelssohns und Meyerbeers.Natürlich hat Goethe nicht die Bezeichnung „Lieder“ für bestimme Gedichte erfunden: Seit Klopstock und Herder bekräftigt dieser Titel die ideelle Verbundenheit von Lyrik und Musik. Unter den Autoren, die sich mit dem Thema „Goethe und die Musik“ eingehend beschäftigt haben, nenne ich Wilhelm Bode, Hermann Abert, Hans Joachim Moser und Norbert Miller. Auf ihren Forschungen beruhen meine Urteile. Hinzu tritt die umfangreiche Korrespondenz Goethes mit seinen Musikerfreunden Kayser, Reichardt und Zelter. Der in der F.A.Z. veröffentlichte Wortlaut ist eine stark gekürzte Fassung meines Vortrags für die London Goethe Society. Alfred Brendel, London

          Missbrauch ist kein katholisches Phänomen

          Zu „Massives Leitungs- und Kontrollversagen“ (F.A.Z. vom 3. Dezember) zum Thema: Missbrauch von Schutzbefohlenen ist ein Skandal. Wenn er durch Priester begangen wird, schreit er im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel. Insofern ist es zu begrüßen, dass die katholische Kirche in schonungsloser Offenheit aufklärt, genauer gesagt, durch unabhängige Stellen aufklären lässt. Und es ist auch gut, dass dies ans breite Licht der Öffentlichkeit kommt. Nur so gibt es eine reale Chance, dass einer Kontinuität vorgebeugt wird. Inwiefern die „rechtlichen Hürden“ im Erzbistum Köln „vorgeschoben werden“, wie der Artikel behauptet, bleibt gleichwohl erläuterungsbedürftig. Erläuterungsbedürftig bleibt auch, warum es keine auch nur annähernd vergleichbare Berichterstattung über Missbrauch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft gibt. So als wäre Missbrauch ein katholisches Phänomen. Eine katholische Diözese nach der anderen kommt jetzt mit entsprechenden Untersuchungsberichten an die Öffentlichkeit. Wo bleibt Vergleichbares aus der evangelischen Kirche, aus Sportvereinen, aus dem Berliner Senat, um nur ein paar Beispiele zu nennen? Haben die Opfer des Missbrauchs weniger Anspruch auf Anerkennung ihres Leids, wenn die Täter nicht aus der katholischen Kirche kommen? Karl Prinz zu Löwenstein, Brüggen

          Energiepolitische Realitätsverweigerung

          Im Wirtschaftsteil der F.A.Z. berichten Sie, dass die Grünen-Chefin Annalena Baerbock gegenüber Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wegen dessen Energiepolitik Vorwürfe erhebt („Das ist Realitätsverweigerung“, F.A.Z. vom 3. November). Das fordert mich zu einer Stellungnahme heraus: Realitätsverweigerung ist in Bezug auf die Energiefrage nicht nur beim Wirtschaftsminister, sondern in weiten Bereichen von Politik, Medien, Gesellschaft und auch Teilen der Wirtschaft gegeben. Zur Begründung seien vier naturgegebene Eigenschaften der Windkraft angeführt: Erstens geht die Windgeschwindigkeit in der dritten Potenz in die Leistungsdichte des Windes ein, was bei der Stromherstellung hohe Ausschläge nach oben wie nach unten zur Folge hat. Verdoppelung der Windgeschwindigkeit heißt achtfache Leistungsdichte, Halbierung ergibt nur noch ein Achtel. Zweitens gibt es in Europa eine hohe Korrelation des Windaufkommens: Schwach- und Starkwindphasen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht lokal, sondern großflächig auftretende Ereignisse, wie eine statistische Auswertung zeigt. Diese beiden Eigenschaften haben zur Folge, dass bereits geringe Schwankungen in der Windgeschwindigkeit gezwungenermaßen zu Mangel und Überangebot führen. Zugespitzt ausgedrückt können die Anlagen entweder nicht liefern, oder sie machen sich gegenseitig Konkurrenz. Das zeigen die Erzeugerdaten in Gegenüberstellung zur Nachfrage Tag für Tag. Drittens ist das Windaufkommen statistisch betrachtet vollkommen unabhängig von der Nachfrage nach Strom. Das führt neben den hohen Angebotsschwankungen zu heftigen und irrealen Preisausschlägen an der Strombörse. Schließlich gibt es, viertens, generell eine geringe Leistungsdichte des Windes. Diese führt letztlich zu geringen Energieerntefaktoren weit unter der wirtschaftlich sinnvollen Schwelle. Der Zubau von Windkraftanlagen führt zur Verstärkung der genannten Effekte von Mangel und Überangebot. Hier helfen auch Speicher nichts, zudem diese weder in technischer noch wirtschaftlicher Hinsicht in Sicht sind. Alle aufgeführten Eigenschaften unterliegen naturgegebenen und damit unveränderbaren Gesetzmäßigkeiten und lassen bei rationaler Betrachtung nur einen Schluss zu: Windkraftanlagen sind für die flächendeckende Stromversorgung unwirtschaftlich und unbrauchbar. Wäre dem nicht so, brauchte es keine Subvention nach dem EEG, mit deren Hilfe sich Windindustrie und Investoren seit 20 Jahren risikolos auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Im Entwurf der aktuellen EEG-Gesetzesnovelle einleitend zu behaupten, dass der Ausbau von Windkraft dem öffentlichen Interesse und der öffentlichen Sicherheit dient, ist allein schon aus den vier oben genannten Eigenschaften ebenso dreist wie falsch. Das Bedrückendste daran ist, wie beharrlich Politik und Medien einfachste physikalische und wirtschaftliche Zusammenhänge ignorieren und das Land in existentielle Nöte führen. Die Fortsetzung dieser Realitätsverweigerung kann nur im Scheitern enden, was mit wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit, massivem Wohlstandsverlust und steigenden sozialen Spannungen verbunden sein wird. Michael Saier, Freiburg

          Aktuelles Genre

          Zu John le Carré: Ich danke der F.A.Z. für die beiden ausgezeichneten Nachrufe auf beziehungsweise Beiträge zu John le Carré von Gina Thomas und Paul Ingendaay (F.A.Z. vom 15. Dezember). Insbesondere Paul Ingendaays Bemerkungen zum Thema Genre sind in einer Weise aktuell, wie man es zu Beginn des dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts nicht mehr für möglich halten sollte. Andrew James Johnston, Berlin

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